Vorbildlich, bezeichnet Adam Hofstätter von der Kassenärztliche Vereinigung Bayern die Initiativen, die die Gesundheitsregion Coburg unternimmt, um Hausärzte ins Coburger Land zu locken. Dennoch: Bei derzeit 23 offenen Stellen (Stand 31.1.2022) droht die Unterversorgung. 20,5 Hausärzte werden in Coburg Stadt und Land gesucht, 2,5 allein in Neustadt.

Die Region bildet damit das Schlusslicht in ganz Bayern. Und das, obwohl Coburg seit Jahren versucht, mit gezielten Aktionen und Projekten dem entgegenzusteuern (siehe Infobox). Durchaus erfolgreich: Immerhin konnte bei 90 Prozent der Praxen, die altersbedingt aufgegeben wurden, ein Nachfolger gefunden werden. "Das ist eine sehr gute Zahl", meint Hofstätter. Eine Folge davon sei auch, dass das Durchschnittsalter der Ärzte in Coburg mit 54,3 Jahren jünger sei als der bayernweite Durchschnitt (55,2 Jahre). Doch auf diesem Erfolg könne und dürfe man sich nicht ausruhen. "Es bleibt eine große Herausforderung für die Region", so der Fachmann.

Kein Anstieg seit 2018

Die Geschäftsführerin der Gesundheitsregion Plus, Lea Hellbeck, blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft. Es seien 2021 keine weiteren freien Praxen hinzugekommen, eben dadurch, dass sie direkt nachbesetzt werden konnten - damit ist die Zahl erstmals seit 2018 nicht angestiegen. Außerdem gebe es aktuell drei Niederlassungsanträge von Hausärzten und Hausärztinnen, die aktuell von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns bearbeitet werden. Fehlen ja nur noch 20.

Das Problem des Ärztemangels ist kein hausgemachtes. Bundesweit fehlen Hausärzte - und vor allem Medizinstudenten. Bis 2035 werden altersbedingt fast 30.000 Hausärzte ausscheiden. Die frei werdenden Hausarztsitze werden Nachwuchsärzte und zugewanderte Ärzte nicht in gleicher Zahl besetzen. Das liegt zum einen daran, dass sich wenige Nachwuchsmediziner dafür entscheiden, sich als Hausarzt niederzulassen. Zum anderen bevorzugen junge Ärzte - statt Einzelpraxen - zunehmend Angestelltenverhältnisse und Teilzeitmodelle.

Lieber Krankenhaus

Das unterstreicht auch Martin Lücke, Notarzt und Anästhesist am Klinikum Coburg. Die Erfahrung der vergangenen Jahre habe gezeigt, dass junge Ärzte lieber in Gemeinschaftspraxen oder im Krankenhaus (mit geregelten Arbeitszeiten) arbeiten wollen. Seiner Meinung nach sei deshalb eine Chance zur Nachwuchsgewinnung, die Krankenhäuser für die ambulante Versorgung zu öffnen.

Der demografische Wandel führt dazu, dass sich das Krankheitsspektrum verschiebt und es mehr ältere Menschen mit chronischen und Mehrfacherkrankungen geben wird. Aber:"Es gibt keine Hausarzt-Backmaschine oder gar eine Pipeline, die sie uns anschwemmt", sagt Adam Hofstätter ernst. Gerade in Coburg gebe es immer noch eine beachtliche Anzahl von Hausärzten, die über 60 Jahre alt sind und in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Eine genaue Prognose könne nicht gegeben werden, da es für Hausärzte kein Rentenalter im herkömmlichen Sinn gibt.

Das birgt auch Chancen. Durch die Initiative von Oberbürgermeister Dominik Sauerteig und dem Hausärzteverein Stadt und Land konnte eine Förderung von der KVB in Höhe von 60.000 Euro für eine neue Hausarztansiedlung zur Verfügung gestellt werden. Diese Förderung kann aktuell jeder Hausarzt und jede Hausärztin bei der KVB beantragen. Außerdem unterstütze die Stadt Coburg selbstverständlich ältere Ärzte, die kurz vor der Praxisaufgabe stehen.

Wie wär's mit der Schwarmstadt?

