Nach acht Jahren als Trainer der BG Göttingen hat Johan Roijakkers seine Komfortzone verlassen. "Ich habe eine neue Herausforderung gesucht", begründet der Holländer seinen Wechsel zum Bundesliga-Rivalen Brose Bamberg. Beim fränkischen Klub ist in der Tat alles etwas größer, als er es in Niedersachsen gewohnt war: die Halle, das Budget und selbst die Wohnung, die er Anfang Juli bezogen hat. Doch auch die Ansprüche sind hier größer. Wie der 39-Jährige diesen gerecht werden will, erklärt er im Interview.

Der Trainerstuhl bei Brose Bamberg war in den vergangenen drei Jahren ein Schleudersitz. Warum haben Sie sich dazu entschlossen, darauf Platz zu nehmen?

Johan Roijakkers: Nach acht Jahren habe ich eine neue Herausforderung gesucht. Göttingen ist ein sehr ruhiger Standort. Ich wollte jetzt einmal in einem größeren Verein arbeiten, in dem das Umfeld manchmal etwas unruhiger ist. Hier kann ich mich als Trainer und Person weiterentwickeln. Ich habe schon gemerkt, dass in Bamberg immer etwas los ist. Und der Verein hat wohl auch gemerkt, dass er jetzt einen anderen Weg einschlagen muss. Jedes Jahr den Trainer zu wechseln, funktioniert halt einfach nicht. Deshalb hätte ich hier niemals nur für ein Jahr unterschrieben. Göttingen wollte meinen Vertrag um drei, vier Jahre verlängern. Aber die Herausforderung hier reizt mich.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Stoschek hat mindestens das BBL-Halbfinale als Saisonziel ausgegeben. Ist das realistisch?

Mein Ziel ist es, die Hauptrunde unter den besten vier Teams abzuschließen. Damit hätten wir Heimrecht im Viertelfinale und gute Chancen auf das Halbfinale. Insofern sind unsere Ziele also gleich. Wir haben natürlich nicht mehr so viel Etat wie München und Berlin, mit Oldenburg können wir uns momentan auch nicht messen. Aber dann kommen wir, Ulm und die Hamburger. Ich weiß, dass Hamburg viel Geld zur Verfügung hat. Also wird das eine Herausforderung für uns, aber darauf hab' ich Bock.

Sie haben bei den Spielerverpflichtungen ein ordentliches Tempo vorgelegt. Warum wollten Sie das Team so schnell wie möglich zusammenhaben?

Ich hätte auch noch einige Wochen warten können. Mein Ziel war es, die Mannschaft am ersten Trainingstag vollständig zu haben. Aber vielleicht sind die Spieler in der derzeitigen speziellen Situation etwas nervös. Natürlich hat uns auch geholfen, dass wir außer Ulm die einzige deutsche Mannschaft sind, die in einem europäischen Wettbewerb spielt. Berlin und München lasse ich da mal außen vor. Und den Neuaufbau hier bekommen in der Szene ja alle mit. Viele Spieler und Agenten glauben an das Projekt Bamberg.

Worauf legen Sie bei der Verpflichtung eines Spielers am meisten Wert: Charakter, Können oder Willen?

Charakter und Wille gehören für mich zusammen, und das ist mir sehr wichtig. Wir haben keinen Jordan Crawford mehr, aber Typen, die auf dem Feld alles geben.

Das Team steht nun größtenteils fest. Wofür steht der Jahrgang 2020/21 von Brose Bamberg, was können die Fans erwarten?

Dass wir Leidenschaft zeigen, niemals aufgeben und zusammenspielen. Wir haben mit Chase Fieler, David Kravish, Bennet Hundt und Tyler Larson Spieler mit sehr hohem Basketballverstand hinzubekommen, so dass wir schönen Teambasketball zu sehen bekommen. Ich werde mit der Mannschaft viele Stunden in der Trainingshalle stehen, da will ich auch selbst Spaß daran haben, sie spielen zu sehen.

Wer von den neuen Spielern hat das Zeug zum Publikumsliebling - und warum?

Bennet Hundt. Weil er klein ist. Viele Leute können sich damit identifizieren. Die Eltern können ihren Kindern sagen: "Siehst du, auch wenn du klein bist, kannst du für Bamberg in der Bundesliga auflaufen." Er gibt immer alles und manchmal Pässe, die du so nicht erwartest. Aber das sind keine Showpässe, sondern echte Highlights.

Einer Ihrer Vorgänger, Chris Fleming, hat einmal gesagt, dass er ein Team um den Power Forward herum zusammenstellt. Die 4 ist für ihn die zentrale Position. Welche Herangehensweise haben Sie?

Ich suche mir immer zuerst die deutschen Spieler aus. Dann schaue ich mir den Markt an und suche nach Spielern, die mir für die jeweilige Position am geeignetsten scheinen. Aber Chris hat natürlich Recht. Der Power Forward ist so wichtig. Früher war das nur ein zweiter Center, heute muss er wichtige Entscheidungen treffen. Deshalb habe ich Fieler geholt, weil er passen kann und ein gutes Spielverständnis hat.

Was ist Ihnen wichtiger: Abwehr oder Angriff?

Was wir an dem Tag brauchen, um das Spiel zu gewinnen.

