"Ein Wohnungseinbruch bedeutet für die Opfer nicht nur einen materiellen Schaden": Mit diesem Satz leitet die oberfränkische Polizei traditionellerweise ihren Bericht über die Fallzahlentwicklung der Wohnungseinbruchdelikte ein. In den letzten Jahren konnte anschließend stolz ein klarer Rückgang der Delikte verkündet werden - im Jahr 2020 zeichnet sich jedoch ein düstereres Bild ab. Was ist der Grund für den Trendwechsel?

Jedes Jahr im März stellt das Polizeipräsidium Oberfranken die Kriminalstatistik für das vorangegangene Jahr vor. Neben dem Anstieg der Wohnungseinbrüche musste sich die Oberfränkische Polizei im vergangenen Jahrzehnt auch mit einer Verdoppelung der Sexualdelikte beschäftigen. Zusätzlich haben die Drogendelikte in der Region stark zugenommen: Bei der Suche nach Erklärungen legt die Polizei ein besonderes Augenmerk auf Crystal und Cannabis.

Die Einbruch-Statistik spiegelt ein durchwachsenes Jahrzehnt wider

Bei der Straftat des Wohnungseinbruchs geht es um mehr als gestohlene Wertsachen. Für die Betroffenen ist es zusätzlich eine schwere Verletzung der Privatsphäre. Die Vorstellung, dass fremde Menschen mutwillig in die eigenen vier Wände eindringen, verursacht oftmals schwere psychische Folgen, berichtet die Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität in Deutschland Weisser Ring. Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ist hierdurch stark bedroht, was die steigenden Zahlen noch beunruhigender macht.

Einen entsprechend wichtigen Platz nimmt die Fallstatistik der Wohnungseinbrüche in der jährlich erscheinenden Kriminalstatistik ein. Die dort präsentierten Zahlen zeigen ein durchwachsenes Jahrzehnt:  Von 2011 bis 2015 stiegen die Deliktzahlen stark an - von insgesamt 266 auf 406 registrierte Fälle. Dieser Anstieg entspricht einem Wachstum von rund 52 % innerhalb von fünf Jahren. Im Anschluss an diese Jahre folgte eine Zeit der Stagnation: Von 2015 bis 2017 wurden jährlich ungefähr gleichbleibende Deliktzahlen vermeldet. Die oberfränkische Statistik folgt mit ihrer Entwicklung den gesammelten bayerischen Zahlen, fällt also mit ihrem Muster auch nicht aus dem Rahmen.

Das Polizeipräsidium Oberfranken zeigte sich erfreut, als im Jahr 2018 erstmals seit einigen Jahren ein deutlicher Rückgang der Delikte im Bereich des sogenannten "Wohnungseinbruchdiebstahls" verzeichnet werden konnte. Im Vergleich zu den 2017 vermeldeten 417 Delikten, sank die Statistik im Jahr 2018 auf lediglich 315 Delikte. Doch damit nicht genug: 2019 wurde die beinahe utopisch erscheinende Zahl von gerade einmal 214 Fällen erreicht. Zusammengefasst: Die Deliktzahlen stiegen bis 2015 stetig, worauf eine kurze Zeit der Stagnation folgte. Innerhalb von zwei Jahren halbierte sich die Statistik wieder und sank sogar weit unter ihren ursprünglichen Wert von 2011. Anschließend wurde der große Fortschritt von 2019 auf 2020 praktisch wieder rückgängig gemacht. Was verursacht diese statistische Achterbahnfahrt?

Polizei stemmt sich gegen die Entwicklung

Das Durcheinander der Entwicklungen geht auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurück. Der erste Anstieg von 2011 bis 2015 wurde von der Polizei bayernweit als problematisch angesehen. Da die Dunkelziffer unbekannt ist, ist ein Anstieg der gemeldeten Delikte nicht als Beweis für eine gestiegene Kriminalität anzusehen. Für das Jahr 2014 vermeldete die bayerische Polizei jedoch eine Aufklärungsquote von lediglich 40 % der Wohnungseinbrüche. Im Vergleich zu anderen Delikten ist das einer der schlechtesten Werte.

Auf die augenscheinlich wachsende Bedrohung durch Wohnungseinbruch reagierte die Polizei mit erhöhtem Kontrolldruck und weiteren gezielten Maßnahmen. Solche Maßnahmen beinhalteten beispielsweise eine länderübergreifende Ermittlungsarbeit, um Bandenstrukturen zu ergründen und reisende Täter zu identifizieren. Hinzu kam der Einsatz innovativer Computersoftware zur Erstellung von Einbruchsprognosen. So konnte ab 2017 der starke Rückgang der Zahlen erreicht werden.

Ein weiteres wichtiges Mittel ist die Präventions- und Aufklärungsarbeit der Polizei, welche nach eigenen Angaben sehr positiv in der Gesellschaft aufgenommen wird. Immer mehr Menschen setzen infolgedessen im Eigenheim auf fortschrittliche Sicherungstechnik. Auch der Beitrag aufmerksamer Nachbarn wird betont: Diese würden "einen wertvollen Beitrag zur Verhinderung von Einbrüchen und zur Aufklärung leisten." Durchschnittlich die Hälfte aller Einbrüche blieben aufgrund dessen im Versuchsstadium stecken.

Einbruchserie erschüttert den Raum Bamberg

Die Einbruchskriminalität ist stark von regionalen Gewohnheitstätern, Banden von Jugendlichen und Heranwachsenden sowie von verzweifelten Drogenkonsumenten geprägt. Hinzu kommen sogenannte "reisende Täter", wie das Bundeskriminalamt die Tätergruppe bezeichnet. So ist es nicht unüblich, dass auf regionaler Ebene scheinbar plötzlich mehr Einbrüche verübt werden. Nach einiger Zeit ebben diese wieder ab, da die Täter das Gebiet als "abgegrast" betrachten und daher entweder ihre Aktivität einstellen oder weiterziehen. So entstehen Unregelmäßigkeiten in der jährlichen Fallstatistik.

In Oberfranken ereignete sich Ende 2019 eine solche Serie von Wohnungseinbrüchen. Insbesondere der Raum Bamberg war hiervon betroffen. Das Polizeipräsidium Oberfranken erklärt hierzu: "Bei der PKS-Statistik handelt es sich um eine sogenannte Auslaufstatistik, das heißt die Taten fließen erst nach Abschluss der Sachbearbeitung in die Statistik ein." Ein Teil der hohen Zahl aus dem Jahr 2020 ist somit eigentlich im Vorjahr entstanden. Da Ermittlungen in der Regel einiges an Zeit beanspruchen, wurden sie erst zu einem späteren Zeitpunkt gemeldet.

Mit dem Wissen, dass ein gehöriges Stück der Wohnungseinbrüche aus dem Jahr 2020 tatsächlich 2019 stattfand, fällt die Interpretation der Entwicklung um einiges rosiger aus. Im Durchschnitt sind bei Einbrüchen in Oberfranken trotz allem ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Die Bemühungen der Polizei scheinen zu greifen und die Zunahme der frühen 2010er konnte erfolgreich gestoppt werden.