Sie wolle einfach, dass einmal beide Seiten gehört werden. So erklärte eine 26 Jahre alte Psychologin am Mittwoch im Strafverfahren gegen Heinz W. (50), weshalb sie ihre Aussage in öffentlicher Sitzung machte.

Soweit sie schon im Prozess befragt wurden, hatten alle anderen Nebenklägerinnen bisher ausdrücklich Wert darauf gelegt, dass vorher alle Medienvertreter und Zuhörer den Saal verlassen. Anders die Zeugin, die aus Leipzig angereist ist, wo sie jetzt lebt.


Ihr Fall liegt sechs Jahre zurück

Im Juni 2009 war sie noch Studentin in Bamberg gewesen und wegen einer schmerzhaften Thrombose im rechten Bein drei Tage lang im Klinikum.

Dass bei Heinz W. auch einige Fotos beschlagnahmt worden sind, auf denen sie zu sehen ist, nannte sie schockierend. Sie sei von dem Mediziner weder informiert noch um ihr Einverständnis zu Fotos gefragt worden, noch habe sie davon irgendetwas mitbekommen.


Aussage unter Tränen

Der vorher gefasst wirkenden Zeugin versagte die Stimme, als sie zu beschreiben versuchte, was sie beim Anblick der Aufnahmen fühlte. Als besonders schlimm habe sie ein Bild empfunden, auf dem sie schlafend zu sehen sei und man ihr Gesicht sehe: "Dass man so bewusstlos da liegt und ich das alles nicht mehr weiß!"

Der Anklageschrift zufolge zeigen die Fotos auch in diesem Fall den nackten Unterleib einer offensichtlich handlungsunfähigen Frau aus verschiedenen Blickwinkeln. Außerdem soll zu sehen sein, wie W. sich mit der linken Hand an ihren Schamlippen zu schaffen macht und mit der rechten einen stabartigen vaginalen Ultraschallkopf einführt.

Die Bilder tragen das Datum des Tages, an dem die Patientin entlassen wurde. W. habe sie ganz unerwartet zu der Untersuchung abgeholt. Sie habe da eigentlich schon ihre Sachen packen wollen, sagte sie gestern. Mutter und Schwester seien bereits auf dem Weg gewesen, um sie zu holen.

Diese beiden Frauen hatte die Zweite Strafkammer am Mittwoch ebenfalls als Zeuginnen geladen. Die Mutter berichtete unter anderem, wie verwundert sie über eine Kanüle war, die ihre Tochter bei der Rückkehr von der Untersuchung ins Krankenzimmer noch im Arm trug.

Noch mehr habe es sie gewundert, als die Tochter erzählte, sie habe ein Kontrastmittel erhalten. Kontrastmittel kenne sie nur in Verbindung mit Röntgenuntersuchungen, nicht aber bei Ultraschalluntersuchungen, betonte die 53-jährige Zeugin, eine gelernte Krankenschwester.

Die Staatsanwaltschaft wirft W. vor, er habe seinen mutmaßlich 13 Opfern nur vorgespiegelt, ein Kontrastmittel zu spritzen. Stattdessen soll er ihnen das Hypnotikum Midazolam verabreicht haben, um sie handlungsunfähig zu machen. Dann hat er die Frauen angeblich sexuell missbraucht.


Verteidiger sehen Widerspruch

Die Verteidiger des früheren Chefarztes schienen überrascht zu sein, dass erstmals ein mutmaßliches Opfer in öffentlicher Sitzung aussagte. Allerdings bezweifelte namentlich Dieter Widmann die Neutralität der 26-Jährigen.

Er sah einen Widerspruch darin, dass sie Angaben zur Sache machte, aber nicht bereit war, den E-Mail-Verkehr preis zu geben, den mehrere Nebenklägerinnen miteinander hatten. Worüber man sich denn da ausgetauscht habe, wollte er wissen. Antwort der Zeugin: "So Sachen, wer man ist, wie alt man ist und wie es einem jetzt geht." Der Kontakt sei schnell abgeflaut.

Rechtsanwalt Professor Klaus Bernsmann sagte an Stelle des Angeklagten zur Zeugin: "Es tut ihm leid, dass Sie hier sitzen müssen". Und schob den Halbsatz nach: "Warum auch immer." Selbst gab er der Frau zu verstehen, dass ihre Erinnerungen seiner Meinung nach "gelitten hätten".

Ausführlich hatte Vorsitzender Richter Manfred Schmidt die Leipzigerin zur Vernehmung bei der Kriminalpolizei befragt. Der Beamte ging nach ihren Worten "sehr vorsichtig" vor. Er habe sie behutsam auf die Bilder vorbereitet und gefragt, ob sie diese überhaupt sehen wollte.


Termine bis 9. März

Der 33. Verhandlungstag brachte auch zur Sprache, dass es im Klinikum - zumindest bis zur Festnahme von Heinz W. Mitte 2014 - einen weiteren Arzt gleichen Familiennamens gab. Die Verteidigung legte Wert auf die Feststellung, dass beider Unterschriften in der Patientenakte der 26-Jährigen auftauchen. Mögliche Schlussfolgerungen zog man nicht.

Der längste Indizienprozess in der Geschichte des Bamberger Landgerichts geht am 1. Dezember (9 Uhr) weiter. Fünf Verhandlungstage hat die Kammer noch bis Weihnachten terminiert, weitere zwölf zwischen dem 12. Januar und 9. März.