Am Denkmal von Nikos Zisis in Bamberg gibt es nichts zu rütteln: sein Trikot mit der Rückennummer 6 hängt seit gut einem Jahr unter der Hallendecke der Brose-Arena. Doch der "Lord of the Rings", wie der Grieche vor vielen Jahren aufgrund seiner beeindruckenden Titelsammlung getauft wurde, bekommt nun in gewisser Weise Konkurrenz.

Mit dem US-Amerikaner Chase Fieler ist mittlerweile ein neuer "Titelhamster" in Bamberg gelandet. Der 28-Jährige schaffte das Kunststück, in seinen ersten fünf Jahren in Europa mit drei verschiedenen Klubs fünfmal die nationale Meisterschaft zu gewinnen. Da scheint "Herr der Ringe" als Spitzname doch nur folgerichtig? "Ich muss zugeben, dass das tatsächlich nicht der schlechteste Spitzname wäre", sagt Fieler mit einem etwas verlegenen Grinsen.

Doch nicht nur wegen seiner Titelsammlung scheint der Spitzname für den Power Forward zutreffend zu sein. Fieler gilt als sehr athletisch und liebt es, über Ringniveau abzuschließen. Den wichtigsten Ring berührte Fieler vor wenigen Jahren, als er seiner Frau Whitney bei der Trauung die ewige Treue schwor.

1.Der Herr der Ringe: Der Titelhamster

Mitte Februar dieses Jahres, kurz vor der coronabedingten Zwangspause, trafen die beiden Titelsammler, Nikos Zisis und Chase Fieler, im direkten Duell im griechischen Pokalfinale aufeinander: AEK Athen gegen Promitheas Patras. Zisis war erst wenige Wochen zuvor zu seinem Jugendverein nach Athen zurückgekehrt, Fieler verschlug es in seinem sechsten Profijahr in die Hafenstadt in den Westen Griechenlands.

Die Big Points gelangen im Finale Athen - und vor allem Zisis, der AEK mit elf Punkten zum 61:57-Sieg führte. "Er hatte großen Anteil daran, dass AEK am Ende den Pokal gewonnen hat. Er hat seine besten Aktionen am Ende des Spiels gebracht. Da sieht man, was er für eine Erfahrung besitzt. Er hat Großes in seiner Karriere erreicht", sagt Fieler über Zisis. Für den US-Amerikaner war die Spielzeit 2019/20 letztlich seine erste Saison als Profi, in der er titellos blieb. Eine Play-off-Serie verloren hat er indes aber auch noch nicht, da die Saison in Griechenland coronabedingt vor der heißen Saisonphase abgebrochen werden musste. Patras stand zu dem Zeitpunkt auf Platz 4 der Tabelle. "Ich hätte die Saison gerne beendet und gesehen, ob es für meine sechste Meisterschaft gereicht hätte. Wir haben Panathinaikos Athen immerhin aus dem Pokal geworfen", sagt Fieler, der im Februar am griechischen All-Star-Game teilnahm.

Begonnen hat die Europareise des Power Forwards 2014 in Spanien. Mit Club Ourense marschierte Fieler überraschend durch die Play-offs der spanischen 2. Liga. Der kleine Klub aus Galicien schaffte nach 14 Jahren wieder den sportlichen Aufstieg in die ACB, konnte aber letztlich die hohen Auflagen der Liga nicht erfüllen. Fieler wechselte trotzdem in ein Oberhaus - in die Niederlande. Mit Donar Groningen gewann er in den zwei folgenden Jahren zweimal die Meisterschaft. 2017 machte er den nächsten Schritt auf seiner Karriereleiter und verabschiedete sich als Play-off-MVP (13,7 Punkte pro Spiel) ins Nachbarland Belgien. Dort spielte er mit BC Ostende erstmals in der Champions League - und seine nationale Titelserie hielt an. Zweimal hatte Antwerpen um den Bamberger Ex-Coach Roel Moors im Finale das Nachsehen gegen Ostende.

Egal wo Fieler auch aktiv war, in der entscheidenden Saisonphase schien er mit seinen Mannschaften nahezu unschlagbar zu sein. "Ein Erfolgsgeheimnis habe ich nicht. Ich hatte in erster Linie einfach Glück, dass ich Teil guter Teams war. Wichtig für mich ist Beständigkeit. Dass man jeden Tag aufs Neue auf ein Ziel hinarbeitet und sein Bestes gibt und nicht einfach in den Tag hinein lebt." Die passenden Charaktere für eine erfolgreiche Saison sieht er auch in Bamberg gegeben. "Der Coach und das Management haben einen tollen Job gemacht, Spieler zusammenzubringen, die den Teamgedanken leben und nicht ständig Eins-gegen-Eins spielen wollen. Das macht das Zusammenwachsen viel einfacher." Der 28-Jährige wisse, dass die Titeljagd in Deutschland schwierig werde, gibt sich aber kämpferisch. "Alba und Bayern sind die großen Favoriten. Aber Bamberg hatte diese Position auch mal inne, und das ist noch gar nicht so lange her. Wenn ich unser Team so anschaue, sollten wir uns schon hohe Ziele setzen."

