Johannes Wagner, Bundestagsabgeordneter der Grünen aus Coburg, meldet sich in einer Sitzungspause per Telefon. Während die Stimmen für die Bundestagsvizepräsidenten ausgezählt werden, haben die 736 Parlamentarier ein paar Minuten freie Zeit. Vor gut vier Wochen stand Wagner zum ersten Mal in dem früheren Reichstagsgebäude, sah die verbliebenen Schriftzüge sowjetischer Soldaten an den Wänden und die Hinweise zur Geschichte des Gebäudes. "Man kommt sich klein vor, aber auch sehr privilegiert, dabei zu sein", sagt er.

Sein Kronacher Bundestagskollege Jonas Geissler von der CSU hat den Reichstag schon mehrmals besucht. Trotzdem war es auch für ihn ein besonderes Gefühl, im Plenarsaal zu sitzen, den großen Bundesadler vor Augen. "Mir ist da noch mal neu die Verantwortung bewusst geworden", sagt er. Geissler ergatterte gestern bei freier Platzwahl einen Sitz in der Mitte des Unions-Blocks. Obwohl die Sessel breit sind, fand er es "ungewöhnlich eng, dafür, dass wir eineinhalb Jahre Abstand gehalten haben".

Die vier Wochen zwischen Wahl und konstituierender Sitzung verbrachten Geissler und Wagner mit Vorbereitungen und Abschieden. Wagners Bundestagsbüro besteht vorläufig nur aus einem Raum, da die ausscheidenden Abgeordneten ihre Zimmer offiziell erst zum Monatsende räumen müssen. Drei Zimmer stehen einem Abgeordneten in Berlin normalerweise zur Verfügung - und Johannes Wagner hat schon zwei Mitarbeiter eingestellt, die ihm helfen sollen, das Abgeordnetendasein zu organisieren. Auch sein Coburger Büro wird er mit einer Mitarbeiterin besetzen. Eine vierte Kraft soll im November dazu kommen, wenn klar ist, in welchen Ausschüssen Wagner mitarbeitet und auf welches Fachthema er sich spezialisiert. "Dann brauche ich jemanden, der mir inhaltlich zuarbeiten kann", sagt er. Mitarbeiter zu finden sei nicht schwer gewesen: Bewerbungen gebe es viele, "die ganze Fraktion unterstützt einen da".

Nur per E-Mail erreichbar

Geissler übernahm eine Berliner Mitarbeiterin von seinem Vorgänger Hans Michelbach, eine zweite lotste er vom Landtag in München in die Bundeshauptstadt. Sein Büro befindet sich an der Adresse Unter den Linden 71, "dort sind alle Neuen von der CSU". In Coburg wird er das Büro in der Hindenburgstraße weiterführen, braucht aber noch einen Telefonanschluss. Derzeit sind beide Abgeordnete nur per E-Mail erreichbar: johannes.wagner@bundestag. de und jonas.geissler@bundestag.de.

Damit die neuen Abgeordneten sich schnell zurechtfinden, organisieren die Fraktionen Informationsangebote. "Das war wie eine Erstie-Woche an der Uni", sagt der junge Arzt Johannes Wagner, der in Coburg mitten in seiner Facharztausbildung steckte. Es habe Kennenlern-Treffen gegeben, Lagepläne, Vorträge über die Räume und einzelne Abteilungen im Bundestags. Aber noch kenne er nicht jede Abkürzung und jeden unterirdischen Gang, sagt er lachend. "Es arbeiten über 3000 Menschen hier. Es ist wirklich riesig." Auch Geissler muss sich neu zurechtfinden, obwohl er vor 20 Jahren ein Praktikum im Bundestag machte. "Vom Gefühl her ist alles neu."

Begonnen hatte der gestrige Tag für Wagner mit einem Treffen der bayerischen Landesgruppe der Grünen-Fraktion. Zur gleichen Zeit, um 8.30 Uhr, fand ein ökumenischer Gottesdienst für die Parlamentarier in der St.-Marienkirche statt. "Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Merkel waren auch da", berichtet Geissler, und dass die Predigt "sehr bewegend" gewesen sei.

Persönlich begegneten sich die beiden oberfränksichen Abgeordneten vor der Wahl in mehreren Diskussionsrunden und seither nicht mehr. Erst im Plenarsaal kamen sie gestern wieder zusammen, und da auch nur kurz. Aber beide werden schon als Abgeordnete kontaktiert - mit Bitten, afghanischen Ortshelfer zu retten und mit persönlichen Problemen, wie Geissler erzählt. Wagner erhielt Anfragen zur Lerchenhoftrasse (B 303 im Landkreis Kronach) oder zu der geplanten Rastanlage bei Drossenhausen. Auch wegen des geplanten Coburger Klinikums habe es Anfragen gegeben- das Grundstück gehört dem Bund.

Beide versichern übrigens, dass sie einander sympathisch finden. Doch während Wagner froh ist, "dass wir eine Regierung haben werden ohne die Union", beschwört Geissler die Vorteile einer schwarz-grünen Zusammenarbeit vor Ort: "Berlin ist das eine, aber viel hängt auch vom Freistaat Bayern ab." Kurz: Jeder könne seine Kontakte in die jeweils regierenden Parteien nutzen.