Leo De Rycke hat sein Idyll gefunden. "Ich liebe die Natur und mag es, beim Joggen oder Radfahren auch mal 20 Kilometer keinen Menschen zu sehen", sagt der Sportdirektor von Brose Bamberg. Der 55-Jährige verbrachte die spielfreie Zeit bis auf einen kurzen Abstecher in seine belgische Heimat in seiner Wahlheimat Strullendorf. In diesen Tagen wird aber wieder etwas mehr Leben in die 8000 Einwohner zählende Gemeinde südlich von Bamberg kommen.

Denn die Bundesliga-Basketballer dürfen ab kommenden Samstag unter strengen Auflagen wieder individuell im Strullendorfer Basketball-Center trainieren. Die Bedingungen werden dabei ein wenig an eine Einheit der U10 erinnern. Jeder Spieler hat seinen eigenen Ball dabei und für Körperkontakt ist die Zeit noch nicht reif. Was für die Handballer im Training das Harz ist, ist für die Basketballer, und natürlich nicht nur für die, das Desinfektionsmittel.

Vorfreude auf Basketball wächst

Doch so besonders die Trainingsbedingungen auch sind, für De Rycke, der früher selbst Profi in Belgien war, sind fliegende Basketbälle nach einer solch langen Pause ein Glücksgefühl. "Ich freue mich sehr, dass es bald wieder losgehen könnte. Sich zu Hause mal wieder aktuelle Spiele anzuschauen und sich darüber mit Spieleragenten auszutauschen, das fehlt mir", sagt De Rycke. Wenn für die Basketball-Bundesliga (BBL) und die Klubs alles nach Plan läuft, wird der Belgier ab Anfang Juni Basketball satt zu sehen bekommen - im Audi Dome und am PC im Münchner "Quarantäne-Hotel". Ab dem ersten Juni-Wochenende will die BBL in einem Turniermodus innerhalb von drei Wochen in München ohne Zuschauer ihren Meister küren.

Die Entscheidung des Bamberger Aufsichtsrates, an dem Turnier teilzunehmen, unterstützt De Rycke voll. "Brose Bamberg ist international immer noch ein großer Name. So ein Verein kann nicht sagen, er macht nicht mit, wenn es um eine deutsche Meisterschaft geht."

Die zehn Anwärter auf die Meisterschaft sind auf zwei Gruppen aufgeteilt und spielen dort im Modus "Jeder-gegen-Jeden" die acht Plätze für das Viertelfinale aus. Dieses und das Halbfinale sowie Finale werden in Hin- und Rückspielen ausgetragen. "Das Format finde ich sehr interessant, da es Außenseitern eine größere Chance gibt, einen Titel zu holen", äußerte sich der Bamberger Power Forward Christian Sengfelder im ZDF-Sportstudio. "Mich erinnert der Modus ein bisschen an eine Europameisterschaft. Das Flair wird ähnlich sein: man ist viel im Hotel und in der Halle."

Die Bamberger sind in Gruppe B eingeteilt und bekommen es dort mit den MHP Riesen Ludwigsburg, Alba Berlin, Rasta Vechta und den Fraport Skyliners zu tun . Für eine Zielsetzung oder Gegneranalysen sei es laut De Rycke aber noch zu früh. "Wir wissen ja im Moment noch nicht, welche Spieler bei den Gegnern auflaufen werden."

Und, ob überhaupt aufgelaufen werden darf. Die BBL hat ihr Hygiene- und Sicherheitskonzept Ende vergangener Woche bei den Behörden eingereicht, den Klubs am Montag bei einer Videositzung vorgestellt und hofft in den nächsten Tagen auf grünes Licht. Bis kommenden Montag müsste dieses spätestens aufleuchten, um den Zeitplan nicht zu gefährden.

Geben die Behörden und Politik ihr "Ok", werden De Rycke und die anderen Bamberger Verantwortlichen alle Hebel in Bewegung setzen, um die Akteure, die aktuell in den USA weilen, zügig zurückzuholen.

