Jüdisches Leben in Deutschland geschieht im Schatten totaler Zerstörung. Das kann nicht "wiedergutgemacht", nicht versöhnt oder geheilt werden. Die Mahnung "Nie wieder!" darf aber nicht verstummen. Nicht nur auf einen Tag im Jahr reduziert werden, so wichtig und wertvoll dieser auch ist: Weltweit gedenken die Menschen am 27. Januar der Opfer des Holocaust - in Deutschland seit 1996. Der Tag erinnert an die Befreiung der überlebenden Opfer des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.

Die Berlinerin Regina Jonas hat die Befreiung nicht mehr erlebt: Die weltweit erste Rabbinerin wurde am 12. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Als biografische Persönlichkeit ist die am 27. Dezember 1935 ordinierte Frau kaum mehr fassbar, zumal ihr Nachlass äußerst bescheiden ist. Doch die heutigen Rabbinerinnen gerade in Deutschland stehen in ihrer Tradition. Sehen jüdischen Glauben als Verpflichtung und Aufgabe, ein Zeichen radikaler Hoffnung zu setzen. Ein Zeichen post-apokalyptischer Hoffnung auf einen Dialog, der bestehende Vorurteile abbauen will.

Diesem Anliegen hat sich besonders die Bamberger Rabbinerin Antje Yael Deusel verschrieben, die unter dem Titel "Reginas Erbinnen" gemeinsam mit dem Publizisten Rocco Thiede ein äußerst bemerkenswertes Buch herausgegeben hat. Indem die in Deutschland jetzt tätigen Rabbinerinnen zu Wort kommen, wirft es ein Schlaglicht auf gelehrte, hochqualifizierte Frauen in einer Männerwelt, die ihre Leistungen und Erfahrungen generell eher ignoriert und oft komplett vergisst.

Geschichte voller Widerstände

Allein schon die "Frauengeschichte" der 1960 in Nürnberg geborenen Antje Yael Deusel zeugt von Widerständen. "Mein Weg ins Rabbinat war lang" steht treffend als Zitat über dem Kapitel, das ihr gewidmet ist. Was sie mit ihrer Vorgängerin Regina Jonas verbindet, sei die Überzeugung, dass Gott "Fähigkeiten und Berufungen in unsere Brust gesenkt und nicht nach dem Geschlecht gefragt hat", heißt es darin. Antje Yael Deusel personifiziert diese Aussage gleich in doppelter Hinsicht. Denn nicht nur als 2011 in Bamberg ordinierte Rabbinerin, sondern auch als promovierte Fachärztin für Urologie ist sie in Männerdomänen eingebrochen. Sie ist Gemeinderabbinerin für die Liberale Jüdische Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg , als Seelsorgerin Mitglied im klinischen Ethikkomitee der Sozialstiftung Bamberg sowie Lehrbeauftragte im Fach Judaistik an den Universitäten Bamberg und Augsburg und an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Seit 2012 ist Deusel Vorstandsmitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland.

Das Buch "Reginas Erbinnen" weckt Interesse an zentralen Fragen zur Verortung heutigen jüdischen Lebens und seiner Gestaltung. Es leistet einen Beitrag zu der Frage, wie die Gleichberechtigung der Frau gelingen kann und muss - und zwar auch in der nichtjüdischen Gesellschaft. Dabei geht es nicht um militanten Feminismus, sondern schlichtweg um die Schlussfolgerung, dass außer Vorurteil und Ungewohntsein nichts gegen Frauen in Ämtern spricht.

Dazu noch ein von Regina Jonas überliefertes Wort: "Ich kam zu meinem Beruf aus dem religiösen Gefühl , dass Gott keinen Menschen unterdrückt, dass also der Mann nicht die Frau beherrscht ...vom Gedanken der letzten und restlosen geistigen, seelischen, sittlichen Gleichberechtigung beider Geschlechter ...".

Interview

Bei aller Freude über das gute Miteinander der Religionsgemeinschaften in Bamberg plädiert Rabbinerin Antje Yael Deusel für mehr Akzeptanz der jüdischen Mitbürger. Und sie wirft einen Blick auf Frauen in einer immer noch dominanten Männergesellschaft.

2021 wird das Festjahr begangen "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Erst 1935 wurde hierzulande die erste Rabbinerin ordiniert. War das nicht eine viel zu späte Zeitenwende?

