Am ausführlichsten äußert sich Bettina Lesch-Lasaridis (SPD): "Jahrelang war das Gejammer in dieser Stadt groß, die SPD sei schuld, dass Arbeitsplätze der Firma Brose verlagert worden seien." Es stehe einer Stadt nicht gut zu Gesicht, sich mit einem großen Unternehmer in Dauerstreit zu befinden, meint Lesch-Lasaridis: "Dabei geht es nicht in erster Linie um Geld. Es geht um eine zukunftsfähige Stadt und um Arbeitsplätze." Dass Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) versuchte, Frieden zu stiften, sei an der Zeit gewesen, schreibt Lesch-Laridis, auch, wenn klar war, dass das nicht leicht sein würde. "Jeder kennt die Persönlichkeit des Herrn Stoschek."
Michael Stoschek, Enkel des Firmengründers Max Brose, über drei Jahrzehnte geschäftsführender Gesellschafter und nun Vorsitzender der Gesellschafterversammlung von Brose, hatte in den vergangenen Jahren immer wieder heftige Kritik an der Stadtführung
geübt. Die Entscheidung in Sachen Max-Brose-Straße im Jahr 2004 war da nur einer von mehreren Konfliktpunkten.

Bettina Lesch-Lasaridis nahm an jener Stadtratssitzung im Juli 2004 teil, in deren nichtöffentlichem Teil es darum ging, ob die Von-Schultes- in Max-Brose- oder in Brose-Straße umbenannt werden soll. "Brose-Straße" war zu jenem Zeitpunkt beschlossene Sache - das hatte der Bau- und Umweltsenat so entschieden. Drei Stadträte der CSU stellten damals einen Überprüfungsantrag, und so gelangte das Thema in den Stadtrat.

Viele unzufrieden

"Jeder, der 2004 bei der Entscheidung dabei war - und davon sind noch viele im Stadtrat - war mit dem Ausgang der Entscheidung unzufrieden", schreibt Bettina Lesch-Lasaridis. "Die CSU, weil sie im Vorfeld nicht ausreichend für Mehrheiten gesorgt hatte, die SPD, weil ihr Antrag mit der Brose-Straße nicht durchgegangen ist, und diejenigen, die lieber noch mal gründlicher darüber nachgedacht hätten. Es war ein einziges Abstimmungsdesaster und das war wirklich bedauerlich. Auch über die Konsequenzen hatten sich viele - nicht alle - keine Gedanken gemacht. Ich habe damals gegen die Max- Brose Straße gestimmt, aus prinzipiellen Erwägungen. Aber zufrieden war ich dennoch nicht."

Max Brose, geboren 1884, war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP. Das Unternehmen Brose beschäftigte in Kriegszeiten Zwangsarbeiter. Deshalb hatten seinerzeit viele Stadträte gegen eine Max-Brose-Straße gestimmt.
"Keiner hat bedacht, was das mit der Familie des Max Brose, insbesondere Herrn Stoschek macht", schreibt Lesch-Lasaridis. "Er hatte damals nicht um diese Straße gebeten. Die öffentliche Diskussion war riesig und die Meinungsbekundungen zu Max Brose nicht zimperlich. Das hätten wir besser und mit weniger Kollateralschäden hinbekommen müssen. Dies zu bedauern, ist für mich keine fragwürdige Entscheidung und eine Handreichung an Herrn Stoschek."

Das "Bedauern" hatte der Stadtrat am Donnerstag mit 30:8 Stimmen bekundet. Die Gegenstimmen kamen von den vier Grünen-Stadträten sowie von vier Mitgliedern der SPD-Fraktion. Martin Lücke und Monika Ufken saßen ebenfalls schon 2004 mit im Stadtrat. Franziska Bartl und Dominik Sauerteig sind neu im Gremium.

"Keine Kapitulation"

Kommentatoren hatten den Beschluss als "Unterwerfung" bezeichnet. Dem widerspricht Bettina Lesch-Lasaridis: "Es wird keine Kapitulation geben. Herr Stoschek hat in zwei Gesprächen, einmal bei uns in der Fraktion, einmal in Anwesenheit aller Fraktionsvorsitzenden, ganz klar und glaubwürdig versichert, dass es ihm um das Ansehen seines Großvaters geht und nicht um eine Ehrung durch eine Straße. Ich habe ihm geglaubt, wissend, dass, wenn er sich wieder in das Coburger Stadtgeschehen einmischt, man in jeder einzelnen Frage wieder mit ihm ringen muss. Aber unternehmerische Anschauungen können einen positiven Beitrag zur Stadtentwicklung leisten, so schwierig dies auch sein mag."

Über eine Max-Brose-Straße ist noch nicht entschieden. Sie stand auch noch nicht zur Debatte, auch, wenn Michael Stoschek vergangene Woche schon im Interview sagte, dass er und die Familie sich über eine Umwidmung der Von-Schultes-Straße freuen würden. Vor diesem Hintergrund appelliert Bettina Lesch-Lasaridis: "Deshalb, Herr Stoschek lassen Sie es bei diesem Beschluss bewenden, Ihr Großvater hätte diese ganze Diskussion nicht gewollt."

Zu Wort gemeldet hat sich auch Horst Geuter (Wählergemeinschaft Pro Coburg), der darauf verweist, dass der Stadtrat ein demokratisch legitimiertes Gremium sei. Dieser Stadtrat habe demokratisch abgestimmt. "Mehrheitsbeschlüsse des Stadtrats sollten dann auch mal respektiert werden und nicht jede Entscheidung kritisiert werden", fordert Geuter.

Für René Hähnlein, Vorsitzender der neuen Fraktion "Sozial und bürgernah für Coburg", muss die geschichtliche Aufarbeitung nun weitergehen. Wie der Stadtrat festgestellt hat, "liegen keine Erkenntnisse vor, nach denen Max Brose in den Jahren von 1933 bis 1945 als Unternehmer und IHK-Präsident ein Fehlverhalten vorgehalten werden kann". Nun könne "eine öffentliche und vor allem undogmatische Diskussion über Max Brose ohne die Belastung einer Entscheidung aus dem Jahre 2004" in Coburg geführt werden, schreibt Hähnlein.

Weg frei zur Diskussion

"Die ausgesprochene Rehabilitierung der Person Max Brose eröffnet allen Stadtratsfraktionen, aber auch allen Bürgerinnen und Bürgern eine unvoreingenommene Diskussion und neutrale Bewertung der Ereignisse während der NS-Diktatur. Wir werden uns als Stadtratsfraktion dieser Diskussion stellen und besonders auch mit den Kritikern unserer Position eine sachlich fundierte Neubewertung des Lebenswerkes von Max Brose in Angriff nehmen. Dogmatische Verallgemeinerungen, wie sie in den letzten Wochen von einzelnen Personen, aber auch Parteien, medial wirksam verbreitet wurden helfen weder einer sachlichen Aufarbeitung unserer historischen Verantwortung, noch sind sie ein Beitrag zur Würdigung der vielen Opfer des NS-Regimes."