Niemand will sich derzeit zu weit aus dem Fenster lehnen. Es sei "einfach noch zu früh", um die Auswirkungen zu beurteilen, heißt es zum Beispiel bei Bosch. Nachdem klar ist, wie schwer der Betrugsskandal um Abgaswerte beim Volkswagenkonzern wiegt, stehen die Autozulieferer zunehmend im Blickfeld. Jeder weiß: Sollte es zu Umsatzeinbrüchen bei Europas größtem Autobauer VW kommen, sind sie nahezu alle betroffen. Und Franken träfe es besonders hart. Denn die Automobilzulieferindustrie ist das Schwergewicht der regionalen Wirtschaft. Bis zu 200 Firmen arbeiten in dieser Branche, angefangen bei Bosch, Schaeffler oder Brose bis hin zu deren Zulieferern.


"Abrufe unverändert"

Auch bei Brose ist man äußerst vorsichtig mit Aussagen. VW ist ein wichtiger Kunde. Das Thema ist zu sensibel. Und die Zulieferer sind abhängig von den Herstellern.
"Die Abrufe sind bei uns bisher unverändert", berichtet Gertrud Moll-Möhrstedt, geschäftsführende Gesellschafterin des Autobatterienherstellers Moll in Bad Staffelstein (Landkreis Lichtenfels). Ein massiver Rückgang der Nachfrage würde allerdings alle Lieferanten von Komponenten für Dieselfahrzeuge treffen, so auch Moll, ist Moll-Möhrstedt überzeugt.
"Alles läuft normal", heißt es auch bei Dr. Schneider in Kronach. Das auf Kunststoffe spezialisierte Unternehmen liefert Teile für den Innenraum, vor allem Belüftungssysteme. Unruhe gebe es keine, auch keinen Anlass für irgendwelche Reaktionen, versichert Geschäftsführer Günter Murmann.


Mehrheit sieht sich nicht bedroht

So wie bei Dr. Schneider sehen es viele Zulieferer in Deutschland. Laut einer in der vergangenen Woche von einer Düsseldorfer Beratungsfirma durchgeführten Blitzumfrage denkt jeder Zweite, dass alles so bleiben wird, wie es ist. Allerdings: 27 Prozent gehen davon aus, dass der Abbau von Arbeitsplätzen droht.
Für Wolfgang Meinig, emeritierter Professor für Automobilwirtschaft und Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft in Bamberg, ist dies nur eine Frage der Zeit. "Das kommt zwangsläufig. Das Image des Dieselmotors ist für lange Zeit kaputt. Und die Unternehmen können die Verluste bei Dieselfahrzeugen nicht kompensieren. Dies trifft auch die Vorstufe", sagt Meinig.


Erhebliche Umsätze mit VW

Der 73-Jährige verweist darauf, dass es in der Region einige Unternehmen gebe, die zuletzt erhebliche Umsätze gerade mit dem Volkswagenkonzern gemacht hätten. Der Spezialist für Kabel und Drähte Leoni aus Nürnberg etwa. Oder auch die Schaeffler-Gruppe mit Sitz in Herzogenaurach. Laut Unternehmenssprecher Christoph Beumelburg hat Schaeffler im vergangenen Jahr durch Geschäfte mit VW rund 1,2 Milliarden Euro umgesetzt, eine Summe, die zehn Prozent des Konzernumsatzes ausmachte.
"Für mich ist es erschütternd zu sehen, dass das VW-Management jegliche Moral verloren zu haben scheint", sagt Meinig. "Dass der Herr Winterkorn erklärt, dass er das alles nicht gewusst hat, ist gelogen", vermutet der Branchenbeobachter. Auf jeden Fall müsse es der ehemalige VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg gewusst haben. Und dessen Weg zu Konzernchef Martin Winterkorn sei kurz gewesen.


Messlatte zu hoch

"Anthropogene CO2 -Emissionen vor dem Hintergrund knapper Ressourcen", hatte 1989 das Thema von Meinigs Antrittsvorlesung in Bamberg gelautet, als er hier die deutschlandweit einzige BWL-Hochschulprofessur mit dem Schwerpunkt Automobilwirtschaft antrat. Seitdem verfolgt Meinig, wie sich die Abgasnormen ändern. Und er reibt sich immer wieder verwundert die Augen: "Man kann den Leuten nicht vorgaukeln, dass sie alles haben können. Wenn man nicht runterkommt von Beschleunigung und PS-Zahlen, dann ist es eine Utopie, niedrigere Abgaswerte zu erreichen." Derzeit liege der Durchschnitt aller Pkw-Modelle bei 145 PS. "Das ist doch der Wahnsinn", sagt Meinig. Vor allem in den USA ist die Messlatte nach Ansicht des emeritierten Professors zu hoch gewesen. "Ich habe mich immer gefragt: Wie wollen die das schaffen?"
Die Zulieferer hätten außerdem schon immer Probleme gehabt, durchgreifende Systemverbesserungen zu verkaufen. "Bei den Einkaufsmanagern ist immer der Rotstift da", beschreibt Meinig die Situation.
"Ich glaube nicht, dass viele schon realisiert haben, was auf sie zukommt", sagt Meinig. Wenn alle Prozesse und Änderungen vorüber seien, dann habe VW etliche Milliarden Euro weniger. Dann werde den Zulieferern wieder gesagt: Wir müssen über Preise reden.