Baureferent Michael Ilk verteidigt das neue Wohnhaus im Garten der Schützenstraße 20, das vor kurzem ausgerüstet und bezogen wurde. Aus seiner Sicht ist es ein "zeitgenössischer und dennoch zurückhaltender Neubau, der sich gut in die vorhandene und spät-klassizistisch geprägte Nachbarbebauung einfügt". Unter seinem Vorgänger Hans Zistl-Schlingmann war 2008 die Entscheidung für ein weiteres Baurecht auf diesem Grundstück gefallen, was in Teilen der Bamberger Öffentlichkeit auf Unverständnis und harsche Kritik gestoßen war.

Namentlich die Stadtheimatpflege, die Schutzgemeinschaft "Alt Bamberg" und der Historische Verein waren vehement dafür eingetreten, den Garten Garten sein zu lassen. Das Erscheinungsbild des neuen Hauses versöhnt sie nicht mit dem Eingriff in den Charakter des Hain-Viertels.
"Das ist kein großer architektonischer Wurf", sagt etwa Norbert Ruß, der Erste Vorsitzende des Historischen Vereins Bamberg (HVB). Und fügt hinzu: Den Rang eines Denkmals, den viele Gebäude im Haingebiet haben, werde der Neubau nie bekommen.

In erster Linie kritisiert der Bamberger Arzt aber, dass durch die Bebauung "wieder ein Stück Stadtstruktur des 19. Jahrhunderts zerstört wurde und nicht mehr ablesbar ist". Einfallslos und klobig wirke der Neubau im Vergleich zu den klar gegliederten Nachbargebäuden, urteilt Jörg Händler für die Schutzgemeinschaft "Alt Bamberg". Von einem "Einfügen" in den Bestand könne keine Rede sein.


Eine besondere Bamberger Adresse
Kaum ein Vorhaben der jüngeren Vergangenheit erregte die Gemüter in Bamberg seit 2010 so wie dieses. Einerseits wegen der besonderen Adresse: Im Altbau auf dem Grundstück Schützenstraße 20 wohnte bis zu seiner Hinrichtung der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Es handelt sich um das Elternhaus seiner Frau Nina, eine geborene von Lerchenfeld. Nina Gräfin von Stauffenberg lebte bis wenige Jahre vor ihrem Tod 2006 in dem Haus im Hain.

Andererseits - und vor allen Dingen - entwickelte sich die Kritik an der Nachverdichtung eines sehr großzügig bemessenen Grundstücks. Stadtheimatpfleger Ekkehard Arnetzl sprach sich von Anfang an gegen die weitere Bebauung des großen Grundstücks aus, das 1865 erschlossen und bebaut wurde. Heute konstatiert er: "Der Verlust großer Teile des Gartens ist sehr schmerzlich."

Er und seine Kollegin Stephanie Eißing warnen einmal mehr davor, Grünflächen als Baulandreserve anzusehen. Dies werde den Charakter des Stadtteils nachhaltig negativ prägen: "Je mehr im Haingebiet gebaut wird, desto mehr wird sich der ursprüngliche Charakter von einem locker bebauten Villenviertel hin zu einem beliebigen Wohnquartier wandeln, was eine Abwertung bedeutet."

Der Stadtrat hat vor fünf Jahren, als das Grundstück noch im Besitz der Familie von Stauffenberg war, die Bebauung des Gartens genehmigt. Die Entscheidung fiel damals einstimmig. Die Erben Nina von Stauffenbergs verkauften die Schützenstraße 20 später an die Postler Projektierungsgesellschaft. Erst diese machte von dem mit erworbenen Baurecht Gebrauch und löste mit dem Antrag auf Baugenehmigung nicht nur in der interessierten Öffentlichkeit eine kontroverse Diskussion aus.

Auch manche Kommunalpolitiker, die dem Neubau im Garten zugestimmt hatten, bedauerten später ihre Entscheidung. Rückgängig zu machen war sie nicht mehr. Ein Rechtsanspruch war geschaffen.


Die Baugenehmigung lag seit 2008 vor
Daran erinnert auch Baureferent Ilk. Verwaltung und Stadtrat seien durch den Vorbescheid von 2008 an ein grundsätzliches Baurecht für ein dreigeschossiges Gebäude mit Walmdach gebunden gewesen. "Insofern stand ich nicht mehr vor der Entscheidung, ob überhaupt gebaut werden darf. Es ging lediglich noch um die Frage, wie das Gebäude im Detail auszusehen hat." Das Resultat kann sich nach seiner Einschätzung sehen lassen.
Ilk zeigt sich davon "überzeugt, dass ein fremder Besucher heute kaum mehr ahnen kann, dass an dieser Stelle früher ein Garten war". Für den Noch-Baureferenten, der im Herbst als Baubürgermeister in die Stadt Ludwigsburg wechseln wird, ist aber auch klar: Mit der früheren Gartenanlage ist ein Stück von der charakteristischen Struktur an dieser Stelle verloren gegangen.

"Genau an dieser Frage", so Ilk, "wird der Konflikt sichtbar, vor dem die Bauverwaltung regelmäßig steht: Weiterentwicklung und Nachverdichtung oder Erhalt? Hier haben wir uns für die Nachverdichtung entschieden." Mit einem, wie der Baureferent findet, guten Ergebnis. Das sieht man bei "Alt Bamberg" anders. Vorsitzender Händler verweist darauf, dass der Altbau auf den Garten hin ausgerichtet ist. Diese Beziehung werde durch den Neubau zerstört bzw. aufgehoben. Der Freisitz im Erdgeschoss des Einzeldenkmals mit einem direkten Zugang zum Garten liegt jetzt, wenn auch mit einem gewissen Abstand, dem Eingang des Neubaus gegenüber.

Wilfried Krings, ehemaliger Professor für historische Geographie, beklagt die Tendenz zur "Nachverdichtung" im Hainviertel. Nicht nur für das charakteristische Stadtbild, auch für das Stadtklima wären unbebaute Flächen wichtig, betont der emeritierte Hochschuldozent. Ein bevorzugtes Wohnviertel drohe durch politische Entscheidungen wie diese abgewertet zu werden, warnt auch Ruß vom Historischen Verein.

Seitens der Bauherren-Gesellschaft mag man die Debatte um das Baurecht in der Schützenstraße 20 kaum mehr kommentieren. "Wir haben das Beste aus dieser Situation gemacht und sind auf alle Kompromisse eingegangen", sagt Geschäftsführer Gerhard Haßfurther. Er spielt damit auch auf die drei Architekten-Entwürfe an, die nötig waren, bis der Stadtrat schließlich einem zustimmte. Vier Wohnungen mit 103 bis 152 Quadratmetern entstanden darin. Sie müssen sich fast von selbst verkauft haben.

Wichtig ist Haßfurther der Hinweis auf die Sanierung des Einzeldenkmals, die überfällig war und dem Neubau vorausgegangen ist. Als das Anwesen den Besitzer wechselte, befand es sich auf dem Stand der 1950er Jahre. Es hat zweifellos innen und außen gewonnen.

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