Januar

Das Coburger Landestheater kündigt eine Krimiserie an, selbst gedreht und ausgestrahlt übers Internet. Spielen wird sie an und in der Globe-Baustelle und in jeder Folge lokales Geschehen aufgreifen, bis das Theater am Jahresende im Globe Premiere feiert. Der ermittelnde Polizist heißt in Anlehnung an eine beliebte Krimi-Reihe Ebersdorfer und ist Bratwurst-Junkie. Aber wer soll in der ersten Folge zu Tode kommen? Sofort beginnen wilde Spekulationen. Eine Coburger Tageszeitung (O-Ton Lokalchef: "Ich will Blut sehen!") befragt die Prominenten der Stadt, ob sie bereit wären, die Leiche zu geben. Doch nur Hans Michelbach (CSU) und Ramona Brehm (SPD) willigen in ein Gespräch über diese Frage ein. "Ich hab' schwarzen Humor", sagt Brehm; "mir ist jede Schlagzeile recht", ergänzt Michelbach. IHK-Ehrenpräsident Friedrich Herdan wird zwar nicht gefragt, erklärt aber trotzdem, dass er auf keinen Fall die Leiche geben werde.

Februar

Stadt und Landkreis Coburg haben dank der Krimiserie also eine Alternative zum Fasching und eine Ablenkung vom leidigen Thema Corona. Ebersdorf bei Neustadt protestiert gegen die Verwendung des Namens "Ebersdorfer" für die Krimi-Reihe, weil kein solcher Ebersdorfer Coburger Bratwürste essen würde. Großheirath verlangt, Wohnort des Ermittlers zu sein ("auch bei uns gibt es einen Kreisverkehr mitten in der Landschaft") und Meeder fühlt sich benachteiligt: Es sei doch viel wahrscheinlicher, dass jemand in den Milchwerken zu Tode komme als im Globe. Etliche Kommunalpolitiker melden Interesse an, im Krimi aufzutreten, sei es als sie selbst oder als jemand anderer. Nur den Mörder will niemand spielen - schlecht fürs Image.

März

Die mit Spannung erwartete erste Folge von "Sonnefelder" wird ins Internet gestellt. Ebersdorf bei Coburg und Ebersdorf bei Neustadt hatten einen derartigen Streit über "Ebersdorfer" entfesselt, dass die Theaterleitung den Namen des Ermittlers versteigerte. Sonnefeld machte das Höchstgebot. Dafür wird zugesagt, die Klosterkirche bei jeder Gelegenheit ins Bild zu setzen. Neustadt schied von vorn herein aus, weil es überall Neustadts gibt, "Rodacher" ging nicht, weil das Städtchen auf "Badrodacher" bestand, und "Gruber" kann ja jeder heißen. "Grüber nicht", murren die Grüber, geben aber gar kein Gebot ab. Erwartungsgemäß wird in der ersten Folge eine Leiche in der Globe-Baustelle gefunden. Um wen es sich dabei handelt, bleibt zunächst ungeklärt.

April

Über all den Aufregungen geht in der öffentlichen Debatte vieles unter. Die Impfpflicht ist nun da, aber die Umsetzungsbestimmungen fehlen noch. Die Stadt Coburg hat ihren Bürgerdialog über mehr Klimaschutz in der Stadt ("Green Deal") begonnen, in den sich SPD, Grüne und WPC vehement einbringen. Nur die CSU weiß noch nicht, ob sie den ganzen Prozess gut oder schlecht finden soll. Als der interne Streit darüber eskaliert, behaupten einige Witzbolde, dass die fiktive Globe-Leiche auf jeden Fall jemand aus der CSU sein müsse. Dort kenne man sich mit Hauen und Stechen schließlich bestens aus. Andreas Engel, Vorsitzender der CSU-Stadtratsfraktion, IHK-Präsident und einer der Verfechter des Bürgerdialogs, kontert mit der Bewerbung um die Rolle als "Engel" im Globe-Krimi. Coburg brauche eine höhere Macht, sagt er.

Mai

Kommissar Sonnefelder tappt nach wie vor im Dunkeln. Noch immer ist der Tote nicht identifiziert, weil die Pathologie im Coburger Klinikum wegen Corona nicht dazu kommt, die Leiche zu untersuchen. Das alles ist fiktiv, wird aber von so vielen Leuten für wahr gehalten, dass Regiomed-Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke sich zu einer Klarstellung veranlasst sieht: "All unsere Mitarbeiter, all unsere Abteilungen sind top engagiert und zu allem fähig, was von ihnen verlangt wird. Aber diese Debatten sind zu nichts zu gebrauchen", diktiert er in sein Handy. Das Spracherkennungsprogramm macht daraus: "Unsere Abteilungen sind zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen." Das wird gedruckt und geht auf Sendung. Daraufhin droht Regiomed ein Streik der empörten Mitarbeiter, und es kostet viel Mühe, alles aufzuklären. Die Originalaufzeichnung des eingesprochenen Pressestatements wird schließlich in einer Sonderfolge der Globe-Krimiserie ausgestrahlt, damit jeder mitkriegt, was wirklich gesagt wurde.

