Überraschend ist die Entscheidung nicht mehr: Der Vorstand des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV) hat die Fortsetzung der wegen der Corona-Krise unterbrochenen Saison einstimmig beschlossen und sich auf das eingeholte Meinungsbild bei den Vereinen berufen: Diese haben sich mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Fortsetzung ausgesprochen, mögliche Abbruchszenarien standen nicht zur Option. Der BFV bezeichnete seinen aufgezeigten Weg als alternativlos, im Westen der Republik zeichnet sich dagegen eine andere Lösung ab.

Frühestens ab 1. September soll also bei Männern und Frauen von der Bayernliga abwärts der Ball wieder rollen, sofern es durch staatliche Vorgaben möglich ist. Die Regionalliga Bayern als Schnittstelle zur 3. Liga ist von dieser Regelung weiterhin ausgenommen. Die Junioren von der U13 bis zur U19 sollen mit Beginn des neuen Schuljahres ab Mitte September die alte Spielzeit ebenfalls fortsetzen.

"Die bestmögliche Lösung"

"Wir wollen keine Geisterspiele, wir wollen keine juristischen Streitigkeiten, wir wollen den fairen Wettbewerb und Entscheidungen auf dem Platz - nicht am Grünen Tisch. Da aktuell aber niemand mit Gewissheit sagen kann, ob tatsächlich ab dem 1. September wieder gespielt werden kann, brauchen wir eine Lösung mit größtmöglicher Flexibilität. Für den BFV gibt es genau aus diesem Grund keine Alternative zum Vorschlag, die aktuelle Saison in jedem Fall zu Ende zu spielen, sobald das wieder möglich ist", hatte BFV-Präsident Rainer Koch bereits im Vorfeld der Entscheidung angekündigt: "Die Zeit ist nicht einfach, weil wir wissen, dass sämtliche Lösungen im Umgang mit dieser Saison Nebenwirkungen mit sich bringen. Natürlich auch unser Weg. Wir sind aber davon überzeugt, dass das vorgeschlagene Modell unter Abwägung aller Fragen die bestmögliche Lösung ist."

Viele Fragen sind aber noch ungeklärt, die Ungewissheit wird besonders die höherklassigen Vereine und den Verband noch längere Zeit begleiten. Nun müssen entsprechende Anpassungen in den BFV-Statuten vorgenommen und die drängendsten Fragen gelöst werden.

Wie das geschehen soll? Der BFV setzt fünf "Lösungs-Arbeitsgruppen" (LAG) ein, die sich um die Themenfelder Vereinswechsel, Spielbetrieb Erwachsene, Spielbetrieb Junioren, Meldungen und Fristen sowie Einbettung in Regularien kümmern. Dabei werden die Arbeitsgruppen mit ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern besetzt, hinzu kommen Funktionsträger mit Spielbetriebserfahrung sowie hauptamtliches Personal aus den Fachabteilungen der BFV-Zentrale in München. Auch Vereinsvertreter sollen mitarbeiten. Die komplette personelle Besetzung wird der BFV in der kommenden Woche veröffentlichen.

Welche Punkte sind offen? Wo sind die Fallstricke? Ein Überblick über die bislang noch ungeklärten Fragen, die insbesondere bei den höherklassigen Vereinen für Irritationen sorgen.

Spieler- und Trainerverträge

Der Verband hat zwar den Rahmen geschaffen, dass die Saison über den 30. Juni 2020 hinaus verlängert werden kann, wer nach diesem Stichtag aber noch aufläuft, ist eine ganz andere Frage. Die Vereinbarungen mit Spielern und Trainern enden üblicherweise zu diesem Tag, manche Akteure haben sich ab 1. Juli 2020 anderen Vereinen angeschlossen - und sind womöglich umgezogen. "Der BFV kann niemanden zwingen, einfach weiterzuspielen", sagt Jörg Schmalfuß, Vorsitzender des Bayernligisten FC Eintracht Bamberg. Auch Holger Denzler, der Sportliche Leiter von Liga-Konkurrent DJK Don Bosco Bamberg, sieht erhebliche Probleme und verweist auf das deutsche Arbeitsrecht. Zu viele Fragen seien in diesem Zusammenhang noch offen und kaum zu lösen. Entfällt etwa die Wechselperiode im Sommer, könnten Vereine personell nicht nachlegen. "Das ist eine sportliche Verzerrung", sagt Denzler.

