Von wegen kalt. Schwülwarm ist es hier. Da hilft auch der Wald wenig, in dem der Dartpfeil "gelandet" ist, südwestlich von Kalteneggolsfeld.

Der kleine Ort mit seinen rund 150 Einwohnern soll - vor langer Zeit - noch Eggolsfeld geheißen haben. Das rauhe Klima hier in der Fränkischen Schweiz, an der Grenze der Landkreise Bamberg und Forchheim, habe später den Ausschlag gegeben für einen Namenszusatz. Aber das erfahren wir erst später.


Erstes Blut seit Wochen

Hier im Wald ist kein Mensch weit und breit. Mücken surren, ein Vogel macht sich kurz bemerkbar. Die Ruhe unterbricht nur ein Flugzeug, das weit oben für uns unsichtbar vorbeizieht. Eine Bremse sticht den Fotografen. "Ich glaube, wir sind hier das erste menschliche Blut seit Wochen", sagt Ronald Rinklef.
 

 


Buchen, Eschen, Ahorn, Kiefern, eine alte Eiche, ein paar Fichten und eine Lärche - der Wald um uns herum ist für jedes Klima gerüstet. Wir folgen dem Weg weiter, der uns in diesen Wald geführt hat. Es geht leicht bergab. Links und rechts gedeihen mannshohe blühende Brennnesseln. Auf dem grünen Streifen in der Wegmitte wachsen üppig Gräser und Pflanzen. Es scheint, als ob hier eher selten jemand unterwegs ist. Und das, obwohl laut Karte ganz in der Nähe ein interessantes Ziel sein müsste: die Quelle des Eggerbachs. Ein kleiner Wasserlauf, der auf seinem Weg nach Süden in den Main-Donau-Kanal Ortsteilen der Marktgemeinde Eggolsheim im Landkreis Forchheim einen Besuch abstattet.

 

 


Dezenter Grenzhinweis

Wir stoßen am Wegrand auf einen quadratischen Stein, an einer Stelle abgeschlagen. Seine Bedeutung wird dennoch schnell klar: "Grenz Punkt" - links von ihm ist Bamberger Gebiet, rechts Forchheimer Land. Die Natur macht keinen Unterschied. Einige Schritte weiter sehen wir einen Wassergraben. Wir folgen nach links einem schmalen Geröllweg. Ein Schild an einem Baum weist auf eine Mountainbike-Strecke hin. Plötzlich stehen wir davor. Unscheinbar, unberührt, herrlich natürlich - die Quelle. Wie viele Generationen von Mensch und Tier mögen hierher gekommen sein?

 

 


Reporter wird auf Anhieb erkannt

Jetzt ist niemand da. Wir gehen zurück zum Auto am Waldesrand, fahren nach Kalteneggolsfeld und parken in der Dorfmitte direkt an der Herz-MariaKapelle, 1892 von den Ortsbewohnern errichtet, wie ein Schild verrät.
Um die Ecke schneidet eine Frau einen Buchsbaum zu einer Kugel. Ich gehe auf sie zu. "Sie sind es doch, oder?", entgegnet sie mir. "Der Mann von der Zeitung, der uns besuchen will." Wenig später hält sie mir die gefaltete Zeitungsseite vom 23. Juli vor die Nase, in dem die Infranken-trifft-Serie angekündigt worden war.

 

 


Uralte Dorflinde

Die eifrige Zeitungsleserin mit dem hervorragenden Gesichtsgedächtnis heißt Irmgard Wostratzky. Schnell stellt sich heraus, dass sie von allen Einwohnern am längsten hier lebt. Man sieht es ihr nicht an, dass sie vor mehr als 80 Jahren im Haus mit der Nummer 13 das Licht der Welt erblickt hat. "Das macht die Linde", meint sie und deutet auf einen mächtigen Baum auf der anderen Straßenseite. Das Naturdenkmal ist verglichen mit ihr tatsächlich ein Methusalem, dessen Alter niemand weiß. "Es heißt immer 1000-jährige Linde", sagt die Frau, deren Mann vor 33 Jahren gestorben und auf dem kleinen Friedhof am Ortseingang beerdigt ist. Allein ist sie nicht. Tochter, Schwiegersohn und drei Enkel sind da.