Bei den Spielern herrsche zwar aufgrund der Ein- und Ausreisemodalitäten sowie des bis vor wenigen Tagen noch nicht im Detail bekannten Sicherheitskonzeptes eine gewisse Skepsis, so De Rycke, doch zu einer Rückkehr sind alle Spieler mit noch gültigem Vertrag bereit. Dabei handelt es sich um das Trio Paris Lee, Kameron Taylor und Tré McLean. "Die Idee, die Saison fortzusetzen, finde ich in Ordnung. Aber wir brauchen natürlich etwas Zeit, um uns vorzubereiten", sagte Paris Lee kürzlich in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.

In seiner Heimat in der Nähe von Chicago hat der Point Guard seit einigen Wochen die Möglichkeit, individuell in einer Halle zu trainieren. "Nach zwei Monaten ohne Mannschaftstraining wird die Umstellung trotzdem schwierig. Der Körper ist ja nicht von heute auf morgen in Wettkampfverfassung. Es könnte hart werden, speziell für ältere Spieler, aber ich bin ja noch jung...", sagt Lee, der Ende April 25 Jahre alt wurde.

Crawford steht vor Rückkehr

Aus dem potenziellen Rückkehrer-Trio könnte auch ein Quartett werden. Der Vertrag von Jordan Crawford wurde zwar Ende Februar aufgelöst, soll nun aber erneuert werden. "Der Vorteil bei Jordan ist, dass er kaum Eingewöhnungszeit braucht. Das hat er das letzte Mal bei uns eindrucksvoll unter Beweis gestellt, nachdem er zuvor neun Monate nicht gespielt hat", sagt De Rycke. Dass der 294-fache NBA-Spieler der lange gesuchte Unterschiedsspieler für Brose sein kann, unterstrich der 31-Jährige beim Gastspiel in Würzburg. Crawford führte die Bamberger Anfang März, beim bis dato letzten Pflichtspiel, mit 23 Punkten zum ungemein wichtigen 95:77-Erfolg.

Eine Rückkehr von Darion Atkins sei dagegen nicht vorgesehen, da die sechs Ausländerstellen mit Kameron Taylor, Lee, McLean, Crawford und Retin Obasohan sowie Assem Marei, die in Bamberg geblieben sind, besetzt wären.

Fehlen würden Brose-Trainer Roel Moors beim Play-off-Turnier in München hingegen zwei Spieler mit deutschem Pass: Bryce Taylor und Louis Olinde. Taylor wurde Ende Februar an der Achillessehne operiert. "Seine Reha läuft zwar gut, aber ihm im Juni dieses Pensum mit möglichen zehn Spielen zuzumuten, wäre nicht vernünftig", sagt De Rycke. Olinde, dessen Vertrag im Juni ausläuft, muss aufgrund einer Schulterverletzung für das Saisonfinale passen.

Mehr Verantwortung kommt deshalb auf die verbliebenen deutschen Rotationsspieler Christian Sengfelder, Nelson Weidemann, Mateo Seric und nicht zuletzt Kapitän Elias Harris zu. Ob er das auch bleibt, nachdem er als einziger Bamberger Akteur vorübergehend nicht auf die Hälfte seines Gehalts verzichtete und sich den öffentlichen Unmut des Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Stoschek zuzog? De Rycke: "Ja. Elias bleibt ein wichtiger Ansprechpartner für unsere Spieler. Mir gegenüber hat er sich immer korrekt verhalten, ich sehe da kein Problem."

Keine Nachverpflichtung geplant

Probleme haben dagegen andere Vereine, ihren Kader aufzufüllen. So müssen die Crailsheim Merlins etwa mit Quincy Ford, Jan Span und Aaron Jones auf mindestens drei Leistungsträger verzichten. Kompensieren sollen das Marvin Ogunsipe (Hamburg) und David Brembly (MBC), die am Montag neu verpflichtet wurden. Auch Bamberg könnte zwei neue Spieler unter Vertrag nehmen, wird davon aber - so lange kein weiterer Spieler ausfällt und Stand heute - keinen Gebrauch machen, so De Rycke. Stattdessen sind die Doppellizenzspieler Marvin Heckel, Daniel Keppeler und Moritz Plescher für die offenen Kaderplätze vorgesehen.