Dr. Klaus Weschenfelder macht einen - aufgeräumten Eindruck. Ja, (fast) alles aufgeräumt, umgesetzt, was er sich vorgenommen hat in seiner Amtszeit als Direktor der Kunstsammlungen. Nicht dass seine 16 Jahre auf der Veste bequem gewesen wären, im Gegenteil, es gab verdammt viel zu tun. Doch zur Verabschiedung in den Ruhestand - die offiziell am nächsten Mittwoch zur gleichzeitigen Eröffnung der neugestalteten Glassammlung erfolgen wird - lautet sein Resümee, mit ruhigem Lächeln formuliert: "Ich bin sehr zufrieden, es lief alles sehr gut. Wir haben hier ein tolles Haus, eine tolle Sammlung, eine tolle Mannschaft." Da war keine Themenstellung, die ihn richtig geärgert hat, abgesehen vom Ringen um die Anerkennung der Veste als kulturelles Welterbe im Verbund mit weiteren Lutherstätten. Doch die lag nun mal nicht in seinem Ermessen.
Davon abgesehen gab es in der Dienstzeit von Klaus Weschenfelder große Baumaßnahmen, wichtige strukturelle Neuordnungen der Sammlungen, intensive künstlerische und wissenschaftliche Arbeit. Vor allem der Neubau des Museums für modernes Glas in der Rosenau (mit nachdrücklicher Hilfe des Kunstmäzens Otto Waldrich) hat den Stellenwert der Coburger Kunstsammlungen auf europäischem Niveau nochmals intensiviert.


Aber der Reihe nach

Klaus Weschenfelder kam 2002 als Nachfolger von Michael Eissenhauer, der mittlerweile Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin ist. Weschenfelder hatte in seiner Heimatstadt München Kunstgeschichte und Pädagogik studiert und war zuletzt Leiter des Mittelrhein-Museums Koblenz. Als er in Coburg antrat, waren die Planungen für die Renovierung des Fürstenbaus bereits angelaufen. Mit dem Tod von Prinz Friedrich Josias 1998 war das Wohnrecht des Herzogshauses auf der Veste erloschen; der Fürstenbau wurde den Kunstsammlungen zur Nutzung übertragen. Unter Weschenfelders Leitung wurden dann nicht nur die herzoglichen Räumlichkeiten zur Präsentation hergerichtet; sie werden seit der Eröffnung 2008 auch thematisch genutzt, mit Ausstellungsobjekten aus eigenen Beständen.
Mit der Entscheidung für die Wiederaufnahme des internationalen Wettbewerbes Coburger Glaspreis, der 2006 und 2014 dann durchgeführt wurde, begannen auch die (schwierigen) Planungen für den Neubau eines Glasmuseums. Dass die Eröffnung des Fürstenbaus im März 2008 und die Einweihung des neuen Glasmuseums in der Rosenau im September des gleichen Jahres möglich war, dankt Weschenfelder seinem "Team" von 40 Mitarbeitern, die sich ungemein identifizierten mit der Veste. Es ging ja in beiden Fällen nicht nur um Baumaßnahmen, sondern um die Konzeption und Einrichtung neuer Museen.


Damit man die Kunst sehen mag

Weschenfelders großes Anliegen war die zeitgemäße Überarbeitung der bedeutenden Sammlungen. Was nützen die tollsten Bestände, wenn sie keiner mehr ansehen mag. Die Wahrnehmung der Kunstinteressierten in unserer grellen Medienwelt hat sich sehr verändert, aber ebenso auch die musealen und pädagogischen Einsichten.
Nächsten Mittwoch nun wird der vierte und letzte Teil des großen Projektes der Öffentlichkeit präsentiert, die neu gestaltete Glassammlung. Zuvor war die Altdeutsche Sammlung, zu der auch die mit Hilfe der Stadt erworbene Sammlung Schäfer gehört, in aufschlussreicheres Licht getaucht worden, die Cranachs wurden in neuem Konzept präsentiert. Letztes Jahr wurde ein komplett neues Artillerie-Museum auf der Gedeckten Batterie eröffnet, gar nicht zu reden von all den Arbeiten mit den Waffen- oder auch Münzsammlungen. Und das Kupferstichkabinett mit seinen über 220 000 Grafiken ist ohnehin eine Welt für sich.
Das alles kostete Geld. Weschenfelder ist durchaus stolz darauf, 19,5 Millionen Euro an Sponsoren- und Spendengeldern gesammelt zu haben, wie er grob überschlagen hat, was auch für die gute Verankerung der Kunstsammlungen im Bewusstsein der regionalen Wirtschaft spricht. "Drittmittel zu akquirieren bleibt ein wichtiges Thema", betont Weschenfelder.
Das gute Renommee der Kunstsammlungen erkennt der scheidende Direktor auch an der gestiegenen Zahl von Schenkungen und Dauerleihgaben, etwa die spektakuläre Sammlung kunstvoller Waffen des Orients von Werner Uhlmann.
Was die interne Verwaltung anbelangt, blickt Weschenfelder zurück, musste das Personaltableau "umgestrickt" werden, was in ministerialen Abhängigkeiten eine mühsame Angelegenheit gewesen sei. Nur vier Kuratoren (den Direktor eingeschlossen) für die riesigen Sammlungen, das sei alles andere als üppig. Blicken wir bloß nicht zu vergleichbaren Einrichtungen in München...


