Warum ist Michael Stoschek, Vorsitzender des Brose-Verwaltungsrats, nun aus der CSU ausgetreten? Eine Erklärung: Weil führende Politiker der Region nach seinem Dafürhalten nicht energisch genug für den vierstreifigen Ausbau der B4 im Weichengereuth geworben haben. Denn dieser Ausbau des etwa 1,3 Kilometer langen Teilstücks ist derzeit blockiert, weil die Mehrheit des Coburger Stadtrats dagegen ist. In benachbarten Gemeinden wie Ahorn und im Kreistag ist die Mehrheit dafür. Auch die IHK fordert den Ausbau - und einige Unternehmen, wie Brose und Kaeser .

Für Michael Stoschek sah es aber offenbar so aus, als bleibe von all diesen Rufern nach dem B4-Ausbau in der öffentlichen Wahrnehmung nur Brose stehen. Daran hat das Unternehmen freilich einigen Anteil: Ulrich Schrickel, Vorsitzender der Geschäftsführung, hatte schon vor über einem Jahr deutlich gemacht, dass der Ausbau der B4 wesentlicher Bestandteil des eigenen Logistik-Konzepts für den Standort sei - also für die Route, auf der Lkw zum Werk fahren und wieder weg. Hinzu kam, dass Brose zu Jahresbeginn 2021 zwar einerseits große Investitionen für Coburg angekündigt hat ("Masterplan 2030"), andererseits aber wissen ließ, dass die Verkehrsanbindung des Werks in Bamberg viel einfacher wäre. Das hatte Stadtratsmitglieder wie Hans-Heinrich Eidt (FDP) zu dem Schluss veranlasst, die Stadt solle ihren Widerstand gegen den B4-Ausbau aufgeben, damit Brose in Coburg investiere.

Diese direkte Verknüpfung zwischen B4-Ausbau und Brose-Investitionen war aber auch nicht das Bild, das stehen bleiben sollte: Das Logistik-Zentrum werde auf jeden Fall gebaut, hieß es daraufhin sinngemäß im Brose-Intranet. Aber man habe sich bei der Planung dieses Logistik-Konzepts eben auf den Stadtratsbeschluss von 2016 für den Weichengereuth-Ausbau verlassen und sei im Mai 2020 enttäuscht worden. Damals hatte der Stadtrat nach der Präsentation der Entwürfe den Ausbau abgelehnt.

Brief an Söder blieb ohne Folgen

Im Januar hatten Stoschek, mehrere Kommunalpolitiker und IHK-Präsident Friedrich Herdan gemeinsam an Bayerns Ministerpräsident Markus Söder geschrieben mit der Bitte, sich mit dafür einzusetzen, dass in Coburg das Thema Weichengereuth wieder auf die Tagesordnung kommt. Im Februar stellte die CSU/JC-Fraktion auch einen entsprechenden Antrag, doch der wäre aller Wahrscheinlichkeit nach abgelehnt worden. Allerdings war sich der Stadtrat einig (auf Antrag der CSB-Fraktion), dass die Stadt ein Gutachten zu den Weichengereuth-Plänen einholen solle.

Doch ansonsten geschah nicht viel. "Ich nehme nun die fehlende Unterstützung der CSU-Vertreter aus dem Coburger Landkreis und das Desinteresse des Bayerischen Ministerpräsidenten zum Anlass, mit sofortiger Wirkung meinen Austritt aus der CSU zu erklären", heißt es in einem von Stoschek unterzeichneten Schreiben, das am Mittwoch an Coburger CSU-Mitglieder versandt wurde. Am Freitag jedoch schickte die Brose-Unternehmenskommunikation eine Stellungnahme: "Der Vorsitzende unserer Gesellschafterversammlung, Michael Stoschek, hat in seinem Schreiben an demokratisch gewählte Vertreter der Coburger Region seine Enttäuschung darüber ausgesprochen, dass durch deren mangelnde Bereitschaft, ihre persönliche Meinung und die der von ihnen vertretenen Gremien öffentlich zu machen, der Eindruck entstanden sei, der Ausbau der Bundesstraße 4 im Weichengereuth in Coburg sei das Individualinteresse unseres Unternehmens. Genau dies ist aber nicht der Fall."

