Das Futterschälchen vor der Haustür blieb auch in dieser Nacht unberührt. Die Enttäuschung steht Ella (3) und Finn (6) ins Gesicht geschrieben. Tag 21 ohne ihren Kuschelfreund und Spielkameraden.

Silvesterabend, kurz vor 21 Uhr. Familie Denker will in ihrer Einfahrt in Neuensorg zwei Raketen zünden, damit die Kinder ein kleines Feuerwerk haben. Merle (2), ein Australien Shepherd, bleibt im Haus, wo sie vorher schon ein Tischfeuerwerk gezündet haben. "Alles war gut, Merle hat friedlich in ihrem Körbchen geschlafen", erinnert sich Marlen Denker (30) an den Moment, der das Familienleben seitdem komplett auf den Kopf gestellt hat. Nur noch einmal kurz mit dem Hund vor die Tür, damit er sein Geschäft erledigen kann...

Plötzlich ein Knall irgendwo in der Umgebung - Merle erschreckt sich, rennt durch das Gebüsch in den Garten der Nachbarn, von dort aufs Feld und verschwindet in der Dunkelheit. "Meine Frau hat noch versucht, sie festzuhalten. Aber es ging alles so schnell", sagt Kevin Denker (32). Sie rufen und suchen die Umgebung ab, das Familienoberhaupt fährt mit dem Fahrrad bis nach Weidhausen. Nachbarn helfen mit. Doch von Merle fehlt jede Spur. Ins neue Jahr zu feiern, daran denkt niemand mehr.

Dann, kurz vor Mitternacht, ein Anruf: Merle soll gesehen worden sein, wie sie von Weidhausen in Richtung Neuensorg läuft. Kevin Denker fährt ihr mit dem Rad entgegen, da schlägt die Uhr Mitternacht, überall knallt und kracht es. "Obwohl ja wieder kein Feuerwerk verkauft wurde, war es sehr laut." Die Familie fürchtet: Sollte Merle in diesem Moment auf dem Weg nach Hause gewesen sein, haben sie die Böller um Mitternacht möglicherweise zusätzlich traumatisiert. Die Denkers, Freunde und Nachbarn suchen bis in den frühen Morgen, bis ihnen klar wird: Unser Hund ist fort.

Noch in der Silvesternacht haben sie Sandra Lieke vom Hundesuchhilfeteam Franken informiert, die gemeinsam mit ihren Kollegen in den vergangenen Jahren dutzende entlaufene Hunde wieder nach Hause bringen konnte, und das in manchen Fällen nach Monaten. "Was man bedenken muss: Haushunde verwildern in der freien Wildbahn innerhalb von Stunden. Das ist für sie, wie wenn ein Mensch nackt in einem Kriegsgebiet ausgesetzt wird. Dann schaltet sich der Überlebensinstinkt ein."

In den darauffolgenden Tagen folgt eine in Weidhausen beispiellose Suchaktion. Ein Drohnenpilot fliegt das Gelände ab, die Jäger und Förster aus der Umgebung überwachen ihre Wildkameras, wo Familie Denker Futterstellen errichtet hat. Als Merle auch am fünften Tag des neuen Jahres verschwunden bleibt, durchkämmen 170 Menschen Wald und Wiesen, stapfen bei Minusgraden durch Schnee, Regen und Matsch. "Wir haben vielleicht mit 70, 80 Leuten gerechnet. Aber das war der Wahnsinn", erzählt Marlen Denker sichtlich gerührt.

Der Plan von Sandra Lieke geht auf: Durch die Menschenkette wird Merle aufgescheucht und auf einem Feld entdeckt - keine 500 Meter von Zuhause entfernt. "Wir dachten: Okay, sie ist hier und kommt jetzt nach Hause." Die Denkers legen Schleppen - Geruchsfährten, die Merle zurück zu ihrer Familie führen sollen.

