Jetzt können Sie sich alle 45 Coburger Cranachs mit nach Hause nehmen. In Form eines wuchtigen Bildbandes, den die Kunstsammlungen der Veste gestern vorgestellt haben. "Adam und Eva" vor diesem gruseligen Schwarz. Lot mit dem verschlagenen Blick und seine Töchter. Und ach, diese Maria mit Kind und Johannesknaben, deren Ruhe und Frieden man immer um sich haben möchte. Den "Schmerzensmann", den kann man nur gelegentlich anschauen. Oder die sich selbst erdolchenden Lucretia und Dido. Und die vielen Porträts der beiden Cranachs, die in ihrer Klarheit und Typik stets über die eigentlich dargestellte Person hinausweisen. Was machen wir mit dem "Ungleichen Paar", die Gier dieser verliebten Alten? Auch diese Seite schlagen wir nur manchmal auf. Und dann dieser unglaublich schmerzliche Grinse-Drache. Nur ein Detail, das aber unmittelbar die Fantastik der Cranachs und ihres Umfeldes bewusst werden lässt. Denn ist es nicht eben diese bis heute so machtvoll wirkende Geistes-, Glaubens- und am Ende eben faszinierende Fantasie-Welt, die uns nach wie vor in der Aura der Cranach-Bilder ergreift. Über die historische Bedeutung, vor allem für die Reformation, hinaus?

"Cranach in Coburg. Gemälde von Lucas Cranach d. Ä., Lucas Cranach d. J., der Werkstatt und des Umkreises in den Kunstsammlungen der Veste Coburg" - dieser Band ist allerdings weit mehr als ein weiterer schöner Hochglanzdruck zu zeitlos schönen Bildern. Er ist sozusagen die Krönung der ohnehin sehr wirkungsvollen 16-jährigen Museumsarbeit des scheidenden Direktors Klaus Weschenfelder. Es handelt sich um einen sogenannter Bestandskatalog, für den die Coburger Cranach-Sammlung erstmals vollständig und umfassend wissenschaftlich bearbeitet wurde, ein Grundlagenwerk für jede weitere Forschung, für Ausstellungen und den Handel.

Darin steckt immense Arbeit des unmittelbar in den Quellen forschenden Kunsthistorikers, der Restauratoren, an Textarbeit und verlegerischem Aufwand, in diesem Fall des renommierten Regensburger Verlages Schnell und Steiner. Darauf verwies bei der Präsentation auch Martin Hoernes von der Ernst von Siemens Kunststiftung, und dass Museumsleute meist nur unter großen zeitlichen Mühen solche elementare Forschungsarbeit leisten können, die dann auch noch mehr oder weniger verborgen bleibt, wenn sie nicht entsprechend veröffentlicht werden kann. 88 000 Euro stellt die Ernst von Siemens-Stiftung für das Coburger Cranach-Projekt zur Verfügung, das im nächsten Jahr eine nicht minder bedeutsame Fortsetzung finden wird. Dann soll nämlich der Bestandskatalog zu den etwa 200 Cranach-Grafiken der Veste Coburg folgen. "Das ist ein immenser Bestand, den wir hier haben", unterstrich Stefanie Knöll, die Leiterin der Grafiksammlung, die Bedeutung auch dieses Teils der Cranach-Forschung, die noch in den Kinderschuhen stecke.

Klaus Weschenfelder hat in detektivischer Quellenarbeit eine Reihe neuer Erkenntnisse gewonnen, die in diesem Katalog in Gesamtzusammenhänge eingeordnet werden. Für den "einfachen" Kunstinteressierten gibt es nicht nur präzise Orientierung, sondern auch eine Fülle von Geschichten zu den Bildern zu entdecken. Der Coburger Cranach-Bestand ist nach Dresden einer der umfangreichsten in einer deutschen Sammlung, wie Weschenfelder belegt.

