Am zweiten Verhandlungstag des Sandstraßen-Prozesses vor dem Landgericht sollten einige Zeugen der Gewalttaten Licht ins Dunkel bringen - doch auch nach einigen mehrstündigen Befragungen bleiben viele Fragen offen. Gegen zwei Zeugen wird nun sogar wegen uneidlicher Falschaussage ermittelt, einer hat die Nacht hinter Gittern verbracht.

Zeugenaussagen gelten als eines der wichtigsten und zugleich als eines der schwächsten Beweismittel vor Gericht. Oft wird das gleiche Ereignis von mehreren Personen höchst unterschiedlich wahrgenommen. Die Zeit zwischen Tat und Verhandlung und damals genossener Alkohol trüben die Erinnerung, Sympathie mit den oder Angst vor den Angeklagten können erheblichen Einfluss auf die Worte im Zeugenstand haben.

Im aktuellen Verfahren zu den Gewalttaten in der Sandstraße spielten all diese Faktoren eine Rolle. Bereits die Aussagen von vier Zeugen vor dem Ermittlungsrichter wurden als uneidliche Falschaussage geahndet, doch auch vor Gericht häuften sich die Widersprüchlichkeiten und auch offensichtliche Unwahrheiten. Im Kern geht es um die verfahrensentscheidenden Fragen, welcher der Angeklagten welchen Geschädigten verletzt hat - und auf welche Weise.

Während die Anklage dem 24 Jahre alten Tom Z. (alle Namen geändert) vorwirft, dass er Christian K. ansprang, zu Fall brachte und ihm auf den Kopf trat, wollten die Zeugen diese Ereignisse alle nicht oder nur bruchstückhaft mitbekommen haben. Gesehen hätten hingegen die meisten einen Fausthieb des 30 Jahre alten Andi H., der jedoch laut Anklage auf den anderen Geschädigten eingeschlagen haben soll. Von Tritten will kaum einer etwas wissen. Doch zeigen die Tatortbilder vom Verletzten K., der in einer Blutlache liegt und danach vier Wochen im Wachkoma bleiben sollte, dass hier eine massive Form der Gewalteinwirkung vorliegen musste. Was nicht zu einigen Einlassungen vor Gericht passte, war ein Überwachungsvideo der Justizvollzugsanstalt. Hätte deren Kamera Richtung Sandbad geblickt, wäre der strittige Sachverhalt nun sicher um einiges klarer. So sieht man nur eine Gruppe um die Ecke schlendern, plötzlich lösen sich die beiden Angeklagten und rennen nach links aus dem Bild, wo es zum für K. folgenreichen Aufeinandertreffen kam. Dann rennt der jüngere Angeklagte zurück, wenige Meter an einigen Zeugen vorbei, und flieht mit dem Rad. Das alles dauert nur wenige Sekunden, in dieser Zeit soll Z. den später Schwerverletzten mit einer Art Bodycheck zu Fall gebracht haben.

Als Vorsitzender Richter Manfred Schmidt Täter und Opfer nebeneinander stehen lässt, wird offensichtlich, dass Z. einen Kopf größer ist - was einen Zusammenstoß Schulter an Schulter, wie ihn ein Zeuge gesehen haben will, ebenfalls unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Die erste Zeugin an diesem Tag, die auch Erste Hilfe leistete, zeigte, dass man sich auch trotz Erinnerungslücken um eine möglichst gute Aussage bemühen kann. Doch ordnete sie anfangs die Tritte gegen K. dem älteren Angeklagten zu, um nach einigen Nachfragen festzustellen: "Ich weiß es jetzt nicht mehr." Ihr damaliger Begleiter behauptete jedoch, Dinge nicht zu wissen, die direkt vor seinen Augen stattfanden. Dass er angesichts der Schlägerei gesagt habe "Lass uns weitergehen, ich habe keine Lust auf den Scheiß", passt für den Vorsitzenden auch zum Aussageverhalten des Zeugen.

Denkpause half nichts

Der habe zwar nicht nur H. nach eineinhalb Jahren vor Gericht wiedererkannt, den anderen Täter jedoch überhaupt nicht wahrgenommen. "Sie lügen permanent", erklärte Oberstaatsanwalt Otto Heyder. "Da rennt ein Bekannter, der zwei Meter groß ist, an ihnen vorbei. Das wollen Sie nicht gesehen haben? Das glaubt Ihnen keine Sau!", sagte H.s Verteidiger Jochen Kaller.

Als der Zeuge auch nach einigen Vorwarnungen und zehnminütiger Denkpause bei seinen wenig plausiblen Aussagen blieb, ordnete der Staatsanwalt die vorläufige Festnahme wegen des Verdachts der uneidlichen Falschaussage und falscher Verdächtigung an. Noch im Gerichtssaal klickten die Handschellen. Ausgerechnet die Nacht vor seinem 28. Geburtstag wird der Mann hinter Gittern verbringen müssen, bevor er heute dem Haftrichter vorgeführt wird. Vor diesem Schicksal bewahrte eine weitere Zeugin nur, dass sie derzeit ein kleines Kind stillt. Aber auch ihr wirft Heyder nun vorsätzliche Falschaussage vor. Denn auch sie hat nur sehr selektive Erinnerungen - obwohl das Überwachungsvideo sie rauchend in bester Beobachterposition zeigt.

Der Prozess wird heute mit weiteren Zeugenaussagen fortgesetzt.