"Manchmal werde ich sehr wütend, das ist eine meiner Schwächen", sagt Assem Marei im Gespräch. Kaum zu glauben, wenn man dem Riesen erstmals begegnet. Freundlich, aufgeschlossen, mit perfektem Englisch tritt der 27-jährige Center auf, der in den nächsten beiden Spielzeiten für Brose Bamberg unter den Brettern aufräumen soll.

Der 2,06 Meter große Ägypter wirkt geerdet. Wenn er jedoch auf dem Basketball-Parkett unterwegs ist, kann der bärtige Athlet, die langen Haare mit einem Zopf gebändigt, zum Tier werden. Seine kämpferische Einstellung brachte den jungen Assem schon früh in die Welt hinaus. Nicht nur mit der Jugend-Nationalmannschaft, für die er schon bald spielte. Im Jahr 2011 schickten ihn seine Eltern in die USA ans College nach Minnesota.

"Ein Grund war auch, dass Ägypten während des arabischen Frühlings nicht gerade sicher war", sagt Marei. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Center bereits in der ersten Liga seines Heimatlandes und für die Herren-Nationalmannschaft gespielt. Nach jedem Jahr am College bekam Marei gute Angebote aus der heimischen Liga. "Doch meine Eltern sagten: Ägypten ist zu instabil. Bleib besser im Ausland. Ich denke, das war die beste Entscheidung."

In den USA lernte er seine Fraue kennen

So verbrachte er drei Jahre in den Staaten an der Minnesota State University in Mankato. Neben dem Abschluss in Kommunikation sorgte er auch auf dem Spielfeld für Furore und trug sich in die Annalen der Uni mit Bestwerten ein. Darüber hinaus lernte er dort auch seine Frau kennen. Die Amerikanerin blieb fortan an seiner Seite, also auch bei seinen folgenden Profistationen in Siauliai (Litauen), Bayreuth, Izmir und nun Bamberg. "Im nächsten Monat werden wir Eltern", sagt Marei und strahlt. "Ich freue mich darauf, und wieder zurück in Franconia zu sein."

Sein Dienstantritt in Bamberg verzögerte sich allerdings um einige Wochen. "Da ich aus Ägypten kam, gab es mit dem Visum und den Behörden dort Probleme, die sehr lange dauerten. In den Jahren zuvor kam ich aus den USA oder anderen Ländern, da ging das innerhalb von wenigen Tagen, bis ich ein Visum bekam. Das war ein Albtraum", ärgert sich der 27-Jährige, der in Kairo auf gepackten Koffern ausharren musste und wichtige Tage in der Vorbereitung mit seinem neuen Team verpasste.

Aus einer Basketball-Familie

Der Basketball wurde Marei förmlich in die Wiege gelegt. "Meine ganze Familie hat Basketball gespielt. Meine Mutter, mein Bruder und mein Vater, der sehr erfolgreich war. Er spielte 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles für Ägypten und ist noch als Coach tätig, im letzten Jahr in Dubai und in diesem wieder in Ägypten. Er trainierte auch das Nationalteam. 2015 war er dort auch mein Coach. Das war eine lustige Erfahrung", sagt Marei. Es habe aber zu Hause wie auf dem Feld manch verbale Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn gegeben, blickt Marei auf seine Sturm-und-Drang-Phase als Spieler zurück.

Zweifellos hatte Mareis Vater einen großen Einfluss auf dessen Entwicklung. "Er ist ein Vorbild für mich, hat mir sehr geholfen", weiß der Neu-Bamberger, wem er seine erfolgreiche Karriere mit zu verdanken hat. Weltmeisterschaftsteilnahme mit der U19, erfolgreiche Spiele bei den Afrika-Meisterschaften, die 2015 mit dem Gewinn der Silbermedaille belohnt wurde. Marei kann sich durchaus vorstellen, selbst als Trainer zu arbeiten, "falls ich mit einem Abschluss in Kommunikation nichts finde", sagt er.