Klaus Weschenfelder: Cranach in Coburg. Gemälde, Aquarelle und Druckgrafik von Lucas Cranach d. Ä., Lucas Cranach d. J. und ihrem Umkreis in den Kunstsammlungen der Veste Coburg. Mit einem Beitrag von Manuel Teget-Welz, Verlag Schnell & Steiner, 240 Seiten, 150 farbige Illustrationen, Hardcover, 39,95 Euro, im Museumsshop der Veste Coburg 29,95 €.


Hintergrund/ Information der Kunstsammlungen auf der Veste Coburg:

Mit "Cranach in Coburg. Gemälde von Lucas Cranach d. Ä., Lucas Cranach d. J., der Werkstatt und des Umkreises in den Kunstsammlungen der Veste Coburg" liegt für den bedeutenden Bestand an Cranach-Gemälden auf der Veste Coburg erstmals ein vollständig und umfassend wissenschaftlich bearbeiteter Bestandskatalog vor.

Spannende Aspekte verbinden die Hofmalerfamilie Cranach mit der einstigen kursächsischen Residenz Coburg. Dies gilt für Fragen zur Entstehung der Gemälde, aber auch für die Geschichte des heutigen Sammlungsbestandes.

Nur sehr bruchstückhaft sind in Quellen Hinweise zu einer nicht erhaltenen Coburger Kunstkammer überliefert. Diese werden einleitend erörtert. Aus dem Besitz der Herzöge von Sachsen-Coburg ist ein Bestand an Tafelbildern von Cranach Vater und Sohn sowie aus deren Werkstätten und Umkreis erhalten, der bisher noch nie zusammenhängend und grundlegend publiziert wurde. Unter den Bildern finden sich Fragmente eines wohl von der Veste Coburg stammenden Fürstenaltars. Zahlreiche Tafeln kamen aus der Gothaer Kunstkammer, ein weiterer kleiner Teil gelangte mit der altdeutschen Sammlung Georg Schäfer in die Kunstsammlungen der Veste.

Die gründliche Diskussion des Befundes unter Einschluss technologischer Untersuchungen liefert Einblick in ursprüngliche Verwendungszusammenhänge und neue Beobachtungen hinsichtlich Zuschreibung und Ikonographie. So bringt Klaus Weschenfelder ein früher als Sibylle von Cleve bezeichnetes Porträt mit einem Bildnis der Katharina von Sachsen in Verbindung, dessen Lieferung von ihrem Mann Herzog Heinrich 1529 bei Cranach angemahnt wurde. Diskutiert wird auch eine bislang von der Forschung unberücksichtigte symbolische Bedeutung des Bibers auf dem kleinformatigen Rundbild einer Quellnymphe, die der um 1500 verbreiteten Lehre des Physiologus entspricht. Er geht außerdem der Frage nach, was, wo und wie Lucas Cranach d. Ä. während seines Aufenthaltes in Coburg 1506/07 gearbeitet haben könnte.

Ein Beitrag von Manuel Teget-Welz (Universität Erlangen) widmet sich der hier erstmals vollständig abgebildeten wichtigen Serie von Fürstenbildern des Monogrammisten IS, eines Meisters aus der Cranach-Werkstatt.

Die Ernst von Siemens Kunststiftung bewilligte für die Erstellung der beiden Bestandskataloge einen Zuschuss in Höhe von 88.200 Euro. "Das Verfassen eines Bestandskatalogs ist die Königsdisziplin der Museumsarbeit. Nur selten lässt das Tagesgeschäft genügend Zeit oder stellen die Träger ausreichend Mittel bereit. Bestandskataloge entstehen deshalb meist an den Wochenenden der Wissenschaftler und sind von Förderern finanziert. Seit ihrer Gründung unterstützt die Ernst von Siemens Kunststiftung den Druck von Bestandskatalogen. Über 250 dieser fundamentalen Werke sind inzwischen erschienen und der neue Cranach-Bestandskatalog aus Coburg nimmt einen wichtigen Platz unter ihnen ein", freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.