Wenn auch die "Coborcho Broutwörscht" immer wieder für Schlagzeilen sorgen und hoch gepriesen werden, so brauchen sich die "Neustadter Bratwürste" vor diesen wahrlich nicht zu verstecken. Im Gegenteil, im direkten Vergleich würden die Neustadter Bratwürste wohl sogar besser abschneiden oder zumindest gleichauf liegen. Das bestätigen selbst alteingesessene Coburger nach dem Genuss einer Neustadter Bratwurst. Wahrscheinlich ist bisher noch niemand auf die Idee gekommen, Coburger und Neustadter Bratwürste unmittelbar miteinander durch eine unabhängige Jury zu testen. Dann würde die Neustadter Bratwurst wieder mehr ins Rampenlicht treten. Wäre da nicht ein "Coburg - Neustadter-Bratwurstduell" mal angebracht? Wer würde sich trauen und wer würde so ein Bratwurstevent organisieren?


Handwerkskunst

Wenn die Frage gestellt wird, was die Neustadter Bratwurst so schmackhaft
macht, wird von vielen - wie aus er Pistole geschossen - scherzhaft geantwortet: "Da ist halt "Dackel" oder "Spitz" mit drinnen!" Aber Spaß beiseite: Zur Herstellung einer guten Bratwurst gehört eine große Handwerkskunst. Und auf die verstehen sich die Neustadter Metzger im besonderen Maße. Viele Bratwurstkenner wissen, dass es an der Zubereitung, der Zusammensetzung der unterschiedlichen Fleisch- und Fettanteile sowie an der Frische der Füllung, an der etwas gröberen Konsistenz, ferner auch an den diversen Zutaten und Gewürzen liegt.

Gerade jetzt, in der noch laufenden Grillsaison, bereiten die Neustadter Metzger und Eigenerzeuger auf den Bauernhöfen Bratwürste zu. Da gibt es unterschiedliche "Geheimrezepturen". Und damit so eine Bratwurst gelingen kann, muss natürlich auch ein versierter Brater ans Werk. Denn der Weg zu einer guten Bratwurst ist schon fast eine Wissenschaft für sich. Zunächst muss der Bratwurstgrill zum Braten vorbereitet werden. Einig sind sich die Coburger und Neustadter allerdings darin, dass zu einer geschmacklich guten Bratwurst ein g'scheites Feuer gehört, dass mit "truckna Kühla" (Kiefernzapfen) und "Harthuolz" geschürt wird. Da sollte man sich auch von der EU nichts reinreden lassen. Von wegen "Holzkohle" oder gar Gas- bzw. Elektrogrill. Da kann ja eine Bratwurst nicht richtig gelingen.


Grillmethoden

Manche streichen die gesäuberten Grillstäbe mit einer Speckschwarte ein und legen die Bratwürste mit der Schleißnaht auf, bevor die Bratwürste gebraten werden. Damit soll vermieden werden, dass die Bratwürste ankleben und aufreißen. Andere tauchen die Bratwürste vorher auch ins Wasser oder die beträufeln die Bratwürste während des Bratens mit Bier. Auch diese Methoden sollen ein Aufreißen der Bratwurstschleiße verhindern. Diese Zeremonie läuft aber in aller Regel im privaten Bereich ab. Wichtig ist, dass die Bratwurst immer erst kurz vor dem Verzehr fertig gebraten wird. Eine schöne rostbraune Farbe sollte sie haben, und die Bratwurst sollte weich sein, wenn sie in die "halbe Semmel" gelegt wird.

Leider ist immer wieder festzustellen, dass Bratwürste bei Festen mengenweise vorgebraten und angehäuft werden. Dies hat zur Folge, dass sie mehr geräuchert und fast ausgetrocknet sind, auch wenn sie nochmals kurz übers Feuer gelegt werden, bevor sie dem Kunden übergeben werden. Dann schmecken sie nicht mehr. Eine Bratwurst muss richtig saftig und um Gottes Willen nicht verbrannt sein, damit die Semmel den Bratensaft gut aufnehmen kann. Da ist allein schon die Semmel ein Genuss. Es gibt natürlich auch Zeitgenossen, die auf eine Bratwurst schwören, die richtig schwarz, ja regelrecht verkohlt ist. Die dürfte dann allerdings nicht so gesund sein.

Richtige Neustadter, so heißt es immer wieder, lehnen zu einer Bratwurst Senf, Ketchup oder gar Mayonnaise ab, weil ja dadurch der unnachahmliche würzige Geschmack verfälscht wird. Es gibt aber auch Bratwurstliebhaber, die auf eine dieser Zutaten nicht verzichten wollen. Die Geschmäcker sind halt verschieden.
Wer hat nun die erste Neustadter Bratwurst erfunden? Ich vermag es nicht zu sagen. Darüber habe ich nichts gefunden. Vielleicht ist in uralten Chroniken, möglicherweise in Unterlagen der früheren Neustadter Metzgerinnung, darüber etwas nachzulesen. Dass die Bratwurst jahrhundertealt ist, wissen wir. Am erfreulichsten ist jedoch, dass sie heute noch mit demselben Genuss und derselben Inbrunst gegessen wird wie einst.


