Die Situation spitzt sich zu, um es vorsichtig auszudrücken. Ende 2018 läuft die "Betriebsgenehmigung" für das nach dem Wasserschaden von 2013 notdürftig wieder in Gang gesetzte Landestheater Coburg aus. Und im Moment weiß man noch immer nicht genau, wo gespielt werden soll, wenn die Generalsanierung am Schlossplatz durchgeführt wird.


Eine Machbarkeitsstudie hat zwar gezeigt, dass die alte Dreifachturnhalle am Anger, die durch eine neue Sporthalle in der Karchestraße ersetzt wird, soweit umzurüsten wäre, dass man dort relativ komfortabel Theater spielen könnte.

Doch das steht jetzt wieder zur Disposition. Quer durch alle Fraktionen, sagt Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD), werde noch einmal die Frage nach der sinnvollsten Lösung gestellt.
Über fünf Millionen Euro investieren dafür, dass man am Ende noch immer eine über 40 Jahre alte Halle hat? Fragt sich nur nachdrücklich, welcher Spielraum angesichts der Zeitnot bleibt. Doch selbst die Zelt-Lösung wird gegenwärtig wieder diskutiert. Am vergangenen Freitag hat man sich in München das Tollwood-Zeltgelände angesehen.


63 Millionen und dann sterben?

Was jeder genau weiß, oder wissen sollte, ist, dass das Landestheater für die Bedeutung Coburgs, für Image, Attraktivität im Hinblick auf Fachkräfte, Lebensqualität, Ausstrahlung, als Standortfaktor für die Wirtschaft kaum zu überschätzen ist. Ein Publikum von 130 000 Besuchern im vergangenen Jahr ließe sich aber nicht über Jahre in zweifelhaften Ausweichstätten halten. In der heute herrschenden Angebotsüberfülle später einmal verlorenes Terrain wieder zu gewinnen, ist unwahrscheinlich. Dass man am Ende ein saniertes Haus von nur noch musealer Bedeutung hat - das darf nicht geschehen. Krass formuliert: Für 63 Millionen Euro sanieren, um dann in Schönheit zu sterben?


Wohin mit den Mitarbeitern?

Eine attraktive Interimslösung zu finden, ist also die Schlüsselfrage. "Dann müsst ihr halt mal a bissla improvisieren, dann könnt ihr halt mal eine Weile net..."- Landestheater-Intendant Bodo Busse schreit mittlerweile auf, wenn er solche Sätze hört. "Es geht schlicht nicht so, wie sich das manche vorstellen. Das Landes theater ist ein nicht unbedeutender Arbeitgeber von 260 Angestellten in verschiedenen Tarifverträgen, die im Übrigen ja auch zum örtlichen Wirtschaftsleben beitragen. Was soll denn mit denen in den Jahren der Sanierung geschehen?"


Dabei ist die Finanzierungsvereinbarung mit dem Freistaat Bayern als Eigentümer des Landestheaters nach mindestens zehn Jahren der Verhandlungen endlich unterschriftsreif. Laut Staatsvertrag von 1920 sind Freistaat Bayern und Stadt Coburg gemeinsam in der Pflicht. Doch gerade wenn es um grundsätzliche Investitionen geht, ist die Konstellation schwierig. In einer Sondersitzung soll der Stadtrat am 12. Januar über das mittlerweile Verhandelte entscheiden, also nach zahllosen Sitzungen und Verhandlungen in München und Coburg doch wohl zustimmen.


Die Entscheidung über eine passende Interimslösung ist fester Bestandteil der Vereinbarung.
Bei dieser größten Maßnahme in der Geschichte des 1840 eröffneten Gebäudes geht es um mehr als die Absicherung der Bausubstanz. Der Freistaat, der 75 Prozent der Sanierungskosten trägt, hat sich bereit erklärt, gegen Übertragung in Erbpacht auch 50 Prozent der für die Sanierung des Kyrill-Palais (jetzt noch Kinderhaus) plus eines neuen Anbaus veranschlagten 14,2 Millionen Euro zu übernehmen. Was er nicht müsste. Dort sollen dringend benötigte Probenräume für Chor und Orchester und die Verwaltung untergebracht werden. Im Haupthaus selbst können nur die technischen Dienste verbleiben. "Wir sind sehr froh, dass sich der Freistaat zu dieser Lösung durchgerungen hat", betont OB Tessmer.


Jetzt muss geplant werden

Der Intendant, der den Umzug und ein Programm unter vollkommen anderen Spielbedingungen längst im Detail planen müsste, rauft sich allmählich die Haare: "Wir hängen vollkommen in der Luft." Beispiel gefällig? "Wenn ich 2019 ein attraktives Musical bringen soll, etwa "Les Misérables", dann muss ich mich jetzt um die Rechte bemühen und dafür ein künstlerisches Konzept vorlegen, das von den technischen Bedingungen abhängt."


Im Winter zu kalt...

Busse hat sich mit den Stadtverantwortlichen in den vergangenen Jahren alle möglichen Lösungen in der Republik angesehen. "Ein Theaterzelt kommt für unsere Anforderungen hier nicht infrage", ist er überzeugt, "im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt, die Akustik von außen, die Beschallung der Umgebung." Und außerdem brauche keiner die Betriebskosten für ein Zelt zu unterschätzen. "Ein Interim ist ein Interim, es wird auf jeden Fall Geld kosten." "Freilich", nickt dazu der OB, "wenn wir da auch schnell mal ein paar Milliönchen hinlegen müssen für dann doch ganz unzureichende Bedingungen..."


Der Freistaat übernimmt auch 75 Prozent der für das Interim eingeplanten fünf Millionen Euro. Nur dürfte er keinesfalls bereit sein, 75 Prozent für einen sicherlich wünschenswerten, auch später weiter zu nutzenden Neubau, etwa am Platz der dann abgerissenen Dreifachhalle, zu leisten. Das wäre dann erst einmal allein Coburger Sache. Und wäre eine solche Planung in der noch zur Verfügung stehenden Zeit überhaupt machbar? Bodo Busse jedenfalls formuliert klar: "Sollte sich der Stadtrat jetzt doch für ein Zelt entscheiden, dann brauchen wir eine weitere Spielstätte für das Schauspiel. Das geht im Zelt gar nicht. Was dadurch an Kosten gespart werden soll, ist mir schleierhaft. Heidelberg hatte ein Zelt. Und musste dann ganz schnell das Schauspiel woanders unterbringen."


Also lief in Coburg zuletzt alles auf die Ertüchtigung der alten Dreifachturnhalle hinaus. "Klar wäre eine neue Halle schön, später für Konzerte, Gastspiele zu nutzen. Ich sehe allerdings nur noch die für den Theaterbetrieb ertüchtigte alte Angerhalle als praktikable Lösung. Die Machbarkeitsstudie hat gezeigt, dass es geht. Raum gäbe es genug. Also lasst uns das jetzt machen, die Zeit drängt sehr. Wir müssen für einen geordneten Übergang sorgen."