Die Coburger und ihre Veste

Und wie war das noch Mal mit den Beziehungen der hoch droben thronenden Veste zu den Leuten in der Stadt? Die Vorgänger Weschenfelders beklagten die isolierte Existenz auf dem Berg. Da kommen jährlich 80 000 bis 100 000 Besucher aus aller Welt auf die Veste, die Coburger selbst aber, naja. Weschenfelder lacht. Über die Zusammenarbeit mit städtischen Einrichtungen brauche er sich nicht beschweren. Ansonsten aber: "Die Coburger sehen ihre Veste am liebsten aus der Ferne." Was bedeutet, dass sie sehr hohen Stellenwert als Identitätssymbol in der Landschaft hat. Wehe, irgendwer würde irgendwie an ihr rütteln. Aber in die Sammlungen gehen, das könnte man ja jederzeit. Also tut man es eher selten.
Wobei sich Weschenfelder dann doch nicht beklagen braucht; die in den letzten Jahren eingeführten Kinder- und Familienangebote, die großen Veranstaltungen werden doch sehr gerne angenommen. Und die Landesausstellung zum Lutherjahr, die brachte einen zusätzlichen Schub.


Ein großer Katalog

Wenn Klaus Weschenfelder Ende April seine Aufgaben an seinen Nachfolger Sven Hauschke übergeben haben wird, will er mit seiner Frau erst Mal auf Reisen gehen, wohin und wie lange er will. Wohnen bleiben aber wird er in Coburg. Irgendwann werde er sich dann sehr wohl wieder den Büchern und Kunstwerken zuwenden, aber ohne Druck. Er hat schon noch Fragen im Hinterkopf. Umso mehr freut er sich, dass er zum Abschluss seiner offiziellen Tätigkeit noch ein "richtiges" wissenschaftliches Werk publizieren kann, einen Bestandskatalog zu den 42 Cranach-Gemälden der Veste, der Ende April präsentiert werden soll.

D ie Veste Coburg ist keine Ausstellungshalle. Aber sie beherbergt europaweit bedeutende historische Sammlungen, die nicht nur erhalten und gepflegt werden müssen. Sie können und sollen auch Impulse für die geistig-kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft bieten. Darin liegt ein wesentlicher Wert unserer Schätze.
Unter Klaus Weschenfelders Leitung gab es immer wieder spannende, historisch aufklärende, unsere heutigen Sichtweisen herausfordernde Ausstellungen. Auch wenn Weschenfelder als Direktor vor allem interne Führungsaufgaben zu erfüllen hatte, betätigte er sich immer wieder selbst als engagierter Ausstellungsmacher. Die große Schau "Appelles am Fürstenhof" blickte nicht nur auf die Rolle des Künstlers im 15. Jahrhundert, sondern warf das Licht zurück auf den Stand heutiger Künstler und Kunstbeauftragung.
Unter dem Titel "Bin ich schön" ging Weschenfelder dem Wandel des Schönheitsbegriffes im Laufe der Jahrhunderte nach. "Es war toll, was ich hier alles machen konnte."


Unter Polizeischutz

Und der richtige Mann zur rechten Zeit war er mit seiner "Lust an der Lästerung". Das Thema unter dem prononcierten Titel zog weite Kreise, wurde von vielen Einrichtungen aufgenommen; es gibt jetzt sogar einen Sonderforschungsbereich über die Bedeutung der Schmähung in Dresden. Weschenfelder musste viele Vorträge dazu halten, 2015, eine Woche nach dem Mordanschlägen auf Charlie Hebdo und andere Einrichtungen in Paris sogar unter Polizeischutz.
Sage keiner, die Kunsthistoriker würden nur in ihren Elfenbeintürmen vor sich hin schwärmen. Klaus Weschenfelder war bei aller inhaltlichen Leidenschaft, die manchmal ganz unerwartet aufblitzte, ein pragmatischer, dabei sehr effektiver und wirkungsvoller Macher mit konsequentem Blick auf den heutigen Kunstnutzer.