Die Lücken auf den Rängen werden nicht kleiner - die Abstände am eigenen Kreis immer größer. Und die Hoffnung auf ein spannendes Titelrennen in der 2. Handball-Bundesliga mit dem HSC Coburg in der Hauptrolle schwinden wie die Blätter an den wenigen Bäumen vor dem schmucken Sporttempel auf der Lauterer Höhe. 1205 Zuschauer erlebten am Samstagabend die erste Heimpleite der Vestestädter in dieser Saison. Tristesse macht sich breit.

Trainer Mraz gerät zunehmend in Kritik

Nach dem deprimierenden 27:30 gegen den TV Hüttenberg herrschte Frust pur. Fans, Spieler und Verantwortliche waren maßlos enttäuscht. Nach einer scheinbar beruhigenden 15:10-Führung (36.) wurden die "Gelben" förmlich überrollt. Überragender Spieler war Hüttenbergs Denker und Lenker Dominik Mappes mit neun Toren.

2. Bundesliga

HSC 2000 Coburg -

TV Hüttenberg 27:30 (13:10)

Der HSC tat sich von Beginn an schwer gegen die aufmerksame 6:0-Deckung der Hessen. Die Ausbeute nach zehn Minuten war dünn: Zwei Tore von Linksaußen Milos Grozdanic - eines vom Strich - und ein Treffer von Tobias Varvne. Viel zu wenig, aber für eine 3:2-Führung reichte es, weil Torsteher Jan Kulhanek in der Anfangsphase die sechs Quadratmeter hinten sich nahezu zunagelte.

Doch ein starker Torwart und ein flinker Varvne reichen nicht. Der HSC blieb vieles schuldig. Ideenlos und variantenarm im Aufbau, schlampig im Abschluss. Selbst eine 5:2-Führung gab den "Gelben" keine Sicherheit, geschweige denn Selbstvertrauen. Erfolgsgarant Florian Billek verhungerte auf Rechtsaußen, kam überhaupt nicht in Fahrt. Andreas Schröder und Varvne warfen eine Fahrkarte nach der anderen und Dieudonne Mubenzem rannte sich gegen seine Ex-Kameraden auf Halbrechts immer wieder fest (7:8/20.). Auszeit - Alois Mraz hatte an diesem Abend zum ersten, aber nicht zum letzten Mal erheblichen Redebedarf!

Das HSC-Problem hatte in dieser Phase einen Namen: Dominik Plaue. Der Fast-Zwei-Meter-Mann blieb dreimal im Eins-gegen-Eins Sieger. Zuerst zog er Billek im Nahkampf den Zahn, dann entschärfte er ein Geschoss von Merlin Fuß und schließlich kaufte er Kraftprotz Stefan Bauer den Schneid ab. Nur gut, dass Grozdanic vom Strich die Nerven behielt: 10:9 (27.). Die Hüttenberger kombinierten schön, fabrizierten in der Schlussphase von Durchgang eins aber auch drei technische Fehler. Die Strafe folgte: Fuß, Bauer und Kapitän Andi Schröder - alle guten Dinge waren drei und es stand 13:10.

Der Matchplan schien also doch auf zu gehen, die HSC-Jungs gingen jedenfalls mit einem guten Gefühl in die Kabine, während die VIPs bereits siegessicher einen Prosecco schlürften und den extra für das Spiel aufgetischten Hüttenberger Käse schlemmten.

Rot für Schwarz

Einer kam völlig übermotiviert aus den Katakomben: Hüttenbergs Philipp Schwarz knockte Fuß nach exakt 24 Sekunden in der zweiten Hälfte in bester Boxer-Manier aus. Rot für Schwarz - zurück in die Kabine! Für Fuß ein Wirkungstreffer in positiver Hinsicht. Der Mann mit der 13 auf dem Rücken lief jetzt gegen seinen Ex-Klub heiß. Drei tolle Treffer - er hatte maßgeblichen Anteil am kleinen Zwischenspurt. Über 15:10 hieß es nämlich in der 39. Minute 18:14.

Mappes zieht alle Register

Doch dann der unerwartete Einbruch: Hüttenbergs Trainer Johannes Wohlrab stellte erfolgreich um. Spielmacher Mappes kam jetzt auch in der Abwehr zum Zug, war so viel präsenter, forcierte die schnelle Mitte und war Dreh- und Angelpunkt der Hessen. Er warf und traf nach Belieben, nahezu jeder finale Pass ging über Mappes.

Und der HSC? Der Favorit hatte keine Antwort. Niemand fand in diesem entscheidenden Moment ein Rezept. Mraz nicht, auch die Assistenten Krause und Baucke nehmen keinen Einfluss. Billek schmollt auf der Bank, Schröder hadert mit seinem Wurfglück und auf den nachverpflichteten Mittelmann Lukas Juskenas wartet das Publikum vergeblich. Die Vier-Tore-Führung schmilz dahin.

