Einfach nur abhauen, einfach nur weg - flüchten aus Corona-Land, kurzentschlossen mit leichtem Gepäck Urlaub genießen in einem Land ohne Viren-Gefahr und Masken-Pflicht. Dieses ersehnte, erträumte Land freilich ist in keinem Atlas zu finden, denn es ist das ferne Land der Erinnerungen. "Globe Songs" haben Rudolf Hild und Matthias Straub ihr gemeinsames Projekt genannt, das nach der vor zweieinhalb Wochen krankheitsbedingt kurzfristig abgesagten Premiere nun doch erstmals auf der Bühne des Landestheaters Coburg zu erleben war.

Singendes Darsteller-Sextett

In welche Genre-Schublade passen diese "Globe Songs"? Coburgs Schauspieldirektor Matthias Straub als Regisseur spricht ganz einfach von einem szenischen Konzertabend, den ein singendes Darsteller-Sextett und eine siebenköpfige Band unter Leitung von Roland Fister zum klingenden Leben erwecken. Till Kuhnerts Bühnenbild beschwört ganz bewusst Erinnerungen herauf an spontane Balkonkonzerte in Italien in Lockdown-Zeiten im Frühjahr, ermöglicht aber auch mit diversen Requisiten rasche Verwandlungen.

Unsichtbare Jukebox

Dieser melodienreiche Theaterabend funktioniert im Grunde wie eine unsichtbare Jukebox. Hit für Hit darf das Premieren-Publikum in Erinnerungen schwelgen, von der unverwüstlichen Hymne "You never Walk Alone" bis "Locomotive breath" von Jethro Tull, von Joe Cockers "With a little Help from my Friends" bis "Happy together" von den Turtles.

Das sechsköpfige Darstellerensemble mit Marina Schmitz, Veronika Hörmann, Marina Pechmann, Florian Graf, Niklaus Scheibli und Benjamin Hübner beweist immer wieder verblüffende vokale Talente (beispielsweise Florian Graf mit einer intensiven a Cappella-Version von Janis Joplins "Buy me a Mercedes Benz"). Vor allem aber bringen sie diese internationale Hit-Parade mit ausdauernder Spielfreude sehr lebendig auf die Bühne.

Viele witzige Details

Als Regisseur konzentriert sich Mathias Straub darauf, diese zum fast pausenlosen Medley kondensierte Hit-Kollektion mit allerlei effektvollen choreografischen Elementen durch Julia Grunwald anreichern zu lassen. Dazu setzt er die einzelnen Nummern immer wieder auch mit witzigen Details wirkungsvoll in Szene. Kräftige Unterstützung erhält er dabei von Carola Volles und ihren pointiert den jeweiligen Zeitgeist herbei zitierenden Kostümen sowie von passend ausgewählten Requisiten.

Siebenköpfige Band

Ganz entscheidend für den lautstarken Erfolg natürlich ist die siebenköpfige Band unter Leitung von Coburgs "Mister Musical" Roland Fister, die die singende Schauspieler-Schar auch dann musikalisch sicher durch den Abend geleitet, wenn der rhythmische Funke vielleicht doch mal nicht sofort zünden will. Mit seinen brillanten Gitarren-Soli verschafft Rüdiger Eisenhauer, in Coburg durch diverse Produktionen bereits bestens bekannt, den Akteuren zwischendurch immer wieder Mal kurze Verschnaufpausen.

Nach reichlich Szenenapplaus gibt es am Ende ausdauernde Ovationen im ausverkauften Haus. Dass ein ausverkauftes Landestheater in Corona-Zeiten zwangsweise noch viele leere Plätze bietet, war an der Laufstärke des Beifalls freilich nicht zu hören.

Das Gespenst der Pandemie mit Applaus vertreiben? Einen rundum gelungenen Premierenabend lang kann das durchaus gelingen - allen neuen Anti-Corona-Beschlüssen in Berlin zum Trotz.

Rund um die "Globe Songs" am Landestheater Coburg

Theater-Tipp "Globe Songs - Episode I" Konzertabend von Rudolf Hild und Matthias Straub - , 25. Oktober, 18 Uhr, 31. Oktober, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Produktionsteam Musikalische Leitung/Musikalische Einstudierung: Roland Fister

Musikalische Einstudierung/Arrangement Rudolf Hild

Inszenierung: Matthias Straub

Bühne: Till Kuhnert

Kostüme: Carola Volles

Choreografie: Julia Grundwald

Sounddesign /Video: Constantin Eckhardt

Dramaturgie: Fabian Appelshäuser

Regieassistenz: Amelie Elisabeth Scheer

Inspizienz: Kerstin Mertl

Darsteller Marina Schmitz Veronika Hörmann

Marina Pechmann

Florian Graf

Niklaus Scheibli

Benjamin Hübner

Hintergrund Popmusik umgibt die Menschen so omnipräsent wie kaum ein anderes kulturelles Phänomen. Wie ein guter alter Freund begleitet sie das Leben. Manchmal besuchen Menschen mit ihr vergangene Stationen ihres Lebens: den Campingplatz in Italien, den ersten Tanz, den ersten Kuss, das erste Konzert, den ersten Grand Prix im Wohnzimmer der Eltern oder die Abschlussfahrt. Nick Hornby, der dieser Liebe zum Alltäglichen in "High Fidelity" ein Denkmal gesetzt hat, beschreibt diese Qualität, indem er sagt: "Popmusik macht, dass du dich gleichzeitig nostalgisch und hoffnungsvoll fühlst."

Auf den Spuren dieses ambivalenten Gefühls werfen Matthias Straub und Rudolf Hild ein paar Münzen in die kollektive Jukebox und bringen einen Konzertabend auf die Bühne, der in der Fantasie den Londoner Regen spüren lässt, die Sonne des Summer of Love oder auch die Sehnsucht nach den Straßencafés Italiens weckt. Interpretiert werden die Songs von einer siebenköpfigen Band und sieben Schauspielerinnen und Schauspielern.