Er geht freiwillig, "ohne, dass einer sagt: ,Jetzt wird's aber Zeit!‘" Das scheint Götz-Ulrich Luttenberger nicht ganz unwichtig gewesen zu sein für das Ende seines Berufslebens: Nach 23 Jahren in Coburger Diensten scheidet der SÜC-Geschäftsführer Ende Februar aus dem Dienst.

Die Verabschiedung erfolgt am Donnerstag, wenige Stunden bevor der Stadtrat über die Konzessionsvergabe für die Gas- und Stromleitungen auf städtischem Gebiet entscheidet. "Es gibt Bewerber", sagt Luttenberger - die SÜC, die als Städtische Werke/Überlandwerke Coburg begonnen und die fraglichen Leitungen überhaupt erst gelegt haben, sind nur einer.

Dass es diesen Wettbewerb gibt, ist eine der Entwicklungen, die Luttenberger als SÜC-Chef mitgestaltete. Als er kam, hieß seine Position noch "Werkleiter", die Stadtwerke waren Sondervermögen und der Oberbürgermeister im Zweifelsfall für alles zuständig.

Was der Oberbürgermeister zu regeln hatte und was der Werkleiter, war in einer Betriebssatzung geregelt, über die der Stadtrat zu entscheiden hatte. Heute gilt für den SÜC-Konzern das GmbH-Gesetz, was der Stadtrat will, kann er bestenfalls noch über den Aufsichtsrat oder den Oberbürgermeister kundtun, der ganz allein mit sich selbst die Gesellschafterversammlung abhält. Die SÜC, auch das kein Regelfall in der Stadtwerkelandschaft, gehören noch allein der Stadt (Ausnahme ist die Tochtergesellschaft SÜC Energie & H 2 O GmbH, an der drei Nachbargemeinden beteiligt sind).

Von Privatisierung und Wettbewerb war zwar schon vorsichtig die Rede, als Luttenberger 1992 zu den SÜC kam. Aber erst 1998 wurde der städtische Eigenbetrieb in eine GmbH umgewandelt, "was nicht reibungslos vonstatten ging", wie Luttenberger sich erinnert. "Hausintern gab es durchaus Zweifler." Der neuen SÜC GmbH wurden 1999 auch der Verkehrs- und der Entsorgungsbetrieb angegliedert. Die Beschäftigten blieben bei der Stadt. Die Folge: Neu eingestellte Mitarbeiter mussten nicht mehr nach dem Tarif für den öffentlichen Dienst bezahlt werden. Für den Bereich der ehemaligen Städtischen Werke gilt bei den SÜC ein Haustarif, für die Busfahrer gilt der Branchentarif für die privaten Busunternehmen.

Konkurrenz gegen Private

Damit, sagt Luttenberger, konnten die SÜC konkurrenzfähig bleiben. "Wir haben heute keine Lohnkutscher mehr." Vor 1998 waren schon einige der städtischen Buslinien an externe Anbieter vergeben. Auch die Fahrzeugreinigung könne weiterhin im Haus erledigt werden, sagt Luttenberger. Michael Blümlein, der Betriebsratsvorsitzende, hat diese bewegten Zeiten miterlebt.

"Der jetzige Betriebsrat kann eine positive Bilanz ziehen über die Zusammenarbeit mit Götz-Ulrich Luttenberger", sagt Blümlein. "Wir glauben, dass er zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Aber dass nicht immer alles reibungslos vonstatten ging, ist auch klar."
Dem Haustarif sind inzwischen auch die CEB-Mitarbeiter unterworfen, die seit 2005 neu dazu kamen. Der Coburger Entsorgungs- und Baubetrieb ist als Kommunales Unternehmen noch städtisch, die Geschäftsführung dafür haben aber die SÜC übernommen. In diesem Jahr kam dann auch noch der Verkehrstrupp dazu, der dem Ordnungsamt angegliedert war.

Im Versorgungsbereich können neu anfangende Mitarbeiter mehr verdienen als im öffentlichen Dienst, wenn sie die entsprechende Leistung bringen. Dafür fehlen aber später die Lohngruppenanstiege, "wenn kein Funktionswechsel erfolgt. Allein durch Absitzen wird man im Haustarif nicht reicher", erläutert Luttenberger.