Juni

Unterdessen spielt sich an der echten Globe-Baustelle ein anderes Drama ab. Innen läuft bereits der Ausbau für Theaterzwecke, außen werden Straßen und Plätze angelegt, die Zufahrt fürs Parkhaus wird fertiggestellt, das in Rekordzeit errichtet wurde. Doch eines Morgens können die Pflasterer nicht weitermachen, weil das Areal von friedlich sitzstreikenden Protestlern besetzt ist. Gerüchten, es handele sich um Mitarbeiter von Kaeser oder Brose, wird von den Firmen energisch widersprochen. Sie seien als Gesellschafter der Globe-GmbH zwar nicht glücklich über die Richtung, in die der Bau sich entwickle, aber das Geschäft gehe schließlich vor. Sie mussten auch nicht ihre Beschäftigten bemühen: Die Mitglieder der Landsmannschaften und Turnerschaften im Coburger Convent haben zwar ihren Pfingstkongress abgesagt, aber nach Coburg kommen sie gern, wenn es dort genug Bier gibt. Und wenn man sich dafür auf einer Baustelle auf den Boden setzen muss ...

Juli

Nach der Blockade wirkt der Bereich ums Globe wie eine Sandwüste. "Copa Globana!" frohlocken die Sambafestival-Veranstalter. "Wenn wir auf dem Areal Samba machen dürfen, spiel ich auch die Leich'", lautet das Angebot von Chef-Sambista Rolf Beyersdorf. Aber die Leiche gibt es ja schon, auch wenn immer noch keiner weiß, wer sie ist. Der Mörder wäre eigentlich die interessantere Rolle, kommentiert das Tageblatt und fordert mehr Mut, mal offen böse zu sein. Doch das will Beyersdorf nicht. Er könnte sich jedoch vorstellen, als "Beiersdorfer" mal die Nachfolge von Kommissar Sonnefelder anzutreten, sagt er. Am Ende braucht es das alles nicht: Tausende von Sambatänzern seien das ideale Mittel, den Untergrund ordentlich zu verfestigen, behauptet ein Bausachverständiger, der mit Rolfs Bruder Max Beyersdorf studiert hat. Die Stadt erlaubt das Spektakel also. Die Stadtentwicklungs-GmbH unterm Dach der Wohnbau erwirtschaftet locker knapp hunderttausend Euro an dem Wochenende, indem sie das fast fertige Parkhaus an campende Sambafans vermietet: sicher gegen Wasser von oben und unten und unmittelbar am Geschehen.

August

Das Theater hat Pause, die Krimiserie auch. Dafür wird Seßlach mit dem Rodachtal und dem benachbarten Schloss Tambach mal wieder Drehort für eine Großproduktion. Wer da was in wessen Auftrag dreht, bleibt geheim - sicher ist nur: Es handelt sich um einen Kostümschinken mit einigen Massenszenen, einem Fechtduell auf der Stadtmauer und einigen Szenen mit Landleben wie vor 200 Jahren. Ein Tageblatt-Reporter, der sich auf das Set in Tambach schmuggelt, sieht sich plötzlich in die Coburger Ehrenburg verfrachtet. Über Landrat Sebastian Straubel (CSU) und Norbert Tessmer (SPD) als Vorsitzendem der Coburger Landesstiftung hatte das Filmteam es geschafft, ohne offizielle Genehmigung der Staatlichen Schlösserverwaltung im Thronsaal der Ehrenburg drehen zu können. "In München ist doch eh keiner da", habe der Produzent ihm gesagt, berichtet der Reporter. Tatsächlich nimmt niemand von der Schlösserverwaltung die große Berichterstattung über den heimlichen Dreh in der Ehrenburg zur Kenntnis. Aus Münchner Sicht kann in Coburg offenbar nicht sein, was nicht sein darf.

September

Die Ferien sind vorbei, Corona gefühlt auch, und die Theater-Globe-Krimiserie mit Kommissar Sonnefelder, seinem Hund Ehrlicher, Landrat Straubel, Polizeichef Rebhan, Privatdetektiv Neeb und viel Sauerteig-Brot meldet sich zurück. Es gibt eine immer noch nicht identifizierte Leiche, viele Verdächtige (Frau Creidlitz, Herr Carlshan, die Oeslau-Bande), der Kommissar kreiselt durch alle Kreisverkehre im Landkreis und ermittelt gerade im Schatten der Sonnefelder Klosterkirche, als eine schlimme Nachricht eintrifft: Die Sitze fürs Globe werden nicht rechtzeitig fertig. Ursache für die Verzögerung: Es gab immer wieder Änderungen am Design. Wie sich herausstellt, korrespondierte die Herstellerfirma wegen der Sitzgestaltung mit der Globe GmbH, nicht mit dem Globe-Büro in der Stadtverwaltung. Dort hatte man schon gewundert, dass vom Hersteller kein Muster zur Freigabe ankam. Der eigentlich Zuständige für den Auftrag hatte sich eine zweimonatige Auszeit genommen und das Projekt einem Praktikanten überlassen. Der hatte seinen vermeintlichen Ansprechpartner im Internet gegoogelt.

