Wenn Tanja in den Spiegel blickt, sieht sie dunkle Haare, ein offenes Gesicht und einen großen Busen. Andere denken bei Frauen wie Tanja an hohe Stiefel, Netzstrümpfe und sexuelle Hemmungslosigkeit. Einige haben Ausbeutung, perverse Freier und prügelnde Zuhälter im Sinn. Tanja ist 52 Jahre alt und lebt irgendwo in Bayern. Sie verdient ihr Geld, indem sie mit fremden Männern schläft. Tanja ist Prostituierte.

So vielfältig die Perspektiven auf Tanja sind, so vielfältig ist die Prostitution selbst. Es gibt Frauen, die in Clubs arbeiten oder Bordellen. Andere prostituieren sich auf dem Straßenstrich. Etwa sechs von zehn arbeiten in Bayern allerdings in Wohnungen. Das schätzt Bärbel Ahlborn von der Beratungsstelle "Kassandra" in Nürnberg.
Seit 2002 ist die Prostitution vom Makel der Sittenwidrigkeit befreit, und wer sie geschäftsmäßig fördert, macht sich nicht mehr länger strafbar. Die rot-grüne Bundesregierung gab den Frauen ferner das Recht, Honorare einzuklagen und erleichterte ihnen den Zugang in die sozialen Sicherungssysteme.

Deutschland - ein Eldorado für Bordellbesitzer und Freier?
Kritiker lasten dem Gesetz dagegen an, Deutschland in ein Eldorado für Bordellbesitzer und Freier verwandelt zu haben. Ahlborn teilt den Eindruck, dass in Franken seit einigen Jahren deutlich mehr Frauen als Prostituierte arbeiten. Rund 1300 Prostituierte hat die Polizei im Großraum Nürnberg im vergangenen Jahr kontrolliert. Das sind etwa 150 mehr als im Jahr zuvor.

Ahlborn führt diese Entwicklung indes weniger auf das Prostitutionsgesetz zurück als auf die Osterweiterung: "70 Prozent der Frauen haben hier einen Migrationshintergrund. Sie kommen aus Rumänien, Bulgarien oder Ungarn." Das wird deshalb zum Problem, weil ein steigendes Angebot bei etwa konstanter Nachfrage sinkende Preise bedeutet.

Ahlborn kennt Frauen, die für die Stunde nur noch 50 Euro verlangen. Einige ließen sich deshalb auch darauf ein, auf ein Kondom zu verzichten. Das ist nach den Buchstaben der Bayerischen Hygieneverordnung zwar verboten, in der Welt des käuflichen Sex einigen Männern aber allemal ein paar zusätzliche Euro wert.

Auch vor diesem Hintergrund werden immer wieder Forderungen laut, dem Beispiel Schwedens zu folgen und die Prostitution auch in Deutschland zu verbieten. Die Argumente kreisen dabei vor allem um die Vorstellung von Zwang. 90 Prozent der Prostituierten übten ihren Job unter Zwang aus. Das behauptet zumindest die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Wie sie zu den Zahlen kommt, hat sie bislang allerdings nicht erklärt.

Unabhängig davon ist "Zwang" aber schon seiner inhaltlichen Unschärfe wegen ein problematischer Begriff. Man sollte sich schon die Mühe machen und klar unterscheiden: zwischen Gewalt, Täuschung, Erpressung oder Menschenhandel auf der einen Seite. Das alles erfüllt den Tatbestand der Zwangsprostitution, die verboten ist und bleibt.

Sexuelles Begehren
Davon zu trennen ist die blanke Notwendigkeit, Geld zu verdienen und dafür seine Arbeitskraft einzutauschen.
Tanja zum Beispiel war 44 Jahre alt, als sie begann, gegen Geld mit anderen Männern zu schlafen. Zu Hause warteten vier Kinder, aber nach 23 Jahren Ehe kein Mann mehr. Ihre Arbeit als Kurierfahrerin, mit der sie die Familie ernähren musste, war anstrengend. Das Geld reichte trotzdem hinten und vorne nicht. In ihrer Freizeit besuchte Tanja damals regelmäßig Swingerclubs. Sie fand dort körperliche Nähe und das Gefühl, sexuell begehrt zu werden. Weil ihre erotischen Massagen vielen Männern gefielen, begann sie auf Wunsch der Betreiber, diese im Club gegen Geld anzubieten: "7,50 Euro pro Massage habe ich bekommen. Das Geld konnte ich gut gebrauchen."

