"Es macht überhaupt keinen Spaß mehr", klagt Rainer Haubenreich. Den anstehenden schönsten Tag bezeichnet er inzwischen schon als die "scheiß Hochzeit". Er und seine Daniela sind total aufgeregt. Aber nicht vor Vorfreude oder so. Vielmehr zittern die beiden seit vergangener Woche. Rainer und seine Daniela bangen nicht im Hinblick auf das, was sie möglicherweise noch irgendwie vergessen haben könnten, sondern ob sie die ganze Hochzeit vielleicht vergessen können. Einen dritten Versuch wird es nicht geben, stellt die angehende Braut energisch fest. Und: Nur wenn die Corona-Ampel diesen Samstag auf Grün stünde, gäbe es auch für die kirchliche Trauung grünes Licht. Mit den Donnerstagszahlen mehr Wunsch als Wirklichkeit.

Zwar zieht in dem hellen Wohnraum ein geschmackvoller Strauß mit tiefroten Rosen die Blicke auf sich, die Stimmung ist aber alles andere als rosig. Immer wieder zückt der 37-Jährige das Smartphone. Stündlich checkt er die neuesten Robert-Koch-Zahlen für den Landkreis Bamberg. Er träumt inzwischen schon von den Corona-Zahlen. Denn davon hängt die Zukunft des Paares ab, das heißt, ob man am Samstag den Gang zum Altar antritt oder nicht. Wenn die beiden geahnt hätten, was im laufenden Jahr wegen Corona alles nicht mehr möglich ist, dann hätten sie zumindest die standesamtliche Hochzeit vor nunmehr einem Jahr ganz anders gestaltet.

Die Memmelsdorferin und der aus Kreuzschuh Stammende hatten alles gut geplant. Sei nunmehr fast sieben Jahren kennt sich das Paar, 2016 begannen sie mit dem Hausbau in Kreuzschuh, 2017 war der Einzug, 2018 wurde Sohn Tim geboren, 2019 war die standesamtliche Hochzeit. Und weil man wollte, dass der Sohn bei der Zeremonie mitwirken, in der Kirche eventuell die Ringe tragen kann, sollte bis in den Sommer gewartet werden. Praktisch nach dem Standesamt begannen Haubenreichs mit Planung und Vorbereitung dieses einzigartigen Tages.

Als Hochzeitstermin wurde der 13. Juni vereinbart. "Wir haben 90 Leute eingeladen", berichtet Daniela Haubenreich. Wie es so üblich ist, machte sich der Bräutigam auf die Suche nach einem Anzug, die Braut sichtete und probieret so allerhand, was zum Traumhochzeitskleid werden sollte. Die Location für die Feier wurde in einem Gasthaus in der Gemeinde gebucht, ebenso Fotograf, Floristin, Unterhalter, Friseurin, Tortenbäcker. Haubenreichs verschickten Einladungen, ließen eine Hochzeitskerze fertigen, Tischkärtchen und, und, und. Neben den Kosten auch eine sehr zeitintensive Vorbereitung. Dann kam Corona. Wurde immer massiver und brachte entsprechende Einschränkungen.

Knapp vier Wochen vor der Hochzeit waren die Vorgaben für private Feiern so, dass alles abgeblasen werden musste. Das bedeutete: 90 Gästen, die für sich jeweils Hochzeitskleidung und für das Paar Geschenke besorgt hatten, absagen. "Solche Gespräche will man nicht führen", schüttelt sich Rainer Haubenreich schaudernd noch jetzt.

Auf jeden Fall hat sich das Paar dann gleich im Mai um einen späteren Termin bemüht. Weil es anderen Hochzeitsaspiranten ebenso ergangen war, gab es für 2021 praktisch keine Termine mehr. Der dann wieder frühestmögliche 2020 war für Haubenreichs der 24. Oktober. Also ein erneuter Anlauf mit neuen Terminierungen. Neue Mitwirkende suchen, denn unter anderem konnten Floristin und Fotograf da schon nicht mehr. Tim war gewachsen, brauchte einen zweiten Anzug.

