Was haben ein Knie, ein Fußball und 24 Fenster gemeinsam? Klare Antwort: Gute Nachbarn! Und die sind "besser als gute Verwandte", zitierte Bürgermeister Wolfgang Metzner (SPD) ein armenisches Sprichwort und erklärte es sogleich: "Wenn ich etwas dringend brauche, dann ist es der Nachbar, der gleich da ist und mir helfen kann - und nicht der Verwandte." Der gute Nachbar sei eben hilfsbereit und dabei nicht aufdringlich: "Solche Nachbarn wünschen wir uns alle", meinte Metzner.

Dicht gedrängt standen die Besucher am Samstagvormittag im Quartierbüro Bamberg-Mitte am Graf-Stauffenberg-Platz, um den Abschluss und Höhepunkt der Aktion "Gute Nachbarschaft" zu erleben. Verschiedene Einrichtungen unter dem Dach der Stadt Bamberg hatten sie im vergangenen Jahr ins Leben gerufen, um nachbarschaftliche Solidarität und das Zusammenleben zu fördern.
Die pfiffigen Plakate und Postkarten, die der Bamberger Cartoonist Marc Buchner zum Thema Nachbarschaft kreiert hatte, begegneten einem allerorten: in Cafés, in Begegnungsstätten, im heimischen Briefkasten.


Gegenseitige Hilfe wird wichtiger

Im Namen der Initiatoren dankte Wolfgang Budde, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der älteren Bürger Bambergs, allen für die rege Beteiligung. Budde nannte Stichworte wie "demografische Entwicklung", oder "ambulant vor stationär", um die zunehmende Wichtigkeit von funktionierender Nachbarschaft zu unterstreichen. Allerdings müsse eine gute Nachbarschaft auch gepflegt werden, damit sie wachsen könne.

Und dass eine solche Pflege keineswegs nur die Erwachsenen leisten, haben Jomina (12) und ihr Bruder Lenny (10) sowie ihre gemeinsame Freundin Lindona (12) unter Beweis gestellt. Die drei Kinder eroberten sich mit Buntstiftzeichnungen einen Platz auf dem Siegerpodest: Zur Aktion gehörte nämlich auch ein Wettbewerb um die besten Nachbarschaftsgeschichten, die geschrieben, vertont oder gemalt sein durften. Jomina, Lenny und Lindona haben als einzige Bewerber Bilder eingereicht.

"Da bekommt man Lust auf Nachbarschaft!", lachte Stefanie Hahn, Seniorenbeauftragte der Stadt Bamberg, als sie dem entzückten Publikum die Kunstwerke präsentierte. Die jungen Zeichner sind aber nicht nur musisch begabt, sondern auch flott im Rechnen. Wie teilen sich drei Leute 200 Euro Preisgeld? "Wir teilen durch vier, 50 Euro bekommt das Haus!", sagte Lenny flugs.


Miteinander ist Programm

Das beschenkte Haus ist das "Haus Miteinander" in Gaustadt, das die Joseph-Stiftung (Wohnungsunternehmen des Erzbistums Bamberg) mit einem Stützpunkt des Caritasverbandes als Projektpartner und mit einem Nachbarschaftstreff errichtet hat. Der Name "Miteinander" ist Programm, denn in den 29 Wohnungen leben Menschen jeden Alters: "Unsere Mama kauft für die Neunzigjährige ein", erzählt Lenny. Und Fußball spielen dürfe er auch mit seinen Freunden, "keiner schimpft da", freute sich der Bub.

Freude herrschte auch bei den beiden weiteren Gewinnern des Wettbewerbs, die ebenfalls jeweils 200 Euro Siegerprämie einstreichen konnten. Seniorenbeauftragte Hahn hatte deren berührende Nachbarschaftsgeschichten vorgelesen. Die Gaustadterin Natascha Wiede überzeugte mit ihrer Schilderung über eine ältere Frau, die bei einem Fahrradunfall schwer am Knie verletzt und bis zur Genesung liebevoll von den Nachbarn versorgt wurde.


Zwanglos ins Gespräch kommen

Der Vorstand des Bürgervereins am Bruderwald punktete mit einem Bericht über die Adventsfenster-Aktion im Wohngebiet rund um die Philippus-Kirche. Seit 20 Jahren öffnen nun Familien und Hausgemeinschaften an jedem Abend im Advent ein geschmücktes Fenster mit Datum. Hinter jedem "Türchen" verbirgt sich eine Überraschung, über die auch neue Nachbarn zwanglos ins Gespräch kommen: bei Naschereien, Glühwein und alkoholfreien Punsch.

Für den Bürgerverein nahmen Helmut Gebhardt und Jutta Heitzer-Deeg den symbolischen Scheck und die bare Münze im Umschlag entgegen.


Die Siegergeschichte "Vollkommen genesen"

Natascha Wiede aus Gaustadt hat mit dieser Geschichte die Jury überzeugt:

Zum Thema "Gute Nachbarschaft" habe ich eine Geschichte zu erzählen, die sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft im letzten Jahr zugetragen hat. Eine ältere Nachbarin (über 70) wurde in unserer Straße auf ihrem Fahrrad von einem Auto erfasst und brach sich das Knie. Sofort nach dem Unfall waren natürlich Nachbarn zur Stelle, die sie mit Eisbeuteln versorgten, zum Arzt brachten und sich um das Fahrrad kümmerten.

Die Diagnose lautete: Auf Grund der Vorerkrankung des Knies ist dieses nicht mehr zu retten, ein künstliches Kniegelenk muss her. Wegen einer Metallunverträglichkeit wurde dieser Gedanke wieder verworfen und nun doch auf einen konservativen, sehr langfristigen Heilungsprozess gesetzt. Da der Sohn der Nachbarin in München wohnt und beruflich so eingebunden ist, dass er nicht häufig hier sein konnte, haben sich einige Nachbarfamilien zusammengetan und die Versorgung der Patientin über Monate übernommen.

Es gab eine Rufbereitschaft, jeder hat bei seinem Essen reihum eine Portion mehr gekocht und zur Nachbarin gebracht. Vom Kuchen wurde ein Stück abgegeben, aus dem geliebten Garten, der nicht mehr aufgesucht werden konnte, wurde ein schöner Blumenstrauß gepflückt, es wurden die Einkäufe erledigt und viele Male einfach nur geredet.

Zusätzlich zur professionell organisierten aber zeitlich sehr eingeschränkten Haushaltshilfe, die in erster Linie das Putzen und Waschen übernommen hat, wurde so ein Netz aus Fürsorge, Versorgung und so viel Liebe gewoben, dass das Knie inzwischen (trotz aller ärztlicher Bedenken) vollkommen genesen ist.

Unsere Nachbarin ist inzwischen überzeugt, dass ihr ohne ihre Nachbarschaft möglicherweise ein Umzug in ein Pflegeheim gedroht hätte, aus dem sie vielleicht nicht mehr herausgekommen wäre. Jetzt werkelt sie wieder in Haus und Garten, fährt in Urlaub und führt ihr übliches, selbstständiges, fröhliches Leben.

Persönlich war für mich die Zeit der Unterstützung meiner Nachbarin eine großartige Gelegenheit, mich für viele (unentgeltliche) Einsätze von ihr als Babysitterin, Gartengießerin, Haushüterin während Urlauben, Beraterin in Gartenfragen etc. erkenntlich zu zeigen.