Wir wissen seit langer Zeit, was zu tun wäre. Das "Erdgipfel" von Rio der Janeiro 1992 gilt als ein wichtiger Meilenstein in globaler Umweltpolitik. Die dazugehörige Rio-Konvention und Agenda 21 formulieren nicht nur das Leitbild und Ziele der nachhaltigen Entwicklung. Es wird ein gemeinsamer Wille und Verantwortung formuliert, die Ressourcen der Erde langfristig so zu nutzen, dass alle Länder gerechte Entwicklungsaussichten erhalten und dabei die Aussichten der künftigen Generationen auf ebendiese nicht einschränken.

Lokale Agenda 21

Beinahe 30 Jahre ist das her. Und seitdem ist klar: Klimaschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe, in der auch Kommunen ihren Beitrag leisten müssen. Auch unsere. Aber was ist seitdem passiert?

Auf der Grundlage von Agenda 21 und einem Grundsatzbeschluss des Coburger Stadtrates startet Ende der 90er Jahre unter breiter Bürgerbeteiligung ein Prozess für eine Lokale Agenda 21. Darin wurden Ziele und Maßnahmen für eine zukunftsfähige und gerechte Stadtentwicklung erarbeitet. Es gab mehrere runde Tische als "Ideenschmieden" im Agenda-Prozess. Themenfelder waren unter anderem Soziales, Jugend, Energie und Mobilität. Es gab einen Sprecherrat und einen Agendarat mit 60 Vertreteri:nnen zu unterschiedlichen Fachthemen. Von außen betrachtet war es ein gelungener Prozess mit aktiver Teilhabe und Mitwirkung, klaren Zielen und konkreten Maßnahmen. Ein Prozess mit einer großen Strahlkraft und als Maßstab für eine kooperative Planung und Prozessgestaltung im Sinne einer gemeinwohlorientierten Entwicklung.

Seit 18 Jahren

Doch die Frage bleibt, was ist davon konkret umgesetzt und wo stehen wir in dem Prozess? Ein Beispiel dafür ist der Antrag des Runden Tisches Mobilität auf "Planung einer itzbegleitenden Radwegeinfrastruktur " von 2003. Dieser Antrag befindet sich seitdem im Geschäftsgang, also seit rund 18 Jahren. Trotzdem flammen immer wieder Diskussionen darüber auf, einige Teilstücke werden aktuell diskutiert und eventuell auch umgesetzt. Von einer Gesamtlösung sind wir noch weit entfernt. Eine weitere Maßnahme ist die Beteiligung der Stadt Coburg am europaweiten Aktionstag "In die Stadt - ohne mein Auto".

Seit zwei Jahren organisieren zivilgesellschaftliche Gruppen in Rahmen des Nachfolgeprojektes "Europäische Mobilitätswoche" unter der Schirmherrschaft der EU-Kommission und des Umweltbundesamtes Thementage zur nachhaltiger Mobilität vor Ort. Deshalb fand vor kurzem in der Ketschenvorstadt ein "Park Inn" statt. So finden die Umsetzungen der großen gesellschaftlichen Aufgaben der Agenda 21 praktisch und vor Ort statt. Leider geschieht die Umsetzung zu langsam, zu spät und zu wenig konsequent.

Kritik an Glasgow

Es ist ein Dilemma im allgemeinen Nachhaltigkeitsdiskurs. Wir wissen seit langem, welche Schritte und Maßnahmen umzusetzen sind, wir haben sowohl skalierbare technische Mittel als auch finanzielle Möglichkeiten, eine starke Zivilgesellschaft und sind rechtlich dazu verpflichtet. Es zeigt sich, dass wir kein Erkenntnisproblem, sondern einen Umsetzungsproblem auf vielen Ebenen haben. Kritik gibt es auch nach dem Abschluss des Gipfels von Glasgow. Prof. Dr. Niklas Höhne, Leiter und Geschäftsführer, New Climate Institute, Köln sagt: "Lebt das 1,5-Grad-Ziel noch? Glasgow hat das 1,5-Grad-Limit wiederbelebt, es befindet sich jedoch immer noch auf der Intensivstation. Neue nationale Klimaziele und Initiativen haben uns einen kleinen Schritt vorangebracht. Aber mit diesem Tempo ist das 1,5-Grad-Ziel verloren." Auch Abkommen zum Schutz der Regenwälder wurden unter anderem von "Fridays for Future" kritisiert. Kurz vor dem Klimagipfel lag der Emissionslückenbericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) vor. Er zeigt zwar, dass die globalen Emissionen absinken. Das ist eine gute Nachricht. Die Welt befindet sich aber weiterhin auf einen Temperaturanstiegspfad von 2,7 Grad Celsius im Jahr 2100.

Jetzt beginnen

Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend um effektive Maßnahmen umzusetzen und den Ausstoß an Treibhausgasen entschlossen zu reduzieren. Die letzten Jahre waren von Nachbesserungen in klein klein dominiert, statt auf die Ziele der Klimaneutralität zu fokussieren. Die Emissionslücke ist jetzt so groß, dass die Industrieländer, zusätzlich zu den Anpassungen bei den eigenen Maßnahmen, auch den Entwicklungsländern helfen werden müssen, ihre eignen Emissionen schnell zu reduzieren. Für die 1,5 Grad laut Pariser Abkommen sollten die in den nationalen Klimaplänen zu erwartenden Emissionen um weitere 55 Prozent gesenkt werden. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Es zeigt auch, dass es noch viel Potenzial für mehr Klimaschutz gibt und vor allem, dass wir noch was tun können. Dies gilt auch für den Itzradweg und die Ergebnisse der Lokalen Agenda 21. Die Felder Energie, Mobilität und auch das soziale Miteinander sind entscheidend.

Green Deal Coburg 2030

Es lohnt sich, noch mal zu schauen, ob manche angedachten Pfade, Überlegungen und Maßnahmen wieder aufgegriffen, angepasst, fortgeschrieben und schnell umgesetzt werden können. Der vom Stadtrat im Juli beschlossene "Green Deal Coburg 2030" und die dort genannten Handlungsfelder sind ein gutes Angebot, hier zu mehr Umsetzung zu kommen. Gehen wir es gemeinsam an.

Mario Trvtkovi c

ist Professor an der Hochschule Coburg für nachhaltigen Städtebau und Entwicklung von Stadt und Land sowie

Transformative Forschung und

Stadtmorphologie