Es fühlt sich komisch an, in diesen Zeiten eine Ladeneröffnung zu feiern", sagt Sabrina Kerscher. Seit dieser Woche befindet sich ihr Stoffladen im Münzmeisterhaus. Die Selfmade-Geschäftsfrau ist umgezogen, von der Herrngasse in die Ketschengasse, von 46 Quadratmeter auf 100 Quadratmeter.

"Viele selbstständige Kollegen kämpfen momentan wirklich sehr. Aber ich bin froh, dass mein Laden geöffnet sein darf. Das hier ist einfach ein wunderschöner Ort und viele unserer Kunden haben sich am Eröffnungstag bei uns bedankt, dass wir ihnen Raum und Inspiration geben, in diesen tristen Zeiten kreativ sein zu können." Das habe ihr Mut gemacht und sie bestärkt."Brinarina" wie sich die 40-Jährige auch nennt, und die auf Instagram über 8000 Follower hat, strahlt Optimismus aus. Den trägt sie auch gerne in die Welt. Nachdem sie die Entscheidung für einen neuen, viel größeren Laden getroffen hatte, stand für sie fest: "Wir rocken das und lassen uns von Corona nicht aufhalten!" Sie lacht, umgeben von Nähmaschinen, Stoffbahnen und -rollen. Das Geschäft in der Herrngasse war zu klein geworden, da Sabrina Kerscher auch Nähkurse anbietet, was aber in Corona-Zeiten gar nicht mehr möglich war.

Online-Geschäft florierte

Zunächst hatte sie im März beim ersten Lockdown alles auf online umgestellt. Trotzdem stand sie jeden Tag im geschlossenen Laden, um Päckchen mit bestellten Stoffen und Schnittmustern zu packen. Das Geschäft florierte, ihre Followerzahlen auf Instagram gingen immens in die Höhe. "Zunächst dachte ich daran , mein Geschäft ganz aufzugeben, und alles nur noch im Netz zu verkaufen", erinnert sie sich. Doch dann interessierte sie sich für den Leerstand im Münzmeisterhaus. "Als ich zum ersten Mal in den Räumen stand, wusste ich: Den Laden will ich haben!"

Natürlich habe sie sich über Corona und die Folgen für den Handel Gedanken gemacht. Doch jede Krise berge Chancen. Das sei ihr im Frühjahr mal wieder bewusst geworden: "Es sind viele coole Sachen entstanden. Ich habe in dieser Zeit ein zweites Schnittmusterbuch gemacht und eine neue Strickkollektion entworfen." In Barcelona, wo ihre Familie lebt, seien eine ganze Reihe neuer Geschäftsideen umgesetzt worden. "Das war toll zu sehen", sagt sie. (siehe dazu Info-Kasten)

Appell an die Coburger

Gegenseitige Unterstützung helfe über schwierige Situationen hinweg. Sie könnte sich gut vorstellen, in ihrem neuen Geschäft Flyer mit Speisekarten von Restaurants auszulegen. Und den Coburgern möchte sie ans Herz legen: "Kommt in die schöne Stadt. Das wird Euch gut tun. Wir Einzelhändler brauchen Euch."

IHK: Handel verunsichert

Das unterstreicht letztlich auch die Konjunkturumfrage der IHK zu Coburg im Herbst (vor dem Lockdown light). Zur aktuellen Lage heißt es darin: "Der stationäre Einzelhandel hatte im Frühjahr in besonderem Maße unter dem Lockdown zu leiden. Mit den inzwischen eingetretenen Lockerungen haben sich die zuvor desaströsen Beurteilungen unserer Einzelhändler zu ihrer geschäftlichen Lage marginal erholt. Dies ändert jedoch nichts an der nach wie vor außerordentlich schwierigen Situation des regionalen Handels."

Die geltenden Hygieneauflagen beeinträchtigen das Einkaufserlebnis und führen zu Umsatzrückgängen bei den Händlern. Und nicht zuletzt wirken sich verbreitete Kurzarbeit und Ängste um Jobverlust negativ auf die Konsumstimmung der Kunden aus. Aktuell bezeichnen 29 Prozent der Befragten ihre Lage als "gut" (+21 Prozentpunkte im Vergleich zur Vorumfrage), 14 Prozent als "schlecht".

Einkaufserlebnis und Digitalisierung

Studie Mehr als zwei Drittel der Einzelhändler erwarten steigende Digitalisierungsinvestitionen und neue Geschäftsmodelle. Das geht aus der im September veröffentlichten zweiten IHK-Handelsstudie - eine deutschlandweite Händlerbefragung zum Einfluss der Digitalisierung auf den Einzelhandel - hervor. Das Einkaufserlebnis und die individuelle Lösung der Kundenprobleme sind wesentliche Erfolgsfaktoren des stationären Einzelhandels - mehr als 80 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage zu.

Im Gegenzug sehen nur noch 58 Prozent den stationären Vertriebsweg (in Verbindung mit anderen Kanälen) im Jahr 2025 als wichtigsten Einkaufskanal der Kunden - unter den Online-Händlern sind es nur 33 Prozent. Zudem erwarten 48 Prozent eine Reduzierung der durchschnittlichen Ladenfläche.