Ehrliche Antworten gab der (laut Umfragen beliebteste) TV-Sportkommentator gestern vor den rund 1000 Besuchern der Deutschen Sportökonomie-Arena im Audimax der Bayreuther Universität. Im hoffnungsvollsten Grün das Hemd, die braunen Slipper ohne Socken. Kein Wunder bei 37 Grad auf dem Campus. Der gebürtige Pole gibt sich nicht nur optisch hemdsärmelig, sondern im Gespräch mit Stefan Brunner, Professor für Journalistik in München, auch locker. Und manch Privates gibt er preis. Zum Beispiel wie es ist, als Teilzeit-Alleinerziehender für drei Söhne zu kochen und ihnen Fernsehkompetenz beizubringen. "Das gezielte Auswählen können die schon ganz gut allein. Wenn sich diese Generation in Sachen Fernsehkonsum so weiterentwickelt, wird mir nicht bange."

Er, der Fußball-Besessene, gibt zu: Es sei für ihn eine Horrorvorstellung, sich mit Menschen abzugeben, die alles, wirklich alles, was an Fußballsport über den Sender geht, auch tatsächlich konsumieren. Und er selber? Wie sehr ist der 63-Jährige noch auf der Droge Fußball? "Mich fixt es immer noch an. Ich kommentiere jetzt pro Saison 50 Spiele - von Bundesliga bis zur Champions-League. Zu Beginn meiner Karriere beim ZDF waren es vielleicht fünf, später bei RTL 13. Ich meine, dass sich mein Aufwand eigentlich nicht groß verändert hat, was die journalistische Vorbereitung auf eine Partie angeht." Privat hingegen schaue er bedeutend weniger. "Freitagsabend muss ich, da wollen meine Söhne mit mir vor die Glotze - und den Wunsch kann ich ihnen nicht abschlagen."

Es könne aber, was die moderne Aufbereitung von Sport als TV-Ereignis angeht, von der "Gnade der frühen Geburt" sprechen. Soll heißen: Er muss sich nicht mehr für jeden Modegag hergeben, der aktuell unter dem Mantel Journalismus firmiert. "Irgendwann wird sich die Superzeitlupe nicht mehr noch stärker versuperzeitlupisieren lassen", sagt Reif mit einem Schmunzeln. Und meint damit: Wenn die Sender den Sport, allen voran den Fußball, zu sehr inszenieren, zu sehr zum Entertainment-Produkt aufplustern, "dann ist das nicht mehr mein Ding". Als Verfechter der Hintergrund-Berichterstattung wünsche er sich heute ein Format wie den ZDF-"Sportspiegel" zurück. "Bei Sky versuchen sie sich jetzt an so etwas - was ich ausdrücklich begrüße. Mein Credo ist: so viel Unterhaltung wie nötig, aber auch so viel Analyse wie möglich."

Gut findet er auch einen Trend, der sich seit einiger Zeit abzeichnet: Mehr Frauen drängen im Sport an die Mikrofone und vor die Kameras. "Wobei ich da nicht dem Gender-Gedanken anhänge, wonach es auf die Verhältnismäßigkeit von Männern und Frauen ankommt. Ich sage nur: Der/die macht das gut - ob das eine Frau oder ein Mann ist, ist mir egal. Und ich denke, dem Zuschauer in seiner Rolle als Sportkonsument letztlich auch."

Reif glaubt auch, dass der Nutzer - auf welchem Kanal auch immer - eine zu große Nähe zwischen Reporter und Sportler auf Dauer nicht gutheißt. "Ich kannte den großen Hajo Friedrichs noch, und einer seiner Sätze ist mir im Ohr geblieben: Mach Dich mit einer Sache vertraut, aber mach Dich nicht mit ihr gemein." Das schließe für den 63-Jährigen auch die Duz-Welle zwischen Journalisten und Fußballern ein. Eine Entwicklung, die Reif an manchem Kollegen zweifeln lasse. "Ich wäre als politischer Korrespondent, als der ich mal angefangen habe, nie auf die Idee gekommen, Politiker zu duzen. Dieser Marschroute bin ich treu geblieben. Ein richtiges Maß an Distanz zu wahren, das kann nur gut sein. Wenn diese Distanz fehlt, fällt es letztlich negativ auf den Journalisten zurück, nicht den Sportler."

Aus diesem selbst auferlegten Gebot des Abstands heraus habe Reif auch das Angebot des FC Bayern München verzichtet, nach dem Champions-League-Finale am Bankett in London teilzunehmen. "Ich hätte es gern getan. Mir war sogar danach, Jupp Heynckes zu umarmen, weil das, was da passiert ist, mich menschlich berührt hat. Aber trotzdem habe ich es nicht getan. Und ich bin gut damit gefahren."

Was ihn mit Sorge erfüllt, sei bisweilen die Entwicklung in Sachen Rassismus und Doping im Sport. "Radfahren halte ich für einen äußerst spannenden Sport, schön anzuschauen. Aber wenn man weiß, was hinter den Kulissen abgeht, mag man das nicht mehr gucken. Ich jedenfalls tu es nicht. Man darf bei solchen Vorgängen die Journalisten auch nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Insofern ist es richtig, dass das ZDF aus der Tour-de-France-Berichterstattung ausstieg." Wenn ihm persönlich einer aus der Führungsriege des Senders sagen würde, er müsse jetzt darüber berichten, "dann würde ich in jedem Fall die Dinge ansprechen, die gesagt werden müssen. Wenn das dann mein letzter Kommentar wäre, dann ist das eben so." Womöglich könnten die Medien hier ihrerseits Druck auf die Verantwortlichen einer Sportart ausüben. "Mal schauen", sagt Reif und legt den Kopf in den Nacken, "mal schauen, ob der Verband X oder Y so weiterwursteln würde, wenn alle Sendeanstalten sich einig wären und sagten: Wir können das nicht akzeptieren und werden deswegen bis auf weiteres nichts mehr von Euch im Programm haben." Totschweigen als Erziehungsmaßnahme - beim Eishockey jedenfalls hat man das immerhin versucht. Sky hat die Rechte an der DEL nicht mehr. Und Marcel Reif, der Eishockeyreporter? "Ganz ehrlich, ich könnte das gar nicht mehr."