Größer hätte der Unterschied nicht sein können. Als Götz Werner, Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm, gestern im Audimax der Universität Bayreuth ans Rednerpult ging, hatte unmittelbar zuvor jemand referiert, dessen Umfeld sich schwer mit dem Weltbild des überzeugten Anthroposophen in Einklang bringen lässt.
Hypovereinsbank-Chef Theodor Weimer hatte die Zuhörer auf dem siebten Bayreuther Ökonomiekongress mitgenommen in die Welt der Finanzmärkte. Eine Welt voller Verunsicherung und Veränderung. "Den Vortrag fand ich super, aber das ist doch alles nicht motivierend", sagte Werner. "Normalerweise hätte er aus dieser traurigen Branche längst aussteigen müssen."

"Treppe von oben kehren"

Weimers Rede nutzte der dm-Gründer als Steilvorlage. In Anspielung auf Goethes Werk "Der Zauberlehrling" verglich er die Finanzmarktmechanismen als "Geister, die wir riefen und nicht mehr loswerden". Die Treppe müsse aber von oben gekehrt werden. Alles fange mit dem Denken an. "Am Finanzmarkt kann man gut erkennen, wohin es führt, wenn Menschen etwas wollen, was sie nicht denken können."
Der Mensch ist laut Werner ein ergebnisoffenes Entwicklungswesen. "Wir sind auf der Welt, um uns zu entwickeln. Niemand weiß, als was er sterben wird."

Fragen besser als Antworten

In seinem freien Vortrag mit kurzen, prägnanten Sätzen sprach der 71-Jährige die Zuhörer - zumeist Studierende, aber auch Hochschuldozenten und fränkische Unternehmer - immer wieder direkt an. "Versuchen Sie nicht auf alles Antworten zu geben", sagte er. Das gelte auch in der Unternehmensführung. Antworten gingen immer in die Vergangenheit, Fragen provozierten dagegen Zukünftiges.
"Glauben Sie mir: Es gibt immer etwas Vernünftiges zu tun", sagte der gelernte Drogist und ehemalige Professor. Allerdings werde niemand beim Jüngsten Gericht gefragt: Wie viel Geld hast du verdient?

Unterschied von Mensch und Tier

Sein christliches Weltbild streifte Werner im weiteren Verlauf seiner Rede immer wieder. Den Menschen zeichne aus, dass, wenn ihm jemand auf die eine Wange schlage, er frei entscheiden könne, nicht zurückzuschlagen. Tiere hingegen folgten ihren Reflexen. "Wir Menschen sind auf der Welt, um die Welt zu verändern", sagte Werner. "Wenn es keine Menschen gäbe, gäbe es keine Wirtschaft. Also kann doch die Wirtschaft nur für den Menschen da sein und nicht umgekehrt."
Die heutigen und zukünftigen Unternehmer forderte er auf, mehr auf den Menschen zu schauen. "Wenn Sie nicht daran glauben, dass in jedem etwas steckt, dann lassen Sie es bleiben."

Lieblingsthema auf Nachfrage

Am Ende kam Götz Werner dann doch noch auf sein Lieblingsthema zu sprechen - allerdings erst auf die Frage eines Zuhörers hin: das bedingungslose Grundeinkommen. Die Gesellschaft müsse Rahmenbedingungen schaffen, die Initiative weckten. "Was brauchen Menschen, um leben zu können? Früher war es ein Stück Land, heute ist es ein Einkommen." Der Mensch dürfe nicht mit dem Einkommen für seine Arbeit bezahlt werden, sondern brauche ein Einkommen, um zu leben und zeigen zu können, wozu er fähig sei.