Seit neun Jahren streitet man in Franken über Wohl und Wehe eines Nationalparks oder eines Weltnaturerbetitels für die Buchen im Steigerwald. 210 Kilometer weiter im Norden hat man beides schon - und mit der Wartburg auch noch ein "Weltkulturerbe" .

Mittendrin wohnt Ariane Rettelbusch in dem 700-Seelen-Dorf Kammerforst. Die Juniorchefin eines expandierenden Hotelbetriebs könnte es sich gar nicht mehr anders vorstellen "als mit": "Wir waren ein blinder Fleck auf der Landkarte. Der Nationalpark Hainich und ab 2011 auch noch der Weltnaturerbetitel haben unsere Region wachgeküsst. Das ist schon ein Riesen-Vorteil."


Natur- und Kulturfreunde

Rettelbusch war kürzlich auf Werbetour für ihre Heimatgemeinden. In Knetzgau hat sie am Mittwoch auf Einladung des Bund Naturschutz darüber referiert, was der Nationalpark mit ihrer Region gemacht hat, anderntags gab es ein Pressegespräch in Bamberg. "Auch wenn nicht alles vergleichbar ist, ich denke schon, dass wir aus den Erfahrungen in Thüringen einiges auch für den Steigerwald lernen können", begründete BN-Referent Ralf Straußberger den Blick nach Norden. Vor allem die Verbindung der Welterbestätten Bamberg und Würzburg mit dem Steigerwald biete die Möglichkeit, die Region attraktiver zu machen - Natur- und Kulturfreunde nach Franken zu ziehen.

Siehe Thüringen: Die Bilanz nach 19 Jahren Nationalpark, 11 Jahren Baumkronenpfad und fünf Jahren Weltnaturerbetitel klingt vielversprechend. Rettelbusch erzählt, wie sich aus dem "touristischen Nirwana" zwischen Eisenach und Bad Langensalza allmählich eine touristische Aufsteigerregion entwickelte, die im Gleichschritt zum Ausbau der Infrastruktur Jahr für Jahr an Übernachtungsgästen zulegte und mittlerweile vielen Menschen eine Perspektive bieten kann, die sonst wegziehen oder lange Pendlerwege in Kauf nehmen müssten.

Beispiel ist das eigene Rennstieg-Hotel, das sich binnen 20 Jahren aus einem Gastbetrieb im Nebenerwerb zum aufstrebenden Unternehmen gemausert hat und heute 15 Mitarbeiter beschäftigt. Offenbar kein Einzelfall, wie das Beispiel einer vom Tourismus befruchteten Schmiede und einer Töpferei, beide in Kammerforst, zeigt. Rettelbusch berichtet zuletzt von der Hainich-Baude, einer Gaststätte, die an einem Wanderparkplatz neu gebaut wurde und sich heute "vor Gästen nicht mehr retten kann".

Auch Bernhard Bischof kann keine Verlierer des Nationalparkprozesses erkennen - trotz anfangs durchaus vorhandener Skeptiker. Bischof ist Bürgermeister der Gemeinde Hörselberg, eines Zusammenschlusses von 17 Dörfern im Südosten des Nationalparks, und er ist auch Vorsitzender des Vereins Welterberegion Wartburg Hainich.

Als solcher steuert der Kommunalpolitiker die Entwicklung im Nationalpark selbstverständlich mit und vertritt mit vielen anderen Kollegen die Interessen der Region gegenüber der Landesregierung in Erfurt. Glaubt man Bischof, gibt es im Hainich weder einen Brennholzmangel wie es im Steigerwald von Nationalparkgegnern befürchtet wird, noch müssen die heimischen Sägewerke Kapazitäten von außen zukaufen, die bisher aus der Region kamen. Nur ein Drittel der 16 000 Hektar großen Hanichfläche werde nicht mehr bewirtschaftet.

Unbestrittener Hauptanziehungspunkt im Hainich ist der Baumkronenpfad, der seit seiner Eröffnung 2005 jährlich 200 000 Besucher in die vormals strukturschwache Region lockt. Die Ablehnung eines Nationalparks oder größeren Schutzgebiets im Steigerwald durch die bayerische Staatsregierung kann zumindest der Hörselberger Bürgermeister nicht verstehen: "Wir haben deutlich an Arbeitsplätzen hinzugewonnen. Und sie sind sogar stabiler als in der Industrie."
 


Besucherheerscharen

Den Ebracher Bürgermeister Max-Dieter Schneider (SPD) wundert die Entwicklung in Thüringen nicht. Auch im Steigerwald würde sich ähnliches vollziehen, wenn es zu einem Nationalpark oder einem Welterbetitel käme, ist sich Schneider sicher.

Wie groß die Sehnsucht nach Natur sei, zeige doch der Baumwipfelpfad, der seit seiner Eröffnung bereits 50 000 Besucher angezogen hat - ein großartiger Erfolg. Vorteile eines Nationalparks wäre nicht nur die institutionalisierte Förderung durch München und der unschlagbare Werbewert eines nationalen Titels, sondern auch die Verbesserung der Infrastruktur. "Beim bezirksübergreifenden Personennahverkehr hapert es derzeit sehr."


Oskar Ebert: Vergleich hinkt

Doch es gibt auch die andere Sicht. Skeptisch steht Vergleichen zwischen dem Hainich und dem Steigerwald der Geschäftsführer des Steigerwaldzentrums, Oskar Ebert, gegenüber. Ebert, auch Mitglied im Anti-Nationalpark-Verein "Unser Steigerwald", nennt die Tatsache, dass der Hainich ein militärisches Übungsgebiet mit hoher Arbeitslosigkeit gewesen sei. Damit sei die Ausgangslage ganz anders als im Steigerwald.

Die unbestritten gute Entwicklung in Thüringen bestätigt auch Ebert, zieht aber andere Schlussfolgerungen: "Der Besucherzuwachs erklärt sich nicht durch den Nationalpark, sondern durch den Baumkronenpfad."