Doch wie kann Coburg tatsächlich mehr Ärzte gewinnen und sich vor allem gegenüber attraktiveren Standorten in Oberbayern oder in der Nähe von Universitätsstädten behaupten? Wie wäre es mit einer bundesweit angelegten Imagekampagne für den Lebensort Coburg? Rothenburg ob der Tauber kennt jeder, aber Coburg...? Außer HUK, Samba und Handball fällt einem da wenig ein. Da war doch mal von der Schwarmstadt die Rede. Wäre es das nicht?

Für Martin Lücke ist Schwarmstadt der falsche Ansatz. Da denke man zuerst an schönes Wohnen. Aber bei der Nachfolge von Ärzten gehe es ums Arbeiten. Der SPD-Stadtrat sieht die neue Linie in der Umweltpolitik der Stadt als einen guten Ansatz, um Coburg noch attraktiver zu machen.

Ob ein gut ausgebautes Radwegenetz aber tatsächlich der Brüller bei der Ansiedlung ist?

Fehlende Hausärzte seien nicht zwangsläufig eine Frage von Standortwerbung, sagt Louay Yassin, Pressesprecher der Stadt Coburg. "Das spielt natürlich auch hinein und ist nie falsch. Aber wichtig sind für junge Ärzt*innen vor allem Faktoren wie Work-Life-Balance. Es gibt durchaus einige junge Ärzte in der Ausbildung aus der Region. Aber wir hören immer wieder, dass es für viele angehende Ärzt*innen nicht mehr interessant ist, sich niederzulassen. Vielmehr wollen sich viele anstellen lassen, um beispielsweise einen geregelten Feierabend zu haben. Oder Frauen wollen selbstverständlich in Erziehungsurlaub gehen."

Die Stadt Coburg und die Wirtschaftsförderer entwickeln derzeit gemeinsam Ideen. Der OB hätte das nicht umsonst 2020 kurz nach der Wahl zur Chefsache gemacht. Erste Früchte zeigte das ja bereits: Zwei neue Allgemeinärzt*innen im Jahr 2021 - Marlene Höfer in der Mohrenstraße und Andreas Hoffmann am Bahnhofsplatz.

Aber es reiche eben nicht, Praxen zu vermitteln. Hier werde umfassender nachgedacht. "Die Krux an der Sache ist, dass viele Ideen entweder rein rechtlich nicht machbar sind, da unzulässige Wirtschaftshilfe oder allein in der Zuständigkeit des Freistaates liegen", sagt Yassin.

Also denkt die Stadt über Life-Balance nach - statt mit ihren Pfunden zu wuchern?

Die Gesundheitsregion Plus möchte derweil mit einer ganz anderen neuen Idee Ärzte begeistern: die Sommerakademie. Diese wird fachliche Weiterbildung, Austausch und Freizeitaktivitäten für Studierende sowie Weiterbildungsassistenten und Weiterbildungsassistentinnen bieten. "Durch die gezielte Ansprache von Weiterbildungsassistenten erhoffen wir uns einen relativ kurzfristigen Erfolg in Form von Niederlassungen oder Anstellungen in Stadt und Landkreis Coburg", meint die Geschäftsführerin.

Auch da sei Skepsis erlaubt. Sicherlich - Kleinvieh macht auch Mist, aber deswegen kommt kein neuer Arzt nach Coburg, oder doch?

Und was sagt die IHK zur Standortpolitik? Dr. Andreas Engel, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg: "Gute Hausärzte und prinzipiell eine gute Arzt-Versorgung sind für unsere Unternehmen ein Standortfaktor bei der Mitarbeitergewinnung und damit ist das Thema auch für die IHK zu Coburg von hoher Relevanz. Besonders wichtig erscheint aktuell, die vielfältigen Aktivitäten und Stärken, die unsere Coburger Region heute schon hat, noch stärker nach außen zu kommunizieren." Also doch!

Der Ruf einer Region als Medizin-Standort sei mitentscheidend. Da könne Coburg punkten: "Die Regiomed-Kliniken sind ein breit aufgestellter Verbund, mit der Perspektive für den Aufbau eines Medizin-Campus auf dem ehemaligen BGS-Gelände."

Bis der allerdings fertig ist, schließen noch viele rentenreife Ärzte ihre Praxen zu.