WM-Qualifikation mit Ägympten verpasst

Auch in den vergangenen beiden Jahren trug Marei das ägyptische Nationaltrikot bei WM-Qualifikationsspielen. "Leider haben wir ein paar wichtige Heimspiele verloren und dadurch die WM in China verpasst." Im Februar 2020 erwartet ihn wohl wieder eine Einladung aus Ägypten, um Qualifikationsspiele für sein Heimatland zu bestreiten.

Bis dahin will der Center im besten Basketballer-Alter mit Bamberg eine erfolgreiche Saison bestreiten. Seinen neuen Trainer Roel Moors hat er als einen sehr cleveren Coach kennengelernt. "Ruhig, bisher jedenfalls, es ist ja erst früh in der Saison", sagt er und grinst in der Erwartung, dass der Belgier durchaus auch laut werden kann. "Er gibt mir die Infos, die ich brauche", fügt er an.

In der "jungen Gruppe", wie er seine neue Mannschaft bezeichnet, zählt er mit 27 schon zu den Erfahrenen. "Ich will dem Team mit meiner Energie helfen, im Rebound, eine meiner Stärken, will der Motor der Mannschaft sein", sagt der Center, der auch über gute Pass- und Scorerqualitäten verfügt, wie er im vergangenen Jahr in Izmir mit knapp zwei Assists und 18 Punkten pro Spiel bewies. "Ich möchte ein guter Teamkollege sein, in einer Mannschaft mit vielen jungen, hungrigen Kerlen, die sich beweisen wollen."

Vorschusslorbeeren von De Rycke

Von seinem Brose-Sportdirektor Leo De Rycke erhält der Ägypter auch Vorschusslorbeeren: "Assem hatte eine fantastische Saison in der Türkei und im Europe-Cup. Er bringt alles mit, was es braucht: Rebounding, Präsenz auf dem Court, unglaubliche Arbeitseinstellung, einen tollen Charakter. Die Fans werden ihn lieben."

Identität schaffen und wahren

Für den so gelobten Center stehen aber andere Dinge als persönliche Statistikwerte im Vordergrund. Ein wichtiges Ziel mit der Mannschaft sei, eine Identität als ein hart, mit Energie und Leidenschaft spielendes Team zu entwickeln und diese über die gesamte Saison zu halten. "Wenn wir das schaffen, ist es okay. Wir werden nicht als großartige Spieler auflaufen, aber als richtig gute, und damit viele Gegner ärgern. Und natürlich wollen wir so viele Spiele wie möglich gewinnen."

Verbesserungsmöglichkeiten in seinem Spiel sieht der Center - neben der Kontrolle seiner Emotionen - vor allem im Wurf. 60 Prozent Freiwurfquote erinnern die Bamberger Fans eher an Chris Ensminger im Jahr 2005. "Ich kann in Bamberg mit Stefan Weissenböck an meinem Wurf arbeiten. Er hat mir schon jetzt sehr geholfen, besser zu werden."

Ein herausragender Werfer wie sein Vorbild, der Spanier Pau Gasol, wird Marei wohl nicht mehr werden. Mit dem Alter, und sicher auch, wenn er in wenigen Wochen Papa wird, wird der 27-Jährige sicher ruhiger und seine Emotionen kontrollieren können.

Assem Marei im Steckbrief

Geboren am 16. Juni 1992 in Gizeh/Ägypten Größe/Gewicht 2,06 Meter/113 Kilogramm Vertrag bis 2021 Trikotnummer 50 Position Center Statistiken 2018/19 17,9 Punkte, 9,9 Rebounds, 1,8 Assists im Schnitt in 28,8 Minuten; 63 % Feldwurfquote, Freiwurfquote 61 % Bisherige Vereine KK Siauliai (Litauen, 2015/16), Medi Bayreuth (2016 - 18), Pinar Karsiyaka Izmir (2018/ 19)