Büro gewechselt

Zu den strukturellen kamen bauliche Veränderungen - am deutlichsten zu sehen am neuen SÜCenter in der Bamberger Straße. Das Geschäftsführerbüro in der obersten Etage mit fast 180-Grad-Rundumblick hat Luttenberger schon vor Wochen geräumt und seinem Nachfolger Wilhelm Austen überlassen.

Der dürfte, anders als Luttenberger, wissen, was auf ihn zukommt. "Als ich angefangen habe, war der Energiemarkt eingeschränkt. Es gab feste Konzessionsgebiete, in die kein anderer liefern durfte." Das galt für Strom und Gas. Bei "Wärme musste man um jeden Kunden kämpfen", gegen die Konkurrenz in Form von Öl, Flüssiggas und Strom. Inzwischen kann jeder mit jedem Anbieter Lieferverträge abschließen; die Kunden wollen umworben sein. Öl- und Strompreise schwanken auf dem Weltmarkt, und Fernwärme gilt als umweltfreundliche und günstige Alternative.

Als die Privatisierung kam, hatten auch große Energieanbieter Interesse, bei den SÜC einzusteigen. Doch sowohl Luttenberger als Geschäftsführer als auch Alt-Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD) als Aufsichtsratsvorsitzender lehnten ab. "Wir haben gesagt, wir können das alleine." Zu Hilfe kam dabei, dass die Stadt nie die Gewinne abschöpfte, die der SÜC-Konzern in seiner Sparte Wasser und Energie einfuhr. Dafür übernehmen die SÜC die Verluste, die im Aquaria und im Verkehrsbetrieb anfallen, 2013 immerhin 4,45 Millionen Euro. Als Gewinn weist der Konzern 3,46 Millionen Euro aus.

Weil die Gewinne im Unternehmen blieben, konnten die SÜC ihr Gebiet erweitern und neue Geschäftsfelder erschließen. Einige Straßenbeleuchtungen im Umland haben die SÜC schon übernommen, im Heldburger Unterland gar das gesamte Stromnetz. Die neue Glasfasersparte konnte indes nicht so wachsen, wie von Geschäftsführung und Aufsichtsrat geplant: Die Stadt Coburg hätte sich jährlich mit 1,5 Millionen Euro beteiligen sollen; dieses Ausbauprogramm fiel als eines der ersten dem Sparzwang zum Opfer. "Das Thema Wettbewerb ist sicher nicht zu Ende", sagt Luttenberger. Gegen die Konkurrenz, die kurzfristig agiere und im Stromgeschäft das Preisniveau drücke, sei "kein Kraut gewachsen". Weil beim Endkunden die Margen geringer werden, seien die SÜC auf das Geschäft aus dem Netzbetrieb angewiesen.

Noch mal studieren

Eine weitere Herausforderung: "Die unheimliche Bürokratie." Nach dem Mindestlohngesetz haften Auftraggeber dafür, dass ihre Auftragnehmer Mindestlohn zahlen. Das alles muss dokumentiert sein, die Kontrolle reiche "bis hin zur Offenlegung der Bücher", sagt Luttenberger. Die SÜC sind doppelt betroffen - sowohl als Auftraggeber als auch als Auftragnehmer.

Er selbst wird solche und andere Themen künftig bestenfalls als Berater beackern. Luttenberger will noch mal studieren: Rechtsgeschichte und Linguistik, weil Sprachwissenschaft schon immer ein Steckenpferd war. Seine Wohnung ("Studentenbude") in Bamberg hat er seit seiner Zeit bei Ferngas Nordbayern, wo er als verantwortlicher Jurist die rechtlichen Voraussetzungen für Erdgaspipelines "begleitet" hat, wie er sagt.

Seit Jahren lebt der Jurist mit seiner Frau in einer Fernbeziehung - kennengelernt haben sie sich beim Studium in Würzburg, das gemeinsame Haus steht in Nürnberg. Dort ist Luttenberger auch aufgewachsen.

Und dann ist da noch das Radfahren. Mit 17 sei er quer durch England gefahren, erinnert er sich. Zur Leidenschaft wurde das Radfahren erst wieder, als er mit der Gruppe um Alt-OB Kastner auf die großen Sommertouren ging. Fast jedes Jahr reist Luttenberger per Rad und liebäugelt derzeit mit dem neuesten Trend bei Mountainbikes, einem Fatbike: "Weil man es beladen kann."