Viele Spieler wollen in die NBA. Welchen Karriere-Traum hat der Trainer Johan Roijakkers?

Nicht den von der NBA. Ich sehe meine Karriere in Europa. Obwohl es mich schon einmal reizen würde, ein G-League-Team zu coachen, denn das ist etwas ganz anderes. Dort hast du jede Woche andere Spieler, mit denen du arbeiten musst. Sie sind viel athletischer und eigensinniger. Sie wollen in die NBA und achten daher sehr auf ihre Statistiken. Zu gewinnen ist da nicht so wichtig wie in Europa.

Sie haben angemerkt, dass das Trainingszentrum in Strullendorf etwas in die Jahre gekommen sei. Welche Modernisierungen schweben Ihnen denn vor?

Wir haben bereits damit angefangen. Den Büros, dem Kraftraum und den Umkleidekabinen haben wir ein Update verpasst. Alles soll moderner werden. Für mich ist wichtig, dass auch das Umfeld perfekt ist. Die Spieler müssen Bock darauf haben, hier zu arbeiten. Deshalb wollen wir ihnen die beste Umkleidekabine und den besten Kraftraum anbieten. Damit gewinnt man kein Spiel, das weiß ich. Aber die Spieler sollen keine Ausreden haben. Es gibt ja immer wieder welche, die die Schuld nicht bei sich, sondern woanders suchen, wenn es mal nicht läuft.

Vom letztjährigen Bamberger Trainerstab ist nur Stefan Weissenböck übrig geblieben. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit ihm vor?

Natürlich wird er weiterhin mit den Spielern individuell arbeiten. Das ist seine Spezialität, damit hatte er ja schon großen Erfolg. Aber wir haben jetzt einen kleineren Stab, deshalb brauchen wir ihn auch im Büro für Videoanalysen und solche Sachen. Das müssen wir aber noch im Detail besprechen.

Sie haben Ihre Spielerkarriere bereits im Alter von 23 Jahren beendet. Was war der Grund dafür?

Ich bin zu dieser Zeit mit der Schule fertig geworden und habe mich gefragt, was ich nun machen will. Damals hatte ich in Bree gespielt, war dort auch als Jugendcoach tätig und habe den Headcoach mit Videozusammenschnitten versorgt. Man hat mich dann gefragt, ob ich hauptamtlicher Assistenztrainer werden möchte. Da hab' ich mir gedacht, das kannst du mal versuchen. Ich hatte ja noch keinen Job und war auch noch nicht auf der Suche nach einem. So hat es angefangen, jetzt sitze ich hier.

Was macht Johan Roijakkers, wenn er nicht in der Halle steht oder im Büro sitzt?

Ich mache gerne Konditions- und Fitnesstraining, bin aber auch gerne zu Hause. Deshalb war es mir wichtig, eine schöne Wohnung zu finden, in der ich mich wohl fühle. Dort lese ich oder schaue mir im Satellitenfernsehen holländisches Fernsehen an - auch Fußball.

Sie leben also alleine?

Ja. Dieser Job ist mit dem Privatleben so schwierig zu kombinieren, da geht es meiner Meinung nach nicht anders.

Sie sprechen recht gut Deutsch, verfallen aber dann und wann ins Englische. Was bereitet Ihnen noch Schwierigkeiten an der deutschen Sprache?

Ich finde manchmal noch nicht die richtigen Wörter, um das auszudrücken, was ich meine. Mir ist wichtig, dass jeder klar versteht, was ich denke. Mit Englisch fällt mir das leichter, mit Holländisch natürlich noch leichter. Aber dann versteht mich hier ja keiner.

Woher kommt Ihr gutes Deutsch?

Ich bin in Deurne aufgewachsen, das ist 30 Minuten von der deutschen Grenze entfernt. Schon als kleines Kind war ich viel in Deutschland unterwegs, weil mein Vater ein Fan von Märklin-Spielzeugeisenbahnen war. Fast jeden Sonntag sind wir zu Tauschbörsen nach Essen, Düsseldorf, Mönchengladbach oder Dortmund gefahren.

Hat etwas vom Hobby des Vaters auf Sie abgefärbt?

Ein bisschen. Ich hab' noch ein paar Eisenbahnen, aber nicht, um damit zu spielen. Die stehen nur in der Vitrine.

Johan Roijakkers' Vorlieben

Kaffee oder Tee? "Eigentlich beides. Ich trinke morgens immer erst einen grünen Tee, im Laufe des Tages wechsele ich dann zum Kaffee."

Bier oder Wein? "Bier, obwohl Holland nicht so eine große Biertradition hat wie unser Nachbarland Belgien."

Obst oder Süßigkeiten? "Obst. In meinem Job muss man sich gesund ernähren, anders geht es nicht."

Berge oder Meer? "Ein bisschen mehr Meer. Ich finde es zwar immer schön, wenn ich auf dem Weg nach Hause über hügeliges Land fahre - in Holland ist ja alles flach - wenn ich aber mal Ferien mache, dann nehme ich mir gerne ein Hotel am Meer. Ich mag einfach den Sound der Wellen."

NBA oder Euroleague? "Ich finde den europäischen Basketball schöner, in der NBA ist mir persönlich ein bisschen zu viel Show dabei."