Kopien der fünf Seiten im Manager-Magazin dürften am Wochenende in Coburg fleißig kursiert haben: "Sackgasse" lautet kurz und knapp die Überschrift. Es geht um Brose und die Rolle von Michael Stoschek im Unternehmen. Online ist die Schlagzeile länger: "Das wunderliche Regime des Brose-Patriarchen" steht da unter der Dachzeile "Michael Stoschek findet keine Nachfolge".

Aufgelistet wird in dem Text so ziemlich alles, was in den vergangenen Monaten rund um Brose passiert ist und überregional wahrgenommen wurde: Der Wechsel in der Geschäftsführung von Kurt Sauernheimer zu Ulrich Schrickel Anfang 2020, die Sparpläne im vergangenen Jahr und der Spott des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann im Dezember.

Zentrales Thema ist aber eines, das in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieb: 2020 habe Stoschek sämtliche Brose-Unternehmen von der Rechtsform GmbH & Co. KG auf SE & Co. KGs umfirmiert, schreibt das Manager-Magazin. In der Tat weist das Handelsregister zum Beispiel die Umwandlung der Coburger Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG zum 14. Januar 2020 aus. Die neue Rechtsform macht einen gewichtigen Unterschied: In einer GmbH ist eine Geschäftsführung eingesetzt; Stoschek war dort lediglich Vorsitzender der Gesellschafterversammlung. Diese Gesellschafterversammlung kann den Geschäftsführern Weisungen erteilen - der Vorsitzende alleine nicht.

Doch Stoschek war bei Brose all die Jahre präsent. Das zeigte sich vor allem im Jahr 2018, als er im Sommer zunächst in einer Betriebsversammlung in Coburg über die hohen Arbeitskosten wetterte und zum Ende jenes Jahres zusammen mit der Geschäftsführung einen Zukunftspakt für den Standort Coburg vorstellte. Die SE, Kurzform für "Societas Europaea" (Europäische Aktiengesellschaft), erlaubt es Stoschek als Vorsitzendem des Verwaltungsrats, nun direkt ins laufende Geschäft einzugreifen, ohne ein Gremium einzuberufen.

Die Geschäftsführung besteht aus Geschäftsführenden Direktoren, mit Ulrich Schrickel als Vorsitzendem. Diese Information ist im Impressum der Brose-Homepage zu finden. Auf der Homepage selbst dagegen wird Schrickel als Vorsitzender der Geschäftsführung und CEO (Chief Executive Officer) bezeichnet; die anderen Direktoren werden dort Geschäftsführer genannt.

"Seine Rolle als omnipräsentes Firmenoberhaupt kann er damit besser ausspielen als je zuvor", analysiert das Manager-Magazin. "Als Verwaltungsratschef aller SE & Co. KGs obliegt ihm kraft Gesetz und Satzung die Leitung von Brose. Er darf an allen Sitzungen seiner zu ,geschäftsführenden Direktoren‘ degradierten Geschäftsführer teilnehmen und jedem einzelnen freihändig Weisungen erteilen."

Führungsstil angeprangert

Schon im Oktober hatte das Manager-Magazin Stoscheks Führungsstil aufs Korn genommen ("Brose-Eigner scheucht seine Leute, bis an die ,Kotzgrenze‘") und darauf hingewiesen, dass die Fluktuation in der Führungsetage hoch sei. Im aktuellen Magazin werden unter Berufung auf aktuelle und frühere Manager (die alle anonym bleiben) Details geschildert: Stoschek mische mehr mit denn je, "quer durch alle operativen Ebenen". Schrickel habe "jeden Montagmorgen" mit Stoschek ein "Zwiegespräch mit klaren Ansagen". Aus fachlichen Auseinandersetzungen mit Managern würden schnell persönliche, weil Stoschek sich über die Empfehlungen der Manager hinwegsetze und, wenn es schief gehe, diesen die Schuld daran gebe. "Es geht, so der Eindruck vieler Manager, für Stoschek um Stoschek und ums Rechthaben", heißt es in dem Text.

Ein Nachfolger als oberster Chef sei, so das Manager-Magazin, nicht in Sicht. Stoschek setze offenbar auf seine Tochter Julia (45). Doch die zeige wenig Interesse, sondern widmet sich als Sammlerin und Galeristin der Kunst. Mit der neuen Rechtsform habe Stoschek das Unternehmen ohnehin wieder auf sich zugeschnitten, fasst das Manager-Magazin zusammen und mutmaßt, dass Stoschek letztlich auch hier seinem Großvater Max Brose nachfolge: Der hatte das Unternehmen bis zu seinem Tod geführt und den damals 21-jährigen Michael Stoschek zum Nachfolger erklärt. "Ein in Bälde geschäftsfähiger Enkel ist nun, mehr als 50 Jahre später, nicht in Sicht. Langfristig, orakeln Mitarbeiter, bleibt wohl nur der Verkauf", schließt der fünfseitige Text.