Oktober

Zwei Monate wird sich der Saisonstart des Theaters im Globe mindestens verzögern. Weil aber nur die Sitze fürs Publikum betroffen sind und nicht Bühne und Technik, kann zumindest dort geprobt werden. Der Theaterkreis verkündet: "Wir stehen zu und in unserem Theater" und überzeugt Intendant Bernhard Loges, doch wenigstens einige Vorstellungen für Zuschauer anzubieten, die unten im Parkett stehen oder auf die Ränge ihre eigenen Klappstühle mitbringen. Diese Wendung wird, wie vieles andere im Lauf des Jahres, in die fiktive Krimihandlung integriert. Während der ersten Steh-Veranstaltung verfolgt Kommissar Sonnefelder die immer noch verdächtige Frau Creidlitz durch die Zuschauerreihen und löst so eine fröhliche Polonaise aus. Weil das Ganze unangekündigt mit dem echten Publikum gedreht wird, ergeben sich zwei Konsequenzen: "Wir stehen zu und in unserem Theater" erregt überregional Aufmerksamkeit für Coburg und sein Globe. Nun klopfen sich viele Leute auf die Schulter dafür, dass sie es ja gewesen waren, die eigentlich dafür gesorgt haben, dass das Globe gebaut wurde.

November

Die zweite Konsequenz zeigt sich im November: Obwohl nur vierfach Geboosterte ins Theater eingelassen worden waren, obwohl im Globe eine höchst effiziente Lüftung läuft, hatte einer der Kameraleute, der erst kurz zuvor von einem Urlaub zurückgekehrt war, die neue Tau-Phi-Variante des Sars-Cov2-Virus unter den Anwesenden verbreitet (es gab inzwischen so viele Virus-Varianten, dass man zwei Buchstaben braucht). Tau-Phi ist hoch ansteckend, meist mild im Verlauf, hat aber ein seltsames Symptom: Die Erkrankten können anfallsartig einige Sekunden lang nur noch sehr verlangsamte Bewegungen durchführen - das ist blöd, wenn man gerade eine Straße überquert oder applaudieren will. Einige bezeichnen deshalb Tau-Phi als Tai-Chi-Variante, was es aber auch nicht erträglicher macht. Immerhin ermöglicht es diese gut dokumentierte Massenansteckung, den Krankheitsverlauf zu studieren und sogar ein Gegenmittel zu entwickeln, das Anti-Globe-Ulivirtafal-Metadocsaccharosan, kurz: Globulivir. Weil Regiomed auf eine Aktienbeteiligung am Pharmahersteller verzichtet, sondern sich die Rechte an dem Medikament in bar auszahlen lässt, ist der Konzern schlagartig saniert. Der Aktienkurs aber wäre nach kurzer Zeit in den Keller gerauscht, denn Globulivir ist nur kurze Zeit ein Verkaufsschlager: Es zeigt sich, dass in Apfelmost aufgelöster Camembert auch gegen Tau-Phi hilft (der Cocktail aus unterschiedlichen Bakterienkulturen stimuliert das Immunsystem). Am besten wirkt Rodacher Apfelmost mit Silberdistel-Camembert aus Wiesenfeld.

Dezember

Die Stühle fürs Globe werden geliefert, am Marktplatz findet nach zwei Jahren Pause wieder ein Weihnachtsmarkt statt (Zutritt für fünffach Geboosterte kostenlos, wer weniger Spritzen hat, zahlt pro fehlender Impfung zwei Euro, Kinder bis 14 sind ausgenommen). Apfelmost-Camembert-Suppe ist einer der Verkaufsschlager. Auf dem Weihnachtsmarkt wird die Auflösung des Globe-Krimis gedreht und am Abend des 23. Dezember ausgestrahlt. Die Leiche war Theater-Intendant Bernhard Loges, der, so eigene Aussage, ja ohnehin bald weg ist und es als sinnbildlich empfand, dass er stürzte, während das Globe wuchs. Schuld an dem Tod ist nicht die Oeslaubande, sondern eine verschworene Clique des Theaterausschusses, zu der so wichtige Leute gehören, dass Kommissar Sonnefelder die Hände gebunden sind. Er ertrinkt seinen Frust auf dem Weihnachtsmarkt in Apfelmost mit heißem Calvados und verschluckt sich tödlich an seiner Bratwurst, weil die Verkäuferin versehentlich Ketchup draufgetan hat. Oder war es Mord? Kommissar Weidhäuser übernimmt. Die Theaterleitung entscheidet: Die Krimiserie geht 2023 weiter. Inzwischen interessiert sich sogar ein Streaming-Dienst dafür.Simone Bastian