Sponsoren

Durch die künstliche Verlängerung der Saison strecken sich die Kosten um mehrere Monate in die Länge, da die Vereinbarungen mit den Geldgebern ebenfalls von 1. Juli bis 30. Juni laufen. Die Kosten für Spieler, Trainer und laufenden Betrieb decken ebenfalls nur diesen Zeitraum. Das betrifft besonders Vereine in höheren Ligen. Ein zusätzliches Problem: Ob bereits am 1. September wieder gespielt werden kann, ist nicht sicher. "Die Fortsetzung der alten Spielzeit verursacht nur Kosten. Um eine Saison 2020/21 zu vermarkten, bräuchten wir neue Sponsorengelder", sagt Schmalfuß. Außerdem sei im Herbst nach so langer Zeit die emotionale Bindung zur Saison 2019/20 verloren gegangen. "Die ausgesetzte Saison ist kaputt und bleibt es. Der Verband wälzt die Probleme auf die Vereine ab. Was bringt es denn, nach gefühlt einem Jahr Pause mit dem x-ten Spieltag weiterzumachen?", so Denzler.

Junioren

Auch im Juniorenbereich soll von der U13 bis zur U19 die unterbrochene Saison mit Beginn des neuen Schuljahres ab dem 12. September weitergeführt werden, wie unser Partnerportal anpfiff.info berichtet. Voraussetzung ist die Möglichkeit, spätestens im August mit einer Vorbereitung auf dem Platz starten zu können. Für die Herren-Teams wird es aber wohl nicht möglich sein, ab 1. Juli 2020 die U19-Spieler aus dem 2002er-Jahrgang in den Herren-Bereich zu integrieren. So hatte es die DJK Bamberg für ihre zweite Mannschaft in der Bezirksliga geplant.

Der eigentlich zum 31. Juli 2020 anstehende Wechsel der Altersklassen soll vorerst entfallen. Erst mit dem geplanten Ende der Runde würden die Junioren zum 1. Dezember in die nächste Altersstufe aufrücken. "Wir wissen ja nicht, ob uns der aktuelle Kader im September überhaupt noch zur Verfügung steht. Wir sind darauf angewiesen, Nachwuchsspieler einzubauen. Der Verband sagt, er wolle eine sportliche faire Lösung für diese Saison, vergisst aber, dass es im Herbst personell andere Voraussetzungen sind. Das ist das größte Fehldenken bei dieser Konstruktion", sagt Schmalfuß.

Saison 2020/21

Auch wenn es merkwürdig anmutet: Die Gefahr ist groß, dass es eine Saison 2020/21 nicht geben kann. Klar ist nur, dass es keine normale Spielzeit wird. Frühestens könnte sie im März 2021 beginnen, müsste aber in gestraffter Form ausgetragen werden, da im Sommer 2021 der Saisonbeginn 2021/22 ansteht. Die Pokalwettbewerbe würden nicht stattfinden. Zur Diskussion für den Ligabetrieb steht auch eine Einfach-Runde, also ohne Rückspiel. Verkleinerte Ligen sind ebenfalls denkbar. Aber das ist Zukunftsmusik und abhängig davon, wann die aktuell unterbrochene Saison fortgesetzt werden kann. Darüber entscheidet die Politik mit der Freigabe der Sportstätten.

Fußball-Vereine in Nordrhein-Westfalen favorisieren den Abbruch der Saison

In Nordrhein-Westfalen haben sich die Vereine des Fußball- und Leichtathletik-Verbands Westfalen (FLVW) mit großer Mehrheit (88,4 Prozent) für den sofortigen Abbruch der Saison ausgesprochen, nur 11,6 Prozent votierten für eine Fortsetzung im Spätsommer. 1596 Fußballvereine wurden angeschrieben, 1149 nahmen teil. Vier Optionen standen für die Vereine zur Wahl: Neben der Saisonfortführung zu einem unbestimmten Zeitpunkt - frühestens jedoch ab September - skizzierte der Verband drei Abbruchszenarien: Saisonabbruch und Wertung des aktuellen Tabellenstands (24,2 Prozent), Saisonabbruch und Wertung der Hinrunden-Tabelle (30 Prozent) sowie Saisonabbruch und Annullierung der Saison (34,2 Prozent).

"Das Ergebnis der Befragung ist eindeutig. Die Fortführung der Saison wird von den Vereinen nicht befürwortet. Dies wird der Entscheidungsvorschlag des Verbands-Fußball-Ausschusses berücksichtigen", sagt der für den Amateurfußball verantwortliche Vizepräsident Manfred Schnieders. Das Gremium und der FLVW müssen jedoch nach wie vor die Prüfung der rechtlichen Rahmenbedingungen abwarten. "Fakt ist: Es gibt in den Statuten keine Abbruchszenarien. Wir möchten noch um Geduld bitten, bis der FLVW eine Entscheidung über eine Fortführung der Saison sowie die Wertung bei einem Abbruch vornimmt", so Schnieders. Während die Vereine der Regionalliga Bayern offiziell vom BFV nicht befragt wurden, haben sich laut "Kicker" in der West-Staffel 16 von 18 Vereinen für einen Abbruch ohne Absteiger ausgesprochen. Ziel sei es, eine Regelung zu finden, die für alle fünf Regionalligen unter dem Dach des DFB gelte - auch für die bayerische.