Das Geld, aber auch ein bisschen der Spaß am Sex waren für Tanja die Gründe dafür, wenig später auf eine Annonce zu antworten und bei einer Agentur als Prostituierte anzufangen. 200 Euro mussten ihre Kunden für eine Stunde Tanja bezahlen. 90 Euro nahm die Agentur für Werbung und Vermittlung.
Tanja erinnert sich an schüchterne, "emotional verhungerte" Männer. Die auch mal reden und kuscheln wollten, aber am Ende ging es vor allem um Sex. Das Finanzamt wusste nichts von Tanjas Nebenverdienst. Brutto hieß netto: "Ich habe in vier Tagen genauso viel verdient wie in einem Monat als Kurierfahrerin", sagt Tanja.

Lebensfremder Vorschlag
Es ist vielleicht einfach so: Manche Frauen schlafen lieber für Geld mit fremden Männern, als abends nach der Arbeit noch putzen zu gehen. Es ist ihr Leben, es ist ihr Körper und es wäre dann auch ihre freie Entscheidung.
Und ja, Befriedigung verschaffe ihr die Arbeit auch: "Ich bin mollig und keine 20 mehr, und trotzdem bezahlen Männer Geld dafür, dass sie mit mir schlafen dürfen", sagt Tanja.

Forderungen, die Prostitution zu verbieten, empfindet Tanja deshalb in erster Linie als einen Anschlag auf ihre Berufsfreiheit. Lebensfremd seien sie zumal, weil die Nachfrage nach käuflichem Sex nicht über Nacht in sich zusammenbrechen würde. Wer etwas für Prostituiere tun wolle, solle sie stattdessen liebe dabei unterstützen, ihre Arbeit professionell ausüben zu können.

"Wie verwende ich ein Kondom? Wie verhalte ich mich, wenn ich meine Tage habe?", selbst das wüssten Prostituierte häufig nicht, sagt auch Bärbel Ahlborn. Bei "Kassandra" berät sie Prostituierte gerade auch in derlei Fragen. Das Bild, das Tanja dagegen von sich zeichnet, ist das einer stolzen Frau, die selbst bestimmen möchte, wie sie lebt und ihr Geld verdient.

Weder Ekel noch Scham
Sie hat sich viele Arbeitsplätze in der Prostitution angesehen - Wohnung, Escort, FKK-Club, Laufhaus - und sich dann entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen. Heute reist sie in Städte, um sich dort in Hotels mit ihren Kunden zu treffen. 150 Euro verlangt sie für eine Stunde.

Tanja scheint einen Weg gefunden zu haben, Prostituierte zu sein, ohne mit den dunkelsten Seiten des Geschäfts in Berührung zu kommen. Ekel und Scham kennt sie nicht. Sie hat gelernt, nicht alles zu machen, was die Kunden sich von ihr wünschen: "Man kann Nein sagen." Sie ist krankenversichert und sorgt privat für die Rente vor. Ihre Kinder wissen längst Bescheid. Sie hatte nie einen Zuhälter und hat nie in einem Bordell gearbeitet. Ihre Kunden akquiriert sie im Internet.

Sicher: Bei Weitem nicht alle Prostituierte sind derart selbstbestimmt wie Tanja. Es gibt sie, die Frauen, die für viel zu wenig Geld viel zu viel mit sich machen lassen. Sie zu verleugnen, hieße, sich die Prostitution schönzulügen. Aber ein Verbot wäre auch nichts anderes als eine weitere Form der Wirklichkeitsverleugnung, sagt Tanja: "Was hilft, sind allein Beratung und Aufklärung für die Frauen."