Vom siebten Himmel in die Ehehölle: Nörgeleien, zermürbende Diskussionen, Frust und Langeweile: Nein danke, dachte sich Eduard von Keyserling offenbar und blieb zeitlebens unverheiratet. Was keinen überraschen dürfte, der Erzählungen des Autors über das Ersticken der Liebe im Alltag kennt, dem beide Partner nur mehr zu entfliehen suchen. Wenig verbindet uns noch mit der Welt, in der Keyserling vor über 100 Jahren Werke wie "Die Kluft" schrieb. Manches aber haben die Emanzipation, die veränderten Moralvorstellungen, ja unsere durchpsychologisierte Kommunikationsgesellschaft nicht ändern können. Das zeigt das neue Programm des Brentano-Theaters, das neben Keyserlings Einakter auch Anton Wildgans' "Der Löwe" aufgreift, um "Zwischenfrauliches" im ewigen Kampf um den Mann auf die Bühne zu bringen.


Gespräch belauscht

"Erst neulich saß ich in einem beliebten Bamberger Café und wurde Zeuge einer Unterhaltung: , Mei Ex hod eddz a Neua. Obber die mach i ferddich!'", erinnert sich Martin Neubauer als Prinzipal des Brentano-Theaters. "Was grob vereinfacht die Inhaltsangabe unseres Programms ist, das am 10. April Premiere feiert." So liefern sich Rivalinnen eben nach wie vor Zickenkriege, intrigieren oder solidarisieren sich strategisch, wie beim Bühnen-"Duell" zwischen Dorothea Schreiber und Victoria Heinz: "Sie zeigen die Konfrontation einer Verflossenen mit der Neuen - ein gleichgeschlechtliches Seitenstück zum ewigen Geschlechterkampf".

In schöner Regelmäßigkeit wird Eduard von Keyserling seit seinem Tod wiederentdeckt - zuletzt, nachdem das "Literarische Quartett" seinen Roman "Wellen" in den höchsten Tönen rühmte. "Auf der ,Spiegel'-Bestsellerliste stand der Autor zeitweise, der heute wieder eher als Geheimtipp gilt", meint Neubauer. Am Brentano-Theater sei "Die Kluft" - "mit Ulrike Baier und der damals blutjungen Eli Wasserscheid schon vor 17 Jahren ein echter Publikumsrenner" geworden. Darin sucht "Baronin von Pranka" die neue Gattin ihres Ehemaligen auf. "Freundschaftlich steht sie ihr auch bei ersten Ehefrustrationen bei - und spritzt raffiniert Gift in die junge Beziehung." Nehmen wir nur den scheinheiligen Satz: "Es ist unglaublich, wie nett ein Mann sein kann, wenn man nicht mit ihm verheiratet ist."



Hintergründiger Humor

So erwartet das Publikum unter dem Titel "Der ideale Alltag" eben keine "Hau-Ruck-Komik", sondern feinsinniger Humor: Ein Humor, der viele Literaten auszeichnet, an die das Brentano-Theater erinnert. "Darum habe ich die Bühne vor 22 Jahren ja gegründet: um einstmals erfolgreiche Dichter aus der Versenkung zu holen", so Neubauer: "theatralisch zu exhumieren sozusagen". Das Subtile, die feinen Facetten der Auseinandersetzung seien es, die Szenen wie eben aus "Die Kluft" heute noch lohnend erscheinen lassen. "Da gibt's kein grobes Pöbeln, kein Internet-Mobbing, selbst Gehässigkeiten werden in der Sprache um 1900 mit Stil und Niveau ausgedrückt."


Bildreiche Sprache

Von der bildreichen Sprache der Vergangenheit schwärmt auch Dorothea Schreiber. "Was man heute mit drei Buchstaben sagt, drückten einst fünf geschliffene Sätze aus." Dementsprechend gern befasst sich die Schauspielerin mit Werken früherer Jahrhunderte. Und bedauert es, wenn Bühnenstücke an Theatern durch ein schrilles Update herabgewürdigt werden. Was am Brentano-Theater nicht der Fall ist, das somit Fenster in die Vergangenheit öffnet.

Neben Keyserlings "Die Kluft" wird in der Gartenstraße ab 10. April "Der Löwe" gezeigt: Ein Einakter von Anton Wildgans (1881-1932) als einstigem Direktor des Wiener Burgtheaters: "Ein ausgesprochen erfolgreicher Dichter, der heute ebenfalls beinahe vergessen ist", sagt Martin Neubauer. Wieder geht es um zwei Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation aber "weitaus drastischer und hysterischer in die Haare kriegen".

Und damit nicht genug: "Gegen Ende des Abends erhebt sich noch ein geheimnisvoller Regietheatermann, um mit ,Wildschwein und Keyserbier' aufräumen." Mehr dazu aber vor Ort, wenn sich der Vorhang für "Der ideale Alltag" hebt.


Auf einen Blick

"Der ideale Alltag" - Zwischenfrauliches von Eduard von Keyserling und Anton Wildgans im Brentano-Theater, Gartenstraße 7: Zu sehen am Sonntag, 10. April, 17 Uhr, Mittwoch, 13. April, 20 Uhr, Sonntag, 17. April, 17 Uhr, Dienstag, 19. April, 20 Uhr, Dienstag, 26. April, 20 Uhr, Freitag, 29. April, 20 Uhr, und Sonntag, 1. Mai, 17 Uhr. Plätze gibt's unter Telefon 0951/54528