Doch sie kommt nicht - für die erfahrene Hundesucherin unerklärlich. "Darum müssen wir in Betracht ziehen, dass möglicherweise jemand Merle mitgenommen hat." Familie Denker klammert sich an jeden noch so dünnen Strohhalm. Eine Tierkommunikatorin, die behauptet, telepathisch Kontakt mit Hunden aufnehmen zu können, beschreibt eine Stelle, die Marlen Denker glaubt zu kennen. Sie schickt sofort ihren Mann los. Er kann Merle zwar nicht finden. Doch wenige Stunden später erhalten sie einen Anruf, dass ihre Hündin genau dort gesehen worden sein soll. Nur ein Zufall? "Wir wissen es nicht, aber wir wollen nichts unversucht lassen", bekräftigt Marlen Denker. "Untätig zuhause herumzusitzen, während Merle irgendwo da draußen ist, das halte ich nicht aus."

Neben Hilfsangeboten von allen Seiten gehen auf dem Handy von Marlen Denker jeden Tag Nachrichten wie "Ihr müsst doch..." oder "Was habt ihr falsch gemacht, dass euer Hund weg läuft?" ein. Sandra Lieke weiß: "Die Leute reden ohne nachzudenken. Wir mussten schon Hunde von der Autobahn kratzen, weil sie von selbst ernannten Hundeexperten dorthin getrieben wurden." Darum ihr dringender Appell: Wer Merle sieht, soll nicht versuchen, sie einzufangen, sondern in die Knie gehen, leise mit ihr sprechen, ihr nicht direkt in die Augen sehen und die Familie informieren. Zum letzten Mal soll Merle vor gut einer Woche in der Nähe von zuhause gesehen worden sein. Einen Beweis gibt es nicht. Seitdem: nichts.

"Sollten wir Merle wiederfinden, müssen wir davon ausgehen, dass es eine Zeitlang dauert, bis sie ihre Familie wieder erkennt", bereitet Sandra Lieke ihre Besitzer vor. Doch Marlen Denker ist sich sicher: "Wenn Merle nur einmal die Kinder sehen oder hören würde, bin ich mir ganz sicher, dass sie sie erkennt."

Wenn Merle den Weg nach Hause findet, wartet dort das Futterschälchen vor der Tür. Und eine Familie, die sie sehr vermisst.

So rutschen Hund und Halter sicher ins neue Jahr

Dass ein Hund von einem Feuerwerksböller so schwer traumatisiert wird, dass er wegläuft und nicht mehr nach Hause findet, ist ungewöhnlich, wie Kerstin Dorschner vom Verein für Gebrauchshunde Neustadt und Umgebung bestätigt - vor allem dann, wenn der Hund eigentlich eine enge Bindung zu seinen Besitzern hat, wie es bei Merle und ihrer Familie der Fall ist. "Ich kann mir vorstellen, dass sie von dem Knall komplett überrascht wurde, als sie mit ihrer Familie kurz draußen war und Merle sich auf diese konzentriert hat."

Für Hundehalter ist an Silvester große Vorsicht geboten - nicht nur um Mitternacht. "Es wird ja meistens schon den Tag über immer mal wieder geböllert", weiß Kerstin Dorschner. Darum sei es wichtig, dem Hund beim Gassigehen oder auch beim kurzen Gang in den Garten ein Geschirr anzulegen, damit er, sollte er sich erschrecken, nicht abhauen kann. Bei Halsbändern bestehe die Gefahr, dass sich der in Panik geratene Hund trotzdem befreien kann. Um Mitternacht sollten Haustiere auf keinen Fall alleine gelassen werden.

Was viele Hundehalter nicht wissen: "Es genügt nicht, den Hund vom Tierarzt chippen zu lassen." Erst wenn er auch bei Tasso registriert ist, könne er identifiziert und zu seinen Besitzern rückvermittelt werden, sollte er doch einmal entlaufen und gefunden werden.