"Der Artikel im Manager Magazin enthält wie auch schon ein früherer Beitrag zahlreiche falsche Behauptungen. Das ist bei dieser Publikation nicht ungewöhnlich, weshalb wir hier grundsätzlich nicht mit Gegendarstellungen reagieren", erklärte dazu Brose-Pressesprecherin Katja Herrmann auf Nachfrage am Sonntag. "Die Geschäftsführung, die Gesellschafter und der Beirat der Brose Gruppe begrüßen es sehr, dass Michael Stoschek mit seiner 50-jährigen Erfahrung als Unternehmer in diesen schwierigen Zeiten aktiv an den wichtigsten Entscheidungen unseres Familienunternehmens mitwirkt."

"Moderne Weiterentwicklung"

Keine Gegendarstellung, aber einige Punkte der Berichterstattung möchte Brose "richtigstellen", erklärt Sprecherin Katja Herrmann. "Der Geschäftsrückgang im vergangenen Jahr entspricht genau dem Rückgang der für Brose relevanten Fahrzeugproduktion. Wir erwarten bis 2025 eine Steigerung unserer Umsätze auf neun Milliarden Euro und eine Zunahme der Beschäftigung von 25000 auf 30000 Mitarbeiter." Das Manager-Magazin hatte darauf hingewiesen, dass die früher über dem Branchenschnitt liegenden Umsätze bei Brose seit 2018 geschrumpft und 2020 infolge der Corona-Krise "um fast ein Fünftel auf 5,1 Milliarden Euro" eingebrochen seien.

Zur neuen Rechtsform heißt es von Brose, sie sei "eine moderne Weiterentwicklung unserer Firmierung. Sie reduziert die Komplexität unserer Unternehmensgruppe mit mehr als 60 Firmen weltweit und erleichtert es, zusätzliches Kapital für künftige Finanzierungen zu gewinnen. Es ist die übliche Rechtsform großer Familienunternehmen wie zum Beispiel auch der Firma Kaeser. Die Rechte der Gesellschafter werden davon ebenso wenig berührt wie die gesetzlichen Mitbestimmungsrechte unserer Mitarbeiter."

Das Manager-Magazin hatte geschrieben, dass der Coburger Betriebsratsvorsitzende Seref Durak eine unternehmensweite Mitbestimmung per Gerichtsurteil hatte erreichen wollen. Doch das Landgericht Coburg habe die Klage abgewiesen. Bei Brose gab es schon vorher keinen Gesamtbetriebsrat und keinen Aufsichtsrat mit Beteiligung von Arbeitnehmervertretern. Laut Manager-Magazin hatte die Struktur des Unternehmens einen Gesamtbetriebsrat verhindert.

Masterplan Brose 2030

In Coburg war Stoschek zuletzt - abgesehen vom Unternehmen Brose - bei zwei Themen in Erscheinung getreten: Er setzte sich vehement für den Bau des "Globe" am Güterbahnhof ein (das Rundtheater wird zunächst als Ausweichspielstätte fürs Landestheater dienen, während das historische Gebäude am Schlossplatz generalsaniert wird), und er wetterte gegen den Bau eines Kongresshotels am Anger.

Brose selbst hatte verschiedene Investitionen in Coburg angekündigt: Schon Ende 2018 hieß es, dass Presswerk und Kunststoffgießerei modernisiert werden sollten. Angekündigt wurden auch ein neues Logistikzentrum sowie ein Entwicklungs- und Verwaltungsgebäude für den "Geschäftsbereich Sitz". Für diese Erweiterungen hat Brose in Coburg etliche Grundstücke erworben: Das Logistikzentrum soll im Bereich des Südkreisels entstehen; die dort ansässigen Unternehmen wurden auf das ehemalige Ros-Gelände an der Bamberger Straße umgesiedelt. Allerdings hatte die Geschäftsführung von Brose im Frühjahr 2020 erklärt, dass für den Bau des Logistikzentrums ein vierstreifiger Ausbau der B4 im Weichengereuth erforderlich wäre. Den hatte der Stadtrat aber im Mai abgelehnt.

Am Donnerstag soll sich der Krisensenat des Stadtrats mit der "Entwicklung der Firma Brose Fahrzeugteile SE & Co. am Standort Coburg im Rahmen des Masterplans Brose 2030" befassen.