Langweilig waren sie nie - die Werkstattkünstler aus Stegaurach, egal ob es nun um Theater oder Music(al) ging. Ein im wahren Sinn des Wortes schräges Bühnenbild zu einem schrägen Stück wie bei den "39 Postkarten", ein zauberhaftes Ambiente zu Shakespeares Sommernachtstraum - der Rosengarten hinter ihrem Wohnzimmer, dem Bürgersaal in Stegaurach oder die Attacke auf wahrhaft alle Sinne, als bei "Schweig, Bub!" sämtliche Köstlichkeiten frisch zubereitet und von den Akteuren genüsslich verzehrt wurden. Das grenzte ja fast schon an Körperverletzung. Die elementare Wucht von "Jesus Christ Superstar", das Hippie-Feeling und der schreiende Protest von "Hair", Romantik pur und a groovy kind of Love - die Lovestorys im April dieses Jahres - das sind nur einige wenige Beispiele.

Und jetzt, in der Johannis-Kapelle am Oberen Stephansberg, jetzt gibt es gleich Theater hoch zwei: "Kleine Eheverbrechen" von Eric-Emmanuel Schmitt und Woody Allens "Central Park West". Zwei erschreckend ehrliche Stücke und alles andere als leichte Kost, von Laura Waldmann (Eheverbrechen) und Michael Feulner (Central Park West) brilliant inszeniert und von dem insgesamt siebenköpfigen Ensemble ebenso brillant mit fast schon gewaltigem Atem auf der Bühne umgesetzt.

Mit dem Gott des Gemetzels sind die Protagonisten der Künstlerwerkstatt e. V. seit dem "Vornamen" vertraut. Im Theater hoch zwei zeigt dieser Gott erneut seine hässliche, scheußliche Fratze, entblößt seine faulig-gelben Zähne zu einem wölfischen Grinsen und verlangt von den Besuchern stets eine bedingungslose Unterwerfung. Die kriegt er, denn dieser Dämon ist im Grunde nichts anderes als ein schonungsloser Blick in die eigene Seele und eine beispiellos erbarmungslose Abrechnung mit sich selbst und seinen seinen Lebenslügen.


Erschreckend schön

Nichts ist wichtig, nichts ist unwichtig, das Leben ist ein Schattenspiel, aber die Spiegelbilder der Dinge in unseren Seelen haben eine tiefe, unheimliche Realität. Theater hoch zwei reflektiert das meisterhaft, erschreckend schön und unglaublich spannend. Und gelacht werden darf auch.

Das Böse entsteht immer da, wo die Liebe nicht, oder nicht mehr, ausreicht. Diese schmerzliche, aber ohne Frage richtige Erfahrung müssen auch Lisa (Daniela Burkhardt) und Gilles (Georg Graefe) machen. Kleine Eheverbrechen - nein, klein sind sie nicht. Seit dem ach so romantischen Anfang von vor zwölf Jahren, er kotzte auf ihr Auto ("Die Farbe hat mir sowieso nicht gefallen"), sind die Cousinen der Vernunft, die Gewohnheit und die Bequemlichkeit, engelsschöne und liebreizende Wesen, in die Ehe eingezogen. Geduldet, aber nicht erwünscht. Sie schlagen aufeinander ein, Lisa und Gilles, nicht nur mit Worten, umkreisen sich lauernd wie kampfbereite Raubtiere, und halten doch den wechselseitigen Angriffen der (vermeintlich) feindlichen Kavallerie nicht stand, denn ihre Truppen haben keine Zeit, Carrée zu bilden. Und das wollen sie eigentlich auch gar nicht. Sie machen das großartig und füllen die Bühne ganz aus - Burkhardt und Graefe.

Georg Graefe gehört auch zu den "Schwarzen", den Männern und Frauen hinter der Bühne (die er gemeinsam mit Regisseurin Laura Waldmann gestaltete, die sich wiederum auch noch um die Haare/Maske der Schauspieler kümmerte). Zu seinem Part gehörte auch das Lichtdesign. Um Ton und Technik kümmerte sich Roland Eichhorn, und Frank Sinatra kündigt mit "New York, New York" das Nobelviertel Central Park West an.


Die Wahrheit ist unerbittlich

Auch der Mensch ist in erster Linie Kreatur und steht der Wahrheit deshalb durchaus feindlich gegenüber. So geht es auch Phyllis: Elke Müller-Schellhorn, höhnisch, zynisch, keinesfalls zimperlich in ihrer Wortwahl, sondern im Gegenteil böse und brutal (nichts für so ganz zarte Gemüter); Carol: die wunderbare Heike Hollet-Geppert ("Ich bin eine Spinne, eine haarige, klammernde Spinne?"); Howard: Peter Müller als eine Art heiliger Narr (mit Szenenapplaus), der Ravioli kocht, weil ja sonst nichts da ist, während Masken fallen und die Situation gefährlich eskaliert; Sam: Fredi Ruppenstein, Fred Feuerstein, Romeo, Casanova und Don Juan in einer Person, ein Macho, der ziemlich ins Schwitzen gerät, und Juliette: Michaela Rümmer, unbedarft, unbekümmert, frisch von einer Männerphobie geheilt. Sie alle sind Menschen, die am Ufer des Sees ihrer Seele stehen, ein See mit nur kleiner Oberfläche, aber sehr, sehr tief. Die Oberfläche ist beruhigend glatt, aber dann werden Steine in diesen See geworfen, und sie kräuselt sich, und es kommen Wasserschichten von unten nach oben, die eigentlich hätten unten bleiben sollen, sorgfältig verborgen und rücksichtslos verteidigt. Aber die Wahrheit ist, und sie ist unerbittlich.
Das alles, und das ist viel, arbeitet Theater hoch zwei in beiden Stücken heraus, zwei Kinder von verschiedenen, aber offensichtlich seelenverwandten Vätern (und Regisseuren). So ganz zufällig war die Auswahl wohl nicht. Künstler und Werkstatt - einmal mehr.