Feuer unter dem Rost

Und um einen Vergleich mit dem aktuellen Geschehen zu geben: Auch Neustadt hat sein olympisches Feuer gehegt und gepflegt, ein Feuer, das seit Menschengedenken immer an irgend einem Platze unserer Stadt gebrannt hat - es ist das knisternde rotglühende Feuer unter den Bratwurstrosten. Unauslöschlich, immer wieder aufflackernd. Leider gibt es heute nur noch wenige Stellen in Neustadt, wo eine frisch gebratene Bratwurst zu bekommen ist. Doch die eingefleischten Bratwurstliebhaber kennen die Stellen und die Zeiten. Abgesehen davon ist es heute vielen Neustadtern möglich ist, im eigenen Garten zu fast jeder Zeit eine frische Bratwurst zuzubereiten. Auf jeden Fall fehlt ein Bratwurststand in der Innenstadt. Und der mit dem Rathausneubau entstandene "Bratwursttempel" auf dem Marktplatz ist ja schon seit vielen Jahren zweckentfremdet. Nicht einmal eine Bratwurstbude bietet im Zentrum mehr Bratwürste mehr an.

Im Neustadter Tageblatt vom 15. August 1936 ist über die Neustadter Bratwurst Folgendes geschrieben:
"Manch Altes ist gestürzt worden, Geschlechter sind gegangen, die Bratwurst ist geblieben. Die Liebe und das Verlangen nach ihr ist ewig jung geblieben, gewiss ein Zeichen ihrer Vortrefflichkeit und ihrer sich ewig gleichbleibenden Güte. Man hat oft behauptet, dass sie kleiner geworden sei - aber das ist nicht erwiesen. Bestimmt ist sie teurer geworden, am Gelde gemessen, aber allen Neustadtern ist sie gleich teuer geblieben. Die Bratwurst gehört immer noch zu dem traditionellen Neustadter Volksnahrungsmittel und ist auch eine nicht wegzudenkende Begleiterscheinung aller Heimatfeste. Ihr blauer Dunst, ihr würziger Duft geben allen erst das Heimelige, er verbindet alle auf den Festplätzen zu einer fröhlichen Volksgemeinschaft. Jung und Alt, Mann und Frau schätzen die Bratwurst gleich und von jedem Stande wurde sie durch Jahrhunderte gleich gern gegessen. Aus der Hand, ohne Scheu und Scham, direkt in den Mund. In jeder Lebenslage, sitzend, stehend und gehend. Und allen Essenden spielt ein vergnügtes Schmunzeln um den Mund, selbst der mit seinem Schicksal Hadernde nimmt Zuflucht zu ihr und wird versöhnlicher gestimmt. Besonders wenn noch ein halbe Maß dazu getrunken wird. Und wenn der größte Knauser das ganze Jahr keine Bratwurst isst, wenn er sich stets traditionsvergessen den Duft an der Nase vorbeiziehen lässt, am Vogelschießen und am Kinderfest genießt er bestimmt seine Bratwurst."


Das Vogelschießen gibt es nicht mehr

Leider gibt es das "Vogelschießen", so wie es in früherer Zeit in Neustadt gefeiert wurde, nicht mehr. Es war ein Fest, das fast ganz Neustadt auf den Schützenplatz lockte: mit seinen Fahrgeschäften, Glückshafen, Eis- und Imbissbuden, Bratwurstständen sowie mit einem großen Festzelt, in dem zünftige Blasmusik gespielt wurde und mit einem Abschlussfeuerwerk am Montagabend.
Geblieben aber ist der "Neustadter Nationalfeiertag", das Kinderfest, welches im Bewusstsein der Einwohnerschaft fest verwurzelt geblieben ist und unmittelbar mit der guten "Neustadter Bratwurst" verknüpft ist. Nicht umsonst ist es zu einer schönen Tradition geworden, dass die "überdimensionale Bratwurst" aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts auch heute noch im Festumzug beim Kinderfest getragen wird. Schon im Jahre 1927 wurde eine "Bratwurststiftung" ins Leben gerufen, an der sich eine Reihe von Neustadter Bürgern beteiligte. Ziel war es, nicht nur armen bedürftigen Schülern, sondern allen Schulkindern eine Bratwurst zum Kinderfest zu spendieren.


Wiederaufnahme 1949

Im Jahre 1939 sollten es beim Kinderfest für fast zehn Jahre die letzten Bratwürste sein - diesmal von der Privilegierten Schützengesellschaft Neustadt den Schulkindern spendiert (500 Stück Bratwurstmarken!). Während des Krieges gab es kein Kinderfest und unmittelbar nach dem Kriegsende war die Versorgungslage so schlecht, dass immer noch auf Bratwürste verzichtet werden musste.
Als es 1949 (nach der Währungsreform 1948) die ersten markenfreien Bratwürste gab, setzte eine "Invasion" aus den benachbarten Orten Sonneberg, Oberlind, Mupperg und Heubisch nach Neustadt ein. Wie viele Bratwürste damals verkauft wurden, ist nicht bekannt. Von Berichten über das Kinderfest 1950 wissen wir allerdings, dass seinerzeit 25 000 Bratwürste und 2500 Liter Bier verzehrt wurden. Dieter Seyfarth