Für Hans-Peter Schönecker geht es jetzt Schlag auf Schlag. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Meldung über aus dem Winterquartier zurückgekehrte Störche beim Storchenbeauftragten der Coburger Kreisgruppe im Landesbund für Vogelschutz (LBV) ankommt. Vielleicht spielt die derzeitige Witterung eine wichtige Rolle für die in einigen Fällen doch recht frühzeitige Rückkehr der Vögel ins Coburger Land. Hans-Peter Schönecker vermutet jedenfalls: "Offenbar nutzen die Störche den aktuell starken bis stürmischen Wind aus und lassen sich zurück auf ihre angestammten Horste per Rückenwind ins Coburger Land treiben."

Sofern sie nicht eh schon in der Gegend überwintert haben - die beiden Storchenpaare in Scherneck und auf dem Meschenbacher "Bräustübla"-Schlot machen es ja schon seit einigen Jahren erfolgreich vor. Sie fliegen gar nicht mehr in den Süden. Angesichts der Häufung der Meldungen hat sich der LBV-Storchenbeauftragte am Wochenende erneut auf den Weg nach Seßlach und in den Itzgrund gemacht, um eine erste Bestandsaufnahme zu erstellen.

Wer zuerst kommt, räumt erst mal auf

In Kaltenbrunn ist die Sache mehr oder weniger klar: Das Paar, das in den vergangenen Jahren auf dem stillgelegten Schlot der Brauerei Schleicher gebrütet hat, ist wieder zusammen. Schon vor zehn Tagen haben Bürgermeisterin Nina Liebermann und Karl-Ludwig Schmidt als wachsame Beobachter vor Ort den ersten Storch gemeldet. Zwar hat es sich noch nicht ergeben, an der Beringung der Vögel zweifelsfrei ihre Herkunft zu ermitteln, aber schon das Verhalten sagt Hans-Peter Schönecker, dass es sich um die angestammten Kaltenbrunner Störche handeln müsste. Was jetzt ansteht, ist auch klar: "Immer der Vogel, der zuerst zurückkehrt, der räumt im Horst auf." Der erste Vogel kam rund um den 10. Februar, eine Woche später war die gewohnte Zweisamkeit wieder komplett. Dass sich die beiden Vögel jetzt schon über ein Jahrzehnt nach ihren getrennten Aufenthalten in Winterquartieren wohlbehalten in Kaltenbrunn wieder treffen, ist so selbstverständlich nicht. Hans-Peter Schönecker: "Es gibt auf der langen Reise viele Gefahren für unsere Störche zu überstehen."

Ab April wird gebrütet

Während die Störche auf dem Schleicher-Schlot noch klar Schiff machen, ist das Paar am Kurpark in Bad Rodach schon ein bisschen weiter. Das ist kein Wunder, schließlich haben dort aufmerksame Nachbarn bereits am 1. Februar einen Storch auf dem Horst am Eingang des Kurgebietes gemeldet. Inzwischen konnte der örtliche Storchenbeobachter, Kurt Schwestka, das Storchenpaar bei gegenseitigen Begrüßungsritualen, lautem Geklapper, Nestbau und "ein bisschen mehr" fotografieren. Wobei es schon noch ein paar Wochen dauern wird, bis die Störche mit der Brut beginnen. "In den vergangenen Jahren haben die ersten Störche, abhängig vom Wetter, immer zwischen dem 20. und 30. März mit der Eiablage begonnen", erklärt der Storchenbeauftragte, Hans-Peter Schönecker. Die Störche im Itzgrund waren immer bei den ersten brütenden Paaren mit dabei.

Was den Menschen nervt, kommt in der Vogelwelt derzeit richtig gut an: die nasse Witterung mit vielen überschwemmten Wiesen. Nicht nur im Itzgrund, sondern quasi in allen Fluss- und Bachgründen im Coburger Land gibt es seit Wochen überflutete Wiesen. Dort können nicht nur die Störche Mäuse, Würmer und Insekten - die ja meist Nichtschwimmer sind - gut erreichen. Verhungern muss derzeit sicher kein Vogel im Coburger Land, sagt Hans-Peter Schönecker: "Der Tisch ist für die Rückkehrer gut gedeckt." Dass auch andere Vögel wie Graureiher, Silberreiher und Nilgänse derzeit von einem reichen Futterangebot profitieren, könne jeder erkennen, der mit offenen Augen durch die Gegend fahre.

Eine erste Zwischenbilanz

Bad Rodach: komplett, Itzgrund: komplett, Seßlach: komplett (seit 20. Februar), Rossach: vermutlich komplett - es lässt sich gut an, das Storchenjahr 2022 zwischen Röden und Itz. In der Zentrale des Landesbunds für Vogelschutz im mittelfränkischen Hilpoltstein geht man davon aus, dass sich die Population von rund 800 Brutpaaren in Bayern weiter stabilisieren wird.

Das Coburger Land gilt dabei als eine Region, die noch weitere Paare locker verkraften würde. Zahlreiche Nisthilfen sind ja noch frei. Einen persönlichen Favoriten, der gute Chancen hat, angenommen zu werden, hat Storchenfachmann Schönecker auch: den im vergangenen Jahr neu aufgerichteten Stangenhorst am Niederfüllbacher Ortsrand. Dessen Umfeld sei richtig gut, sagt der LBV-Sprecher: "Es ist ein belebter Standort mit guter Rundumsicht und einem Nahrungsgebiet von den Itzwiesen bis zur Kläranlage in Sichtweite."

Storch gesehen? Bitte melden!

Meldungen: Angesichts der Prognosen mit weiter eher milder Witterung ist damit zu rechnen, dass in den kommenden Tagen weitere Störche im Coburger Land ankommen. So gab es gestern zum wiederholten Mal Meldungen, dass sich Störche in Neustadt in den Rödenauen sowie auf dem Hausser-Schlot aufhalten. Im vergangenen Jahr haben im Neustadter Stadtgebiet zwei Storchenpaare gebrütet. Meldungen zu neu hinzugekommenen Störchen nimmt auch der stellvertretende LBV-Storchenbeauftragte Werner Hellwig entgegen: werner.hellwig@lbv.de