Seit über zehn Jahren zelebriert Landwirt Werner Strehler im Herbst durch Weitramsdorf den "Almabtrieb" seiner Kühe. Mit dem Jungbullen Hansel voran ging es auch heuer ab von der Alm ins warme Winterquartier.
"Komm, Mutzi" - mit diesem Worten hält der Bauer seine Tiere hinter sich. Bereits vor dem Abtrieb hatte er mit seinem Helferteam die Strecke sicherheitshalber mit rot-weißen Bändern abgesichert. Von der Weide am Geiersbach geht es durch die Thüringer Straße (die derzeit auch noch auf ganzer Länge seitlich aufgegraben ist) in die Ummerstadter Straße und in die Bergstraße zum Hof und in den Stall.

"Gute Kühe", sagt Werner Strehler ohne Sorge, "sind vorsichtig und schauen nach dem Weg". Dass sich eine in den Aufgrabungen die Beine bricht, schließt er nahezu aus. Zudem ist der Zuchtbulle, der Hansel, ein ruhiges Tier. Er hält die Leitkuh und die anderen Kühe zusammen.
Die 21 Kühe, die ihren Weg in den Stall antraten, sind eine Kreuzung zwischen "Hereford" und "Caroline", eine Fleischrinderrasse mit ausgezeichneter Fleischqualität und wenig Fett. Eine zweite Herde von Strehler steht am Aussiedlerhof bei Schlettach. Die 30 Kühe sind noch draußen auf der Weide. Sie werden nur bei extremer Kälte oder Nässe in den Freilaufstall getrieben.

22 Kälber kamen zur Welt

Für den Weitramsdorfer Landwirt war es ein gutes Jahr. 22 Kälber sind zur Welt gekommen, allesamt problemlos. Die Kühe sind wieder trächtig. Strehler erklärt: "Weidetiere sind in der Fruchtbarkeit optimal." Und der "Natursprung" - die Deckung der Kühe durch den Bullen in freier Natur - sichert obendrein gesunden Nachwuchs. Besamer kommen bei Strehler nicht in den Stall. Seine Jungbullen - Hansel und Maxel - sind aktive und potente Burschen. Ihr Besitzer erzählt: "Mein letzter Jungbulle hat sechs bis sieben Kühe in einer Stunde gedeckt."
Aber Werner Strehler hat auch schon andere Erfahrungen gemacht. Als er bei der Agrargenossenschaft in Oberweißbach einen Zuchtbullen der Rasse "Limousin" abholen und der partout nicht auf den Hänger wollte, schwante dem Landwirt schon nichts Gutes. Der Bulle wurde dann zwar mit dem Lkw gebracht - "aber ein solcher Hitzkopf", meint Strehler, "ist nicht für die Zucht geeignet". So ein Tier bringe nur unruhige und wilde Kälbchen und mache schon bei der Kennzeichnung Probleme. Geschweige denn erst bei Impfungen oder anderen tierärztlichen Untersuchungen. Mit solchen Kälbern, sagt Strehler und lacht, "fühlt man sich glatt wie in Texas" - mit dem Lasso auf der Weide.

Probleme mit ausbüchsenden Kühen beim Almabtrieb gibt es immer mal wieder. Heuer war es völlig unerwarteter Weise der Bulle, der ansonsten ruhig der Herde vornweg marschierte und doch unterwegs an einem Steilhang in einen Garten sprang. Passiert ist nicht viel, auch weil Werner Strehler seine Tiere genau kennt. "Es sind schon raffinierte darunter", sagt er. Der Landwirt weiß: "Aber das sehe ich meist rechtzeitig."

Clevere Kühe gibt es immer wieder. "Die merken genau, ob Strom auf dem Elektrozaun ist oder nicht. Bei Stromsperre, und sei die noch so kurz, sind die schon über'n Zaun." Dann kommen auch schon die Anrufe bei den Strehlers: "Werner, deine Kühe gehen spazieren." In Richtung Gersbach hat Strehler schon Ausreißer eingefangen, aber auch schon mal nahe der einstigen Grenze.

Ganz so schwierig, wie man vermuten könnte, erklärt Strehler, ist das Einfangen aber nicht. Die Tiere erkennen das Autogeräusch und hören auf die Stimme: "Kommt meine Muggelchen, kommt." Einmal, erzählt der Bauer, sei ein Kalb aus der Schlettacher Herde in einen Teich gesprungen. Um den Teich war ein Zaun, und in der Angst, das Tier könnte ertrinken, wollten Strehler und seine Helfer schon den Zaun abbauen. Das aber war dann gar nicht nötig. Das Kalb schwamm durch den Teich und sprang aus dem Stand über 1,20 Meter Zaun.

Nur die Kuh holt das Kalb

Wenn Kälber zurück bleiben, sagt Werner Strehler, beispielsweise beim Umtreiben von einer Weide auf die andere, hat der Landwirt kaum eine Chance, das Kalb zu holen. Strehler holt dann die Mutterkuh, die ihr Kind locken soll. Da braucht der Landwirt Geduld.

Im Februar oder März kommenden Jahres werden auf dem Strehlerschen Hof dann wieder die ersten Kälber geboren. Wenn im April die Kühe wieder aufgetrieben werden, sind die Kleinen schon an der Seite ihrer Mutterkühe dabei. Dann geht`s raus in die Natur, für gut sieben Monate auf die Weide. Und, davon ist Werner Strehler überzeugt, Weidefleisch ist das Beste. Bis es so weit ist, dass sie geschlachtet werden, haben seine Kühe einfach nur ein schönes Leben.