Vorausgegangen war zweierlei: Die Staatskanzlei hatte signalisiert, dass es eine Antwort auf den Brief an Söder geben würde. Und: Landtagsabgeordneter Martin Mittag, Landrat Sebastian Straubel, der Ebersdorfer Bürgermeister Bernd Reisenweber als Kreisvorsitzender des Gemeindetags hatten öffentlich betont, dass der B4-Ausbau aus ihrer Sicht im Interesse der gesamten Region sei, auch für Pendler und Touristen. Gleichzeitig machten sie Stoschek den Vorwurf, dass er die Dinge durch sein Verhalten kompliziert habe: Stoschek habe nämlich den Brief an Söder an die Coburger Stadtratsmitglieder weitergeleitet, bevor das Schreiben in München angekommen war.

"Persönlicher Grund"

Nun nennt die Brose-Unternehmenkommunikation eine neue Begründung für den Parteiaustritt: "Ein persönlicher Grund für Michael Stoschek war die mangelnde Unterstützung der CSU-Fraktion im Coburger Stadtrat bei der Entscheidung über die Auftragsvergabe und Finanzierung der Aufarbeitung der Stadtgeschichte im Dritten Reich im Jahr 2015. Die Untersuchung der unglaublichen Zustände und ihrer Beteiligten in der ,Nazi-Musterstadt Coburg‘ halten wir für außerordentlich wichtig. Herr Stoschek wurde über die Haltung der CSU erst kürzlich informiert und distanziert sich davon. "

Nun hatte die damalige CSU-Stadtratsfraktion unterschiedliche Positionen vertreten, was die Aufarbeitung der Coburger Stadtgeschichte während des Nationalsozialismus angeht. Das Thema war 2015 aufgekommen, als es darum ging, die Von-Schultes-Straße in Max-Brose-Straße umzubenennen. Denn die Straße führt quasi mitten durch das Betriebsgelände, das seit 1913 im Coburger Süden liegt. In den 90er-Jahren wurde es es erweitert. Damals stellte die Stadt unter anderem die Fläche ihres Busdepots zur Verfügung.

Die Ausweisung der Max-Brose-Straße war indes heftig umstritten. Denn Brose war, wie viele Industrielle dieser Zeit, Mitglied der NSDAP und Wehrwirtschaftsführer gewesen. Sein Unternehmen beschäftigte Zwangsarbeiter. Doch Stoschek lag die Straßenbenennung durchaus am Herzen - Max Brose ist sein Großvater und übertrug Stoschek persönlich die Nachfolge als Unternehmens-Chef. Schon 2004 hatte es für die Straßen-Umbenennen einen vergeblichen Anlauf gegeben. Max Broses mögliche Rolle im Nationalsozialismus spielte damals durchaus eine Rolle. Brose selbst beauftragte später den Erlanger Historiker Gregor Schöllgen, die Firmengeschichte aufzuarbeiten. Anlass war das 100-jährige Bestehen des Unternehmens im Jahr 2008.

Gegenstimmen wegen der Kosten?

"Nach wissenschaftlicher Aufarbeitung liegen keine Erkenntnisse vor, nach denen Max Brose in den Jahren von 1933 bis 1945 als Unternehmer und IHK-Präsident ein Fehlverhalten vorgehalten werden kann", befand der Stadtrat im März 2015. Im Mai 2015 folgte die Straßen-Umbenennung. In der gleichen Sitzung beschloss der Stadtrat, dass die Coburger Geschichte des Nationalsozialismus wissenschaftlich aufgearbeitet werden solle. Dieser Beschluss erfolgte einstimmig, betont der heutige Vorsitzende der CSU/JC-Fraktion, Hans-Herbert Hartan. Im Oktober 2015 sei es dann um die Berufung der Historikerkommission gegangen. Damals stimmten drei Vertreter der CSU/JC-Fraktion dagegen. Im März 2016 waren die damals elf anwesenden Mitglieder CSU/JC-Fraktion - angeblich wegen der Kosten - gegen die Ausschreibung des Projekts. Es ging um 265000 Euro, und die Stadt wollte damals ihren Haushalt konsolidieren..

Die Mehrheit im Stadtrat war jedoch dafür, das auf mindestens vier Jahre angelegte Forschungsprojekt zu finanzieren. In der März-Sitzung wird der Stadtrat den nächsten Zwischenbericht daraus hören. Schon nach dem ersten Zwischenbericht hatte es keine Zweifel mehr an der Notwendigkeit und dem Sinn der Geschichts-Aufarbeitung in Coburg mehr gegeben. Thema war damals, wie die Coburger Nationalsozialisten die Stadtratssitzungen als Bühne für hetzerische Auftritte nutzten, um Aufmerksamkeit und Wählerstimmen zu gewinnen.