Es riecht nach Baustelle: Farbe, Mörtel, Holzlasur. Leitern stehen in den Räumen, Arbeiter überstreichen letzte Flecken, Flatterband versperrt den Weg aufs Parkett, die Eingänge sind nur über Bretter erreichbar. An der Fassade ist immerhin schon der Name lesbar: "Alte Kühlhalle" steht da in großen Lettern - und sie beherbergt in Zukunft eine in Coburg einmalige Nutzergemeinschaft.

Die "Creapolis" der Hochschule Coburg wird ins Erdgeschoss ziehen, der Verein Zukunft.Coburg.Digital übernimmt das Dachgeschoss. Gemeinsam haben beide, dass sie Kreativen und Machern eine Heimat bieten wollen - die einen zu Übungs- und Bildungszwecken, die anderen für den nächsten Schritt, nämlich das eigene Unternehmen. Mit dieser Rollenteilung nutzen Creapolis und Zukunft.Coburg.Digital schon die frühere Direktorenvilla des Schlachthofs gemeinsam, allerdings auf viel weniger Quadratmetern.

Markus Neufeld (Creapolis) und Jochen Flohrschütz (Zukunft.Coburg.Digital) arbeiten also schon zusammen. Sie haben auch die Planung für die Alte Kühlhalle begleitet - Flohrschütz zumindest teilweise, denn Geschäftsführer von Zukunft.Coburg.

Digital ist er erst seit gut einem Jahr. Doch er und Neufeld wirken wie ein lange eingespieltes Team. "Das hier soll so eine Art Club werden", sagt Flohrschütz im künftigen Multifunktionsraum, der das nördliche Ende der 73 Meter langen Halle bildet. Hohe Fenster, auf der einen Seite des Raums ein Podest, das als Bühne dienen kann: Hier ist vieles möglich, vom Workshop über den Vortrag bis zum Konzert. Wo früher Fleisch gelagert wurde, sollen künftig kreative Ideen Nährboden finden. Wenn es gut läuft, wird der frühere Schlachthof Keimzelle für neue Unternehmen und zukunftsträchtige Arbeitsplätze.

Wenn es nach Flohrschütz und Neufeld gegangen wäre, hätte der Raum ruhig etwas mehr von seiner alten Substanz zeigen können - Ziegelmauern statt weißer Wände. Aber es handelt sich ja um ein öffentliches Gebäude: Im Eigentum der Stadt, verwaltet von der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft (Wifög), die es an Hochschule und Zukunft.Coburg.Digital vermieten wird, so, wie jetzt schon die Direktorenvilla.

Freistaat will Gelände kaufen

Dass die Stadt die Halle selbst umbaut, war ein Politikum: Eigentlich sollte das ganze Schlachthofgelände an einen Investor veräußert werden, der dann dem Bedarf der Hochschule entsprechend hätte bauen können. Doch mit einer Stimme Mehrheit entschied der Stadtrat im Juni 2018, dass die Stadt den Güterbahnhof als innerstädtische Entwicklungsfläche behalten solle. Inzwischen hegt die Hochschule neue, noch größere Pläne, die bis an den ehemaligen Güterbahnhof heranreichen.

Wenn die Bauarbeiten an der Kühlhalle abgeschlossen sind, wird es voraussichtlich im Frühjahr 2022 auf der anderen Hofseite weitergehen, weil die Hochschule auf dem Gelände die Professuren für Künstliche Intelligenz (KI) unterbringen will. Derzeit laufen die Verkaufsverhandlungen um das Grundstück zwischen Stadt und Freistaat Bayern, erklärt Hochschulsprecherin Margareta Bögelein. Der Bau für die KI soll Ende 2023 fertig sein und nicht der einzige bleiben: In den Folgejahren soll sich der geplante Prinz-Albert-Campus der Hochschule weiter nach Süden ausdehnen, bis hinein ins frühere Güterbahnhofsgelände.

Während dafür noch viel zu planen und zu verhandeln ist, ging es mit der Kühlhalle schneller voran als gedacht. Drei Monate vor dem gesetzten Termin sei sie fertig, berichteten Flohrschütz und Neufeld. Dann folgt der Innenausbau - unten Verwaltung der Creapolis und Makerspace, oben, bei Zukunft.Coburg.Digital werden 30 Büroarbeitsplätze eingerichtet, die Existenzgründer mieten können. Außerdem stehen Besprechungsräume sowie Räume für Videokonferenzen zur Verfügung. Oben wie unten sowie in der gemeinsamen Cafeteria sollen "Macher zusammenkommen", wie Flohrschütz es ausdrückt. "Ab April wird hier Vollbetrieb sein."

Projekt soll weiterlaufen

Der Umzug finde 2022 genau zum richtigen Zeitpunkt statt, sagt Markus Neufeld. "Wir sind organisch gewachsen." Eineinhalb Jahre lebte die Creapolis wegen Corona "auf Sparflamme". Neun Monate lang war die Nutzung der Maschinen, Geräte und Werkzeuge des Makerspace nur nach Anmeldung möglich. Noch bis 2023 läuft das vom Bund geförderte Creapolis-Projekt der Hochschule. Doch es soll weitergehen: "Wir schreiben gerade den Antrag für die nächste Projektphase", sagt Neufeld.

Wenn es nach ihm geht, bleibt die alte Direktorenvilla Teil der Hochschule. Ein "Quartiersmanagement für den neuen Campus" könnte dort eingerichtet werden, sagt er. Auch Jochen Flohrschütz hat Ideen: Projekträume, in denen Startups und etablierte Firmen zusammen Neues entwickeln können, lautet sein Vorschlag, und: "Das eine schließt das andere nicht aus."

Eigentümerin des Gebäudes ist aber nach wie vor die Stadt, die Verwaltung liegt bei der Wifög. Deren Geschäftsführer Stephan Horn kennt die Begehrlichkeiten. "Es gibt verschiedene Interessenten und verschiedene Möglichkeiten dafür", sagt er. Auch Coburger Unternehmen und die Wifög selbst hätten Nutzungsideen für das Gebäude. Aber erst einmal müsse die Kühlhalle übergeben werden. "Die Villa wird auf jeden Fall stehen bleiben und weiter genutzt werden", verspricht Horn.

Creapolis Kernstück ist der Makerspace, eine voll ausgestattete Werkstatt für Holz- und Metallarbeiten, mit 3D-Drucker und Lasercutter. Das Besondere: Der Makerspace steht nicht nur Studierenden zur Verfügung, sondern jedermann. Weitere Aufgaben der Creapolis sind Vernetzung der Hochschule mit der Region und Innovation, mit Tüftlertreffen ähnlichen Veranstaltungen. Die Creapolis wird vom Bund im Rahmen des Projekts Innovative Hochschule mit insgesamt 6,5 Millionen Euro gefördert. Der Förderzeitraum endet mit dem Jahr 2022.

Zukunft.Coburg.Digital Das digitale Gründerzentrum von Stadt und Landkreis Coburg versteht sich als Anlaufstelle für Start-ups und für Unternehmen, die ihre Abläufe digitalisieren wollen. Im Schlachthof bietet Zukunft.Coburg.Digital einen Coworking-Space an - wer dort arbeiten will, bucht einen Schreibtisch. Idee dahinter ist, dass dadurch der Austausch mit anderen Gründern möglich wird.