Antje Yael Deusel : Es ist wohl richtig, dass mit Regina Jonas 1935 die erste Rabbinerin im heutigen Sinn ordiniert wurde. Aber es gab bereits viel früher Frauen, die durchaus als rabbinische Gelehrte gelten, wie Bruria und auch Jalta, im 2. und 3. Jahrhundert u.Z., oder auch die Töchter von Raschi im 11./12. Jahrhundert, um nur einige Beispiele zu nennen. Und nicht alle von ihnen lehrten "hinter dem Vorhang", wie man es von Hannah Rachel Verbermacher, der so genannten "Jungfrau von Ludomir" aus dem 19. Jahrhundert erzählt. Die Existenz dieser gelehrten Frauen ist nur nicht so bekannt, sicherlich auch deswegen, weil die Frauen unter den rabbinischen Gelehrten zu jenen Zeiten stets in der Minderzahl waren - und es im Rabbinat bis heute noch sind, auch wenn unsere Zahl gegenwärtig beständig zunimmt.

Ist denn die religiöse Gleichberechtigung von Frauen im Judentum endgültig angekommen, oder gibt es noch dunkle Bereiche?

Die Gleichberechtigung der Frau hat sich, gerade was den Zugang zu den religiösen Ämtern betrifft, innerhalb der verschiedenen jüdischen Strömungen unterschiedlich entwickelt. Diese Entwicklung ist auch noch nicht abgeschlossen. Regina Jonas war lange Zeit die einzige Frau im Rabbinat, und obendrein ging das Wissen um ihre Existenz über lange Jahre verloren. Bis mit Sally Priesand 1972 die zweite Frau ordiniert wurde, diesmal in den USA, dauerte es immerhin einige Jahrzehnte. Nach und nach erfolgte dann die Ordination von Rabbinerinnen in allen Strömungen. Seither nimmt die Zahl der Rabbinerinnen und auch Kantorinnen kontinuierlich zu.

Auch in der modernen Orthodoxie wurde mit Rabba Sara Hurwitz 2009 bereits die erste Frau ordiniert, ein wirklicher Meilenstein - und durchaus nicht unangefochten. Die Entwicklung geht weiter, sie ist auch nicht mehr aufzuhalten. Es braucht aber nicht nur die Bereitschaft der Frauen, die diesen Weg gehen wollen, sondern auch die Akzeptanz ihrer Umgebung, vor allem auch in den Gemeinden.

Fühlen Sie sich persönlich als eine Erbin von Regina Jonas?

Ich würde eher sagen, als eine Nachfolgerin im geistlichen jüdischen Amt. Denn "Erbin" bedeutet letztlich, etwas von jemandem zu übernehmen, etwas direkt übertragen zu bekommen. Regina Jonas hat als Erste die gläserne Decke durchbrochen, aber ihre Fußstapfen haben keinen ausgetretenen Weg hinterlassen, ihre Fußspuren wurden verwischt. Und doch war sie die Pionierin, die uns gezeigt hat: Es gibt einen Weg - aber gehen müsst ihr ihn selber, jede für sich.

Sie können als Rabbinerin in einer Stadt wirken, in der zwischen den Religionsgemeinschaften ein wohlwollendes Klima herrscht. Was gehört noch zu den schönen Seiten Ihres jüdischen Lebens in Bamberg ?

Da gäbe es freilich viele Dinge zu nennen. Eines davon, was mir besonders wichtig ist, besteht darin, dass unsere langjährige gemeinsame Arbeit im interreligiösen Dialog inzwischen weit über die einzelnen Religionsgemeinschaften hinaus reicht, hinein in unsere allgemeine Gesellschaft. " Bamberg ist bunt" steht nicht nur auf dem Papier.

Aus einem Nebeneinander in wohlwollender Toleranz ist inzwischen ein freundschaftliches Miteinander geworden.

Dennoch warnen Sie immer wieder vor antisemitischen Erscheinungen und Bedrohungen. Worin sehen Sie die größte Gefahr?

Bedauerlicherweise können sich nicht alle mit Toleranz und Akzeptanz anfreunden. Häufig spielen dabei alte Vorurteile, Klischees und auch Ängste eine Rolle, die immer wieder bedient werden, sei es aus Unwissenheit, sei es - schlimmer noch - wider besseres Wissen. Die größte Gefahr besteht meines Erachtens darin, solche Erscheinungen in ihrer Wirkung zu unterschätzen. Aus Worten werden Taten, und die Taten werden immer gefährlicher, die Täter gewaltbereiter. Wachsamkeit ist daher wichtig, und noch wichtiger ist Aufklärungsarbeit, vor allem auch bei jungen Menschen.

Das Interview führte

Marion Krüger-Hundrup.

Das Buch

"Reginas Erbinnen - Rabbinerinnen in Deutschland", herausgegeben von Rabbinerin Antje Yael Deusel und Rocco Thiede. Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig (www.hentrichhentrich.de ). ISBN 978-3-95565-427-6. Das bebilderte 210-Seiten- Buch ist im Verlag und im Buchhandel erhältlich und kostet 19,90 Euro.