Einen Monat lang waren Ferydon Talash und seine Familie unterwegs, bis sie den langen, beschwerlichen Weg von Afghanistan nach Deutschland geschafft hatten. Vier Männer, drei Frauen, zwei Kinder. Oft waren sie zu Fuß unterwegs, einen Teil der Strecke legten sie per Schiff zurück. Vergangene Woche kamen sie in Coburg in der Aufnahmestelle an, die die Stadt in der ehemaligen BGS-Halle eingerichtet hat. Derzeit sind dort 83 Flüchtlinge aus 17 Nationen untergebracht. Am heutigen Mittwoch sollen weitere 100 dazu kommen. Damit ist die Halle fast am Limit von 200 Personen angekommen.

Das Leben in der Sporthalle sei nicht einfach, erzählt Ferydon Talash: Viele Menschen auf beengtem Raum, Privatsphäre gibt es so gut wie gar nicht. Seine Schwiegermutter sei krank, sie plagten Schlafprobleme - und dass sie nicht selber kochen könne, mache ihr ebenfalls zu schaffen, sagt Ferydon Talash. Aber, das lässt er durch den Coburger Dolmetscher Kazem Tavakoli übersetzen, alles sei besser als zu Hause in Afghanistan.

In ihrer Heimat, der Stadt Herat (die drittgrößte Stadt des Landes), konnte die Familie nicht länger bleiben. Wegen ihres muslimischen Glaubens seien sie verfolgt worden, erzählt Ferydon Talash. Mehrere Male sei sein Schwiegervater von Unbekannten verprügelt und sogar mit Messern attackiert worden. Sein Schwager zeigt sein Gebiss, wo ihm - ebenfalls von Unbekannten - die Zähne ausgeschlagen wurden. Als es schließlich auch noch anonyme Todesdrohungen gegen die Familie gab, beschlossen sie, ihr Hab und Gut zu verkaufen und ihr Land zu verlassen.

Beschwerliche Flucht

Einen Plan habe es nicht wirklich gegeben, lässt Ferydon Talash übersetzen, "aber wir hatten Angst". Deswegen stand fest: "Wir wollen alle zusammen weg." So beschwerlich die Flucht auch war - eine der Frauen leidet an Diabetes und die beiden Kinder sind noch klein -, es gelang der Familie, über tausende Kilometer hinweg, zusammenzubleiben. Trotz aller Schwierigkeiten seien sie nun sehr froh, hier in Deutschland zu sein, sagt Ferydon Talash. "Wir suchen hier ein neues Leben. Zurück können wir nicht mehr."

Was die Organisatoren der Stadt Coburg besonders beeindruckt, ist die Hilfsbereitschaft der Coburger. "Wir haben viele ehrenamtliche Helfer und jeden Tag gibt es acht bis zehn Hilfsangebote", sagt Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD). Gestern, zum Beispiel, habe ein pensionierter Deutschlehrer seine Unterstützung angeboten, und eine Firma spendete 20 Reisebetten für die Kinder. Die Post holte die Betten ab und brachte sie zur BGS-Halle - kostenlos.

Bisher laufe alles reibungslos und ruhig, freut sich Nowak. Zwischenfälle mit Gegnern habe es glücklicherweise bisher nicht gegeben.

"Die Hilfsbereitschaft überwiegt", hat auch Sozialamtsleiter Peter Schubert festgestellt. Dolmetscher-Angebote kämen besonders von jungen Erwachsenen, die als Kinder mit der ersten Welle der Asylbewerber in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen waren und hier in Coburg aufwuchsen. "Sie sehen Coburg als ihre Heimat an und wollen helfen - einfach toll!" Was Schubert und den anderen Verantwortlichen aber auch sehr wichtig ist: "Die Menschen sollen hier erstmal zur Ruhe kommen." Deshalb bleibt der Bereich um die BGS-Halle abgeschirmt, und auch beim Pressetermin am Dienstag ist kein Blick in den privaten Bereich der Flüchtlinge erlaubt. Zu gegebener Zeit werde man sicherlich mit den Kindern einmal die Gegend erkunden, so Schubert. "Aber erst einmal sind die Menschen dankbar dafür, dass sie hier durchschnaufen können."

Notunterkunft in der ehemaligen BGS-Halle

Coburg hilft Wer den Flüchtlingen und Asylsuchenden helfen möchte oder etwas spenden möchte, wird gebeten, sich per Mail unter coburghilft@coburg.de zu melden. Auch die Kleiderkammern der Caritas und von "Hartz & Herzlich" nehmen Spenden an. Dringend gesucht wird übrigens ein Dolmetscher für Albanisch.

Betreuung Das Sozialamt, das für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig ist, hat täglich vormittags mindestens einen Mitarbeiter vor Ort. Am Nachmittag sind dann Mitarbeiter des Amts für Jugend und Familie in der BGS-Halle, die sich vor allem um die etwa zehn Kinder kümmern.

Kapazität Die BGS-Halle kann bis zu 200 Flüchtlinge aufnehmen. 83 sind bereits da, heute sollen weitere 100 dazukommen.