"Orgasmus im Ohr der Straßenchor" ist zurück aus der Versenkung: Ein Knigge für Demonstranten, den Sigi Hirsch 1969 mit Versen wie "Macht aus Polizisten gute Sozialisten!" auf den Markt warf. Arno Rein-franks "Deutschlandlieder zum Leierkasten" drehen sich wieder auf dem Plattenspieler des Künstlers - mit provokanten Balladen wie "Der Wohlstand" und "Der Gestank". Während "365 Popos" Yoko Onos Hirsch an eine Begegnung mit der Avantgardistin erinnern: Wahre Schätze fanden sich in zwei Bananenkisten an, die der Wahlbamberger 1976 bei einem Berliner Freund deponiert und prompt vergessen hatte. Ein Umzug brachte die Frühwerke des einst jüngsten Verlegers Deutschlands ans Licht.

Fünf Jahrzehnte später

"Ein halbes Jahrhundert nach der Gründung meiner Zeitschrift ,Total', finde ich etliche Ausgaben und andere Veröffentlichungen aus den Sechzigern wieder", sagt Hirsch.
Welchen Ärger handelte sich der Provokateur gleich mit der ersten Ausgabe ein: Von der Schule flog der damals 17-Jährige nach einem Artikel "Über den Papst und seine Dunkelmänner". Dabei hatte der Gymnasiast eine Woche lang im Hafen als Schiffsreiniger geschuftet, um sein verlegerisches Debüt zu finanzieren: Fleiß, den der Schulleiter nicht zu schätzen wusste, dem die frechen Verse des Rebellen ebenso aufstießen wie bald darauf der Ordnungsmacht. So nahmen Polizisten Hirsch nach einer weiteren Ausgabe von "Total" hops: "Ich wurde am Bahnhof verhaftet, nachdem ich die Zeitschrift ohne Gewerbeschein herausbrachte." Mehr als eine Buße in Höhe von 20 Mark musste der kreative Kopf aber nicht zahlen.

Zurück zum Dadaismus

Vierteljährlich erschien die literarische Illustrierte fortan, mit Beiträgen von Erich Fried, Rolf Schwendter und beispielsweise auch Ernst Alexander Rauter als Kultautor der 68er. Walter Mehring, Richard Huelsenbeck und Raoul Hausmann gewann Hirsch, um den Dadaismus aufleben zu lassen. "Mit Walter Mehring führte ich 1981 sogar noch ein letztes Interview - kurz vor seinem Tod."

Aber zurück in die Zeit der Kulturrevolution, die an den Grundfesten der Nachkriegsgesellschaft rüttelte. Für einen Skandal sorgte 1966 beispielsweise die Londoner Aufführung von Yoko Onos Films "No. 4 - Bottoms", zu der man auch den Bremer Jungverleger geladen hatte. Die 365 nackt über die Leinwand laufenden Hintern, die die Künstlerin Publikum (und Zensur) über 90 Minuten zeigte, wurden in Großbritannien bis zur Entschärfung des Streifens verboten - als "Material, das zur öffentlichen Schaustellung nicht geeignet ist". Dabei beobachtete Yoko Ono bei Zuschauern eine "bewußtseinserweiternde Wirkung", wie im "Spiegel" zu lesen war. Was dem "Total"-Rezensenten nicht anzumerken war, der die Gesäßparade weniger euphorisch kommentierte. "Bei vielen wird nichts als Langweile produziert werden." Einige aber könnten "zum Verständnis der neuen Ästhetik einer Art künstlerischen Meditation gelangen".

Unbekleidete Damensitzfläche

Kein laues Lüftchen regte sich in Deutschland nach der Darstellung von Yoko Onos Popos in "Total". Einen Sturm der Entrüstung aber entfachte Hirsch 1967 mit einer weiteren Kehrseite, die die Bremer Post alarmierte: Sie lehnte den Versand der "in Varianten gefalteten, unbekleideten Damensitzfläche" ab, wie "Die Zeit" berichtete. Ja, republikweit sorgte der Nachwuchsverleger für Aufsehen, nachdem sein Blatt "von der Postbeförderung" als "Sendung ausgeschlossen" wurde, "deren einsehbarer Inhalt erkennbar gegen das öffentliche Wohl beziehungsweise die Sittlichkeit verstößt". "Was mich sehr schmerzte, da ich meine Zeitschrift nun in geschlossenen Umschlägen für 70 statt 30 Pfennig Porto pro Brief verschicken musste", erinnert sich der Wahlbamberger.

Nach Berlin zog's Hirsch angesichts so üblen Erfahrungen. Dort erlebte der Künstler in jenen Jahren die Blüte der Protestbewegung: Eine Phase, in die schließlich auch die Anti-Schah-Demonstrationen und der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg fielen, der 1967 Menschen bundesweit auf die Barrikaden brachte.

An der Spree veröffentlichte Hirsch dann auch Reinfranks "Deutschlandlieder zum Leierkasten". Mittlerweile war die politische Atmosphäre im Land aber so aufgeheizt, dass man allein hinter der Erwähnung des Arme-Leute-Gerichtes Kohl einen Angriff auf den gleichnamigen CDU-Politiker witterte. Was Hirsch nicht daran hinderte, nun auch noch die musikalische Version der satirischen Balladen zu veröffentlichen. Mit einigem Erfolg, während der "Antivietnamsong" des Verlegers Jahre später floppte. "Weil wir den Titel genau an dem Tag produzierten, als der Vietnamkrieg endete."


Von Klowänden abgeschrieben


Das "Lyrik Los" als Reihe, für die wechselnde Autoren schrieben, fand sich in Hirschs Bananenkisten an. Öffnen durften Leser die verschlossenen Seiten erst nach dem Kauf, um zu erfahren, wer die jeweilige Ausgabe betextet hatte: So gab's für sie mal Poesie renommierter Literaten und dann wieder Machwerke von Nieten, die einem selbst noch beim Schmökern auf dem stillen Örtchen aufstießen.

Apropos: Die meisten Spottreime des eingangs erwähnten Bandes "Orgasmus im Ohr" schrieb Jungverleger Hirsch von Toiletten-Wänden ab. Darunter auch "Bürger, friß dein Sauerkraut, bis man morgen dich verhaut" oder "Mir tun schon die Hände weh, wenn ich die vielen Nazis seh." Von noch existenziellerer Bedeutung aber waren die Tipps für Demonstranten, die bei der Ausrüstung begannen und beim Verhalten nach der Festnahme endeten. Dazwischen galt die Regel, dass "jede Aktion während (!) der Demonstration mit Bekannten vordiskutiert, und erst dann geschlossen vollzogen werden" müsse.