Rainer Haubenreich hat die Corona-Pfunde wieder abgearbeitet, seine Frau erst keine zugelegt. Aber sie benötigt nun eine Jacke zum Brautkleid. Denn jetzt ist es kühler als im Juni. Auch die Gäste müssen nun statt in Sommer- nun Herbstgarderobe erscheinen. Sicherheitshalber wurden ein paar weniger eingeladen. Bis Ende September war man eigentlich guter Dinge. Dann stiegen die Fallzahlen wieder. Das Paar verfolgt sie akribisch.

Kirche unproblematisch

"Ich führe sogar meine eigene Statistik," sagt Rainer Haubenreich tonlos. In der vergangenen Woche hatte es so ausgesehen, also ob die Corona-Ampel eher für die Stadt Bamberg in den Gelb-Bereich kommen könnte, dann der Umschwung in dieser Woche mit steigende Zahlen im Landkreis. Stufe Gelb heißt für die Zwei aus Kreuzschuh, dass sie gerade mal mit zehn Leuten feiern können. "In der Kirche wäre alles kein Problem, weil da genügend Abstand eingehalten werden kann", macht Daniela Haubenreich deutlich. Aber dann in der Gaststätte. Hier wurde ein umfangreiches Hygienekonzept erarbeitet, etwa mit Tischen, an denen nur Mitglieder einer Familie sitzen und dass man keinen regulären Gästen begegnet.

Damit man im Lokal Tische sogar noch weiter auseinanderstellen kann, hat das Paar zähneknirschend zehn Gäste erneut ausgeladen. "Was das für ein Gefühl ist, kann man wirklich nicht beschreiben", sagt der 37-Jährige. "Man sollte sich doch eigentlich auf seine Hochzeit freuen können, das findet schließlich nur einmal im Leben statt."

Um dann Informationen aus erster Hand zu haben, hat sich Daniela Haubenreich beim Landratsamt erkundigt. "Die waren wirklich sehr nett und haben sich Zeit genommen," Leider kam von dort aber auch die Aussage, dass wohl noch in dieser Woche der Grenzwert von 35 und damit Stufe Gelb erreicht wird.

Als sich die neuerliche Misere abzeichnete, habe man versucht, noch eine Räumlichkeit zu finden, wo sich Tische noch weiter auseinander stellen lassen. Keine Chance, beziehungsweise unerschwinglich. Schließlich hat bereits die abgesagte Feier nicht unerheblich gekostet, dann sind da die neuen Investitionen und zu erwartenden Kosten für die Feier am Samstag. Daneben gelte es, das Haus abzubezahlen. Und schließlich lebt die kleine Familie, solange die Bankkauffrau in Elternzeit ist, vom Gehalt des Geschäftsleiters. Eine Feier mit nur zehn Gästen kommt nicht in Frage: "Wir wollten immer mit Freunden und Familie feiern", stellt die Braut klar und ergänzt: "Oder gar nicht."

Der Bräutigam schluckt schwer. Denn er weiß auch, was seine Frau gleich sagt: "Einen dritten Anlauf wird es nicht geben."

Während der 37-Jährige fürchtet, dass doch noch alles platzt, versuchen die beiden Familien das Paar aufzubauen, ihm Mut und Hoffnung zu machen.

Was für Haubenreichs bei allem Verständnis für notwendige Schutzmaßnahmen nicht in den Kopf will ist die Tatsache, dass sie im nahe gelegenen Bamberg dem Samstag getrost entgegenblicken könnten, im nur wenige Kilometer entfernten Stegaurach aber wohl bis zuletzt um die Feier zittern müssen. Mehrmals täglich fragen die Gäste nach, ob alles klappt. Auch das kostet Nerven.

Obwohl das Paar Verständnis für die berechtigten Anliegen hat. "Wenn man nur etwas länger voraus planen könnte", seufzt Rainer Haubenreich. Er wusste am Mittwoch zwar nicht, was er tun würde, wenn der Traum von der Traumhochzeit platzt und man den Gästen noch einmal absagen muss. Falls aber doch noch geheiratet werden sollte, "dann mache ich nach der Kirche ein Bier auf". Seine Frau lächelt, selbst hinter der Maske erkennbar, nur gezwungen.