 

 


Immer etwas kälter

Sie läuft mit uns zur Kapelle. An der Tür hängt ein Schlüssel. Jeder kann aufschließen. Alle vier Wochen am Donnerstagabend kommt der Pfarrer aus Heiligenstadt hierher zur Eucharistiefeier.

Kalteneggolsfeld ist einer von 25 Gemeindeteilen des Marktes Heiligenstadt. Hier auf der Jura-Hochfläche, 523 Meter über dem Meeresspiegel, wo es - wie man uns erzählt - immer ein paar Grad kälter ist als in Heiligenstadt oder Buttenheim, war das Leben noch nie leicht. Steinige Böden, raue Luft, schlechte Verkehrsanbindung.
Letztere ist besser geworden. Zumindest die Straßen hierher machen der motorisierten Welt keine Probleme. Zum Glück. Kindergarten, Schule, Einkaufen - hier in Kalteneggolsfeld ist das alles nicht möglich. Die Dorfwirtschaft ist seit 2009 geschlossen. Immerhin gibt es noch eine Feuerwehr mit Vereinsheim. Dienstags und donnerstags bietet die Gemeinde Heiligenstadt einen Bürgerbus an. Abfahrt 10.06 Uhr. Den nutze aber kaum einer, heißt es.

 

 


Spielplatz für wenige Kinder

Platz für Kinder ist da. Mitten im Ort liegt ein schöner großer Spielplatz. "Früher hatten wir viele Kinder und keinen Spielplatz, jetzt einen Spielplatz und kaum Kinder", sagt Wostratzky.

Angrenzend an den Spielplatz steht an der Durchgangsstraße das Dorfbackhäuschen, 1964 von einigen Familien errichtet. Agnes Tidl schürt gerade den Ofen an. Ihre Mutter hat Teig für 16 Laibe Brot vorbereitet. Der Zufall will es, dass just heute wieder gebacken wird. Holzofenbrot. Alle vier bis fünf Wochen nutzen Agnes Tidl, ihre Mutter Elfriede und ihre Schwester Monika das Backhäuschen. Zwölf Familien waren es früher, heute interessieren sich nur noch zwei für diese Möglichkeit. Wer backt, zahlt drei Euro Gebühr in die Gemeinschaftskasse. Salär für den Schlotfeger.

 

 


Internet zu langsam

Das Backhäuschen hat sich erhalten, das ehemalige Dorf-Gefrierhaus schräg gegenüber wird nur noch als Lager genutzt.

"Meine Tochter will nur noch dieses Brot", erzählt Tidl. Ihr 19-jähriger Sohn hat andere Bedürfnisse. "Er sagt: Wenn das Internet so langsam bleibt, dann bleibt er nicht in Kalteneggolsfeld", erzählt sie. Peter May dagegen wird Kalteneggolsfeld nicht so schnell verlasssen. Der Pfälzer Steinmetz und -bildhauer hat vor mehr als 30 Jahren ein Haus gekauft. "Ich liebe es hier, die Ruhe. Ich kann hier der sein, der ich bin. Und ich bin halt etwas Außergewöhnliches."

 

 


"Ohne Stress"

Gerade arbeitet der 62-Jährige an einer Frauen-Holzskulptur. "Ich spüre etwas, und dann mache ich es, aus dem tiefsten Inneren", sagt er. Kann man davon leben? "Ich lebe gut, es mangelt mir an nichts." Er sei in der Lage, "ohne Stress das zu tun, für was ich bestimmt bin". Geld verdient May auch mit Grabsteinen, Altären oder Flurdenkmälern. "Schließlich bin ich Handwerker." Im Winter arbeitete er auch schon mal in Ägypten, gab dort im Tal der Könige Steinmetz-Workshops für Touristen. Sein Ruhepol aber ist Kalteneggolsfeld. "Ich war der erste Fremde in dem Dorf, exotisch. Sie konnten mich nicht einordnen, aber irgendwann haben sie angefangen, mich zu mögen."