Bei Brose Bamberg ist die Ära Andrea Trinchieri zu Ende. Wie der Basketball-Bundesligist am Montagabend (19. Februar 2018) bestätigte, ist der Italiener nicht länger Headcoach beim kriselnden Serienmeister aus Oberfranken.

"Andrea Trinchieri hat in den letzten drei Jahren sehr viel für den Bamberger Basketball getan. Nach dem schlechten Jahr 2014 hat er uns in die Erfolgsspur zurückgeführt. Dafür sind wir ihm sehr dankbar", wird Geschäftsführer Rolf Beyer in einer Vereinsmitteilung zitiert. Doch die Erfolge der Vergangenheit halfen Trinchieri in der aktuellen Situation auch nichts mehr. Angesichts der gegenwärtigen Krise - der deutsche Serienmeister droht, die Playoffs zu verpassen und holte aus den vergangenen 15 Spielen lediglich drei Siege - zog der Verein nun offenbar die Reißleine. Trinchieris Entlassung hatte sich am Wochenende bereits angedeutet, die Brose-Verantwortlichen waren der blamablen Niederlage am Freitag gegen Jena zu mehreren Krisensitzungen zusammen gekommen.

Am Montagnachmittag verkündete der italienische Trainer bereits selbst seinen Abschied vom neunfachen deutschen Meister. Auf seinem Twitter-Account schrieb der 49-Jährige: "Es war ein guter Lauf. Vielen Dank allen, die dies alles wahr werden ließen, viel Glück!!! Tschüss..."

Trinchieri war vor der Saison 2014/15 zu Brose Bamberg gewechselt und dort Nachfolger von Chris Fleming geworden. Der 49-Jährige führte die Bamberger in drei Jahren zu drei Meistertiteln. Doch in dieser Saison läuft es nicht bei den Bambergern. Trinchieri fehlte wochenlang wegen einer Schulteroperation. Für Trinchieri stand dessen griechischer Assistenztrainer Ilias Kantzouris an der Seitenlinie stehen, der nun auch bis auf weiteres die Aufgaben Trinchieris übernimmt.


Vertrag wurde im Sommer noch verlängert

Im Sommer hatte Trinchieri seinen Vertrag noch bis 2019 verlängert. Der ursprüngliche Vertrag wäre nach dieser Saison ausgelaufen. Trinchieri begann seine Trainerlaufbahn 1998 als Assistant Coach bei Olimpia Milano und übernahm 2004 mit Vanoli Basket Cremona zum ersten Mal ein Team als Chefcoach. Nach einem Jahr beim russischen Team Unics Kasan wechselte der ehemalige griechische Nationaltrainer nach Oberfranken.

Nicht nur mit taktischen Finessen machte sich Trinchieri einen Namen, vor allem auch mit seiner blumigen Sprache erlangte er in Basketball-Deutschland auf Anhieb Kultstatus. Die Pressekonferenzen mit Trinchieri hatten einen hohen Unterhaltungswert. "Sehr sehr fordernd, gerade raus, leidenschaftlich, kreativ - aber auch wählerisch, manchmal etwas cholerisch und viel zu sensibel", so beschrieb sich der Italiener einmal selbst. Als größten persönlichen Erfolg stuft Trinchieri in dem Porträt auf der Brose-Homepage den "nächsten" ein. Den wird er aber nicht mehr mit den Bambergern feiern.

Der deutsche Meister steckt gegenwärtig mitten in einer Krise. Dass nach dem Abgang vieler Leistungsträger im vergangenen Sommer beim Neuaufbau eine schwierige Saison anstehen würde, war den Verantwortlichen bewusst. Dass die große Ära aber mit einem krachenden Aus vor den Playoffs enden könnte, hatten sie nicht befürchtet.


Ein Kommentar von Sportredakteur Klaus Groh

Der Perfektionist ist gescheitert
In Bayreuth hat er mit seiner überzogenen Kritik an einigen Spielern Grenzen überschritten, die Niederlage in Bonn war eine Bankrotterklärung und mit der Pleite in Jena folgte der Offenbarungseid: Meistermacher Andrea Trinchieri ist nach drei traumhaften Jahren im vierten Anlauf kläglich gescheitert, wieder eine Meistermannschaft zu formen. Der leblose Auftritt seines Teams in Jena zeigte offenkundig, dass er seine Jungs nicht mehr erreicht und sie größtenteils auch nicht mehr bereit sind, ihm zu folgen.

Im Sommer kehrten die wichtigsten Leistungsträger Freak City den Rücken, weil sie in Bamberg endgültig die Reifeprüfung abgelegt hatten und folgerichtig in der NBA oder bei europäischen Topklubs nach neuen Herausforderungen suchten. Es war aber nicht nur die sportliche Perspektive, vielleicht mit Fenerbahce Istanbul, Olympiakos Piräus oder Real Madrid einen Euroleague-Titel zu feiern, sondern teilweise auch der Stress im System Trinchieri, dem sich Nicolo Melli, Janis Strelnieks oder Fabien Causeur nicht länger aussetzen wollten.

Und auch der Wechsel von Sportdirektor Daniele Baiesi, der viele entwicklungsfähige Spieler nach Bamberg gelotst hatte, zum Erzrivalen nach München hing zu einem großen Teil mit den unterschiedlichen Auffassungen der anfangs dick befreundeten Italiener zusammen.
Die Rekrutierung der neuen Mannschaft lag somit in den Händen von Trinchieri, der vor allem auf erfahrene Spieler setzte, die allerdings zum Teil ihren Zenit bereits überschritten und sich zudem die Saison zuvor mit größeren Verletzungen herumplagen mussten. Der als Königstransfer verkaufte Quincy Miller erwies sich als Flop. Und sein Nachfolger Dorell Wright findet sich nach vielen Jahren in der NBA bis heute nicht mit der physischen Spielweise in Europa zurecht.

Trotz der inzwischen eingeräumten Fehler in der Einkaufspolitik ist in diesem Kader Potenzial vorhanden, doch der Maestro an der Seitenlinie schaffte es im Gegensatz zu den glanzvollen Vorjahren nicht, eine Mannschaft zu formen, die den Ansprüchen in Bamberg gerecht wird. Der Team-Basketball, der die erfolgsverwöhnten Fans in den Meisterjahren von den Sitzen gerissen hatte, wurde schmerzlich vermisst. Und mit ihm und dem zweifelsfrei vorhandenen Verletzungspech, gingen auch die Souveränität und die Dominanz in der Liga verloren. Mittlerweile hat keiner mehr Angst vor Brose Bamberg - im Gegenteil: Selbst Mannschaften aus dem letzten Drittel der Tabelle treten mit großem Selbstbewusstsein gegen den strauchelnden Meister an und belohnen sich dafür mit berauschenden Siegen.