2.Der Herr der Ringe: Der Ausnahmeathlet

Hoch hinaus ging es für die Eagles, der Basketball-Mannschaft der Florida Gulf Coast University, im Jahr 2013. Der Außenseiter zog überraschend ins "Sweet Sixteen" der US-Collegemeisterschaften ein. In der Runde der letzten 64 schaltete "Florida Dunk Coast", wie das Team aufgrund seiner spektakulären Spielweise getauft wurde, mit Georgetown einen der Topfavoriten aus (78:68).

Für die Vorentscheidung sorgte zwei Minuten vor Spielende ein krachender Alley-Oop. Florida befreite sich mit zwei schnellen Pässen aus der Pressverteidigung, Point Guard Brett Comer warf den Ball in die Luft, und Chase Fieler hämmerte das Spielgerät mit einer Hand durch den Korb. Die Halle stand Kopf, das Netz die Tage danach auch. Mehr als eine halbe Million mal wurde diese Spielsequenz bei YouTube abgerufen. "Wenn man die Rahmenbedingungen miteinbezieht, war es sicher die beste Aktion meiner Karriere. Aber der Spielzug an sich war für uns nichts Ungewöhnliches, der hat bereits zuvor mehrmals in der Saison funktioniert", erklärt Fieler.

Würde er sich diesen Alley-Oop auch heute, sieben Jahre später, noch zutrauen? "Ich glaube schon und hoffe, dass ich das in Bamberg beweisen kann. Ich liebe es einfach, zu rennen und Transition-Basketball zu spielen." Fielers zweite Stärke ist der Dreipunktewurf. 49 Prozent seiner Versuche traf er in der vergangenen Spielzeit in Griechenland. Dunk oder Dreier ist dann also die Frage. So ganz festlegen möchte sich der US-Amerikaner nicht. "Ein Dreier gibt uns einen Punkt mehr auf der Anzeigetafel, was im ersten Moment wichtiger ist. Aber ein Dunk ist quasi auch drei Punkte wert: zwei für das Scoreboard und einen für die Fans. Ein Dunk kann das Publikum aufwecken und so ein Spiel drehen."

3.Der Herr der Ringe: Der Familienvater

Im Sommer 2018 heiratete Chase Fieler seine langjährige Partnerin Whitney. Während Chase sich auf der Florida Gulf Coast University einen Namen als Basketballer machte, glänzte Whitney im Volleyballteam. "Sie war auch eine Saison in Holland als Halbprofi aktiv. Sie liebt jeglichen Sport und kann es kaum noch erwarten, bis unsere Spiele beginnen. Sie will unbedingt dabei sein und hofft daher, dass Zuschauer bei den Spielen erlaubt sein werden", so Fieler.

Beim Interviewtermin dabei war auch sein zweieinhalbjähriger Sohn Daxton, der während des Interviews immer wieder um die Aufmerksamkeit seines Dads buhlte. "Er versucht schon, zu passen und zu dribbeln. Aber ich glaube, am meisten Spaß macht ihm aktuell Golf", erzählt er grinsend. Spaß macht dem Ehepaar derweil, neue Städte und Länder zu erkunden. "Wir lieben Sightseeing, sehen uns gerne historische Gebäude oder Burgen an. Wir wollen möglichst viel von der Kultur, wo ich gerade spiele, aufsaugen und uns so gut wie möglich integrieren."

Und das Weltkulturerbe scheint bei der jungen Familie gut anzukommen. "Meine Frau genießt es, durch die Innenstadt zu laufen. Sie meint, es wäre die schönste Stadt, in der wir bisher waren." Und von einigen heimischen "Kulturgütern" hat der 28-Jährige bereits Kenntnis genommen. "Rauchbier! Das müssen wir auf jeden Fall probieren."

Zur Person: Chase Fieler

Der Weg zum Basketball Chase Fieler wurde am 10. Juni 1992 in Las Vegas geboren. Aufgewachsen ist er aber gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Schwester in einer ländlich geprägten Gegend im Bundesstaat West Virginia. "Wenn du auf einer kleinen Schule bist, wirst du in alle möglichen Sportkurse gesteckt, da hast du keine große Wahl. Ich habe Volleyball gespielt, bin geschwommen und dann Basketball, Baseball und American Football. Talent hatte ich wohl mehr im Football, aber Basketball habe ich einfach am liebsten gespielt und mich dann mit 13 Jahren entschieden, dabei zu bleiben." Sprachen Guten Tag sagen und zählen - das kann Fieler bereits in Deutsch. Beim Niederländisch ist er weiter. "Das kann ich zwar nicht fließend sprechen, aber verstehe alles." Das machte sich Fieler, der sich als lockeren Typen, der gerne Späße macht, bezeichnet, auch bei den Vertragsgesprächen mit Coach Johan Roijakkers zunutze. "Ich habe ihn am Telefon einige Male verwirrt, als ich plötzlich auf Niederländisch geantwortet habe."