Überhaupt blieben die Personalentscheidungen der Trainer ein Buch mit sieben Siegeln: Kulhanek raus, Jochens rein, Jochens raus, Apfel rein, Apfel raus, Jochens rein, Jochens raus, Kulhanek rein - kein Torhüter brachte noch einen Finger an den Ball. Auf der Gegenseite war das anders. Weshalb musste der abschlussstarke Fuß in seiner stärksten Phase runter von der Platte? Ersatzmann Mubenzem entwickelte keinerlei Durchschlagskraft. Oder Energiebündel Billek - der Rechtsaußen kam keine Minute mehr zum Zug. Gerade er, der mit seinen Emotionen das Ruder noch einmal hätte herumreißen können.

Doch die Coburger verteidigten zu behäbig. Die geistige Frische fehlte, die Kraft und Kondition ließen wieder einmal im zweiten Durchgang deutlich nach. Keiner packte im entscheidenden Moment beherzt zu. Viel zu brav agierte das "Möchtegern-Spitzenteam". Hüttenberg witterte deshalb die Chance auf die Sensation in Coburg. Der TVH legte immer wieder vor: 21:20, 22:21, 23:22 und 24:23 (50.), bevor er in der Crunchtime kurzen Prozess mit den überforderten Coburgern machte.

Die Gäste trafen jetzt nach Belieben, nutzten die Angst vor dem Verlieren gnadenlos aus und bestraften jeden Fehler. Was sich schon gegen Dormagen andeutete, nämlich die erste Saison-Schlappe vor den eigenen Fans, war jetzt nicht mehr aufzuhalten. Mraz kniete an der Außenlinie, schüttelte immer wieder verzweifelt den Kopf, wirkte ratlos. Mit dem Treffer zum 29:25 ins verwaiste HSC-Tor war in der 58. Minute die traurige Messe gelesen.

Die Statistik

HSC 2000 Coburg: Kulhanek (7 Paraden), Jochens (2 Paraden), Apfel - Preller, Fuß (4), Toom (2), Billek, Mubenzem (1), Juskenas, Varvne (7), Schäffer (1), Schikora (2), Kurch, Grozdanic (6/2), Schröder (2), Bauer (2)

TV Hüttenberg: Plaue (8 Paraden), Böhne (3 Paraden) - Schwarz (1), Kneer, Kirschner (2), Opitz, Theiss (2), Fujita, Weber (6/5), Rompf (2), Zörb (1), Reichl (1), Mappes (9), Hahn, Klein, Schreiber (6)

SR: Standke / Heine

Zeitstrafen: 6 (Bauer, Toom, Fuß) - 4 (Theis, Mappes)

Rote Karte: - / Schwarz

Siebenmeter: 2/2 - 5/5

Zuschauer: 1205

Kommentar von Christoph Böger: Raus aus der Komfortzone

Ernüchterung beim HSC. Die Mannschaft hat maßlos enttäuscht. "Gelb-Schwarz" ist meilenweit vom eigenen Anspruch entfernt. Wer in der 2. Liga oben mitmischen will, muss in eigener Halle anders auftreten. Mutiger. Selbstbewusster. Mit mehr Power!

Trotz Trainingslager, Mentaltrainer, Fitnesscoach, Technik- und Taktik-Analysen - keine Verbesserung in Sicht. Für den Cheftrainer wird der Herbst ungemütlich. Die Kritik an Alois Mraz wächst. Der Druck steigt. Die Fans sind sauer. Ganz normal, dass sie nach so einer Pleite über einen Trainerwechsel diskutieren und ihren Ex-Coach Jan Gorr wieder ins Gespräch bringen.

Alles Spekulation? Mag sein, aber Fakt ist: Der Chefcoach muss jetzt liefern. Möglichst schnell. Am besten schon in den nächsten Spielen. Der glücklose Tscheche ist angezählt. Mraz braucht Siege!

Der HSC steht am Scheideweg. Dem Klub droht nach der Corona-Chaos-Saison jetzt das Niemandsland in der 2. Liga mit weiteren Pleiten, Pech und Pannen. Denn nichts ist zu spüren von der erhofften Euphorie, die ausgelöst werden sollte, um enttäuschte Fans zurückzuerobern. Ganz im Gegenteil: Früh in der Saison machen sich Frust und Resignation breit.

Keine einfache Situation für die Führungsriege. In zwei Wochen finden Neuwahlen statt. Die Fans sind gespannt, mit welchen Ideen und Innovationen die Macher ihren Klub zurück in die Erfolgsspur führen wollen. Das Spitzentrio Stefan Apfel, Matthias Dietz und Jochen Knauer muss raus aus der Komfortzone, darf sich nicht länger hinter ihrer "Allzweckwaffe" Jan Gorr verstecken. Jetzt ist klare Kante gefragt. Mehr Biss von oben - damit die Profis auf der Platte endlich aufwachen.