Das KZ Auschwitz wurde am 27. Januar 1945 durch sowjetische Truppen befreit. Für viele aber kam die Rettung zu spät - auch für Frieda Baumwollspinner, ihren Mann Wolf Baumwollspinner, ihren Sohn Hermann und für Wilhelm Sandler aus Coburg.

Heimatstadt klingt nach Geborgenheit, nach Schutz, nach Identität. Für Wolf Baumwollspinner, seine Frau Frieda und seinen Sohn Hermann war Coburg ebenso Heimat wie für Wilhelm Sandler. Doch spätestens nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde ihnen wie vielen anderen Coburger Juden klar gemacht, dass die Heimatstadt nicht mehr Heimat war.

Für sie verwandelte sich die Heimatstadt in ein Gefängnis - nicht nur im übertragenen Sinn, sondern wörtlich zu verstehen. Sie wurden ausgegrenzt, das Textilgeschäft der Baumwollspinners in der Judengasse, das in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 demoliert worden war, wurde durch Boykott-Aktionen systematisch an den Rand des Ruins gedrängt.

Bislang 116 Stolpersteine in Coburg verlegt

Ihr Sohn Hermann, der einige Jahre in München Zuflucht suchte nach den schlimmen Erlebnissen in Coburg, wurde schließlich nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. In Auschwitz ermordet wurde auch Wilhelm Sandler, der in der Nordlehne wohnte. Wie Wolf Baumwollspinner wurde er von den Nazis und ihren Schergen willkürlich festgenommen und misshandelt.

Insgesamt 116 Stolpersteine wurden bislang in Coburg an 57 Anschriften verlegt (August 2021). 55 Steine erinnern an ermordete jüdische Bürgerinnen und Bürger.

Warum ist dieser Gedenktag so wenig verankert im öffentlichen Bewusstsein?

Der 27. Januar ist seit 1996 in der Bundesrepublik offiziell der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Warum aber scheint es, als sei dieser Gedenktag im öffentlichen Bewusstsein weniger fest verankert als andere Gedenktage? Die scheinbar naheliegendste Erklärung: "Der 27. Januar ist noch ein relativ junger Gedenktag", sagt Hubertus Habel, Kulturwissenschaftler und früherer Stadtheimatpfleger in Coburg. Vielleicht habe es zudem damit zu tun, dass am 9. November sehr prominent die Erinnerung an die Reichspogromnacht wach gehalten werde. Im Vergleich dazu gehe der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz fast ein bisschen unter. Vielleicht spiele außerdem eine Rolle, dass der Termin dieses Gedenktages "mitten in der Faschingszeit liegt". Tatsache sei, dass dieser Gedenktag hauptsächlich mit einer zentralen Veranstaltung im Bundestag begangen werde.

Nicht zu vergessen der sozialpsychologische Aspekt. Angesichts der Monstrosität des Verbrechens der Nationalsozialisten an den Juden, das in seinem Ausmaß "ganz, ganz schwer fassbar" sei, werde erklärbar, warum dieses Datum "eher mal verdrängt" werde.