Der Sonntagvormittag gehört gemeinhin zu den schönsten Zeiten der Woche. Ausspannen, wohlfühlen, regenerieren. Bei David Schneeberger ist das nicht anders. Nur dass er den Sonntagvormittag für einen ganz besonderen Ausflug nutzt.

Schneeberger wohnt ganz in der Nähe des Kitzinger Golfplatzes. Hier ist er aufgewachsen, hier kennt er sich aus. Er weiß, wo er das Rohmaterial für seine außergewöhnliche Handwerkskunst findet. Die Stellen, an denen die Golfspieler ihre Bälle liegen lassen.

Zehn Golfbälle findet er mindestens auf seinem rund zweistündigen Spaziergang. Je nach Witterung und Belegung des Platzes unter der Woche können es auch mehr sein. "70 waren bislang mein Rekord", sagt der 38-Jährige. Die eingesammelten Bälle landen in seiner Werkstatt. Und verwandeln sich dort in kleine Monster, Feen, Hasen und vieles mehr.

Wie er bloß auf die Idee gekommen ist, Golfbälle zum Schnitzen zu verwenden? Der gelernte Industriemechaniker denkt kurz nach und grinst dabei in sich hinein. "Bei mir kommen verschiedene Philosophien zusammen - aus der Kunst, dem Umweltschutz und auch von den Pfadfindern", sagt er. "Ich fand schon immer Organisationen wie die Earth First!-Bewegung interessant. Und den Dadaismus, der konventionelle Kunst ablehnt."

Als er seinen ersten Golfball gefunden hat, sei ihm klar geworden, dass er aus diesem achtlos liegen gelassenen Produkt etwas Einzigartiges schaffen wollte. Als begeisterter Hobbyhandwerker und Schnitzer machte er sich daheim gleich ans Werk.

Seit etwa zwei Jahren schnitzt er nun schon aus Golfbällen fantasievolle Figuren. "Über 150 habe ich schon fertig." Die Motive gehen ihm nicht aus. Königin, Nikolaus, Star-Wars-Figuren, King-Kong, Politiker, Totenköpfe, derzeit Osterhasen... Auf Wunsch fertigt er auch Porträts von Freunden an. "Mir gefällt das, wie aus scheinbarem Abfall etwas Wertvolles entsteht." Dass man da auch eine gewisse Sozialkritik herauslesen kann, ist ganz in Schneebergers Sinn. "Unsere Freizeitindustrie ist oft ganz schön kurzlebig..."

Ein Golfball besteht in der Regel aus einer harten Kunststoffschale. Der Kern kann unterschiedlich sein. Mal findet Schneeberger eine Schicht Hartgummi vor, mal mehrere Schichten aus Kunstharz. "Manche haben innen auch ein Gummigeflecht", berichtet er. Seinen Lieblingsball hat die amerikanische Sportfirma Nike hergestellt. "Der lässt sich am leichtesten bearbeiten."

Die äußere Schale des Golfballes knackt David Schneeberger entweder mit einer Zange und halbiert den Ball - oder er sägt die Schale auf und setzt dann eines seiner filigranen Schnitzmesser an.

Ganz vorsichtig muss Schneeberger dabei vorgehen, schließlich ist seine Arbeitsfläche extrem klein: gerade einmal dreieinhalb auf zwei Zentimeter Platz hat er, um seine Figuren aus dem Kunststoff zu erschaffen. Manche Gesichtspartien schleift er nach, andere malt er mit Acrylfarben an, manchmal versiegelt er sie auch mit Klarlack. "Ich bin noch in der Ausprobierphase", sagt er.

Eine Stunde braucht er mindestens für ein neues Kunstwerk. "Manchmal dauert es auch eine ganze Woche bis zur Fertigstellung." Seine eigentliche Arbeit will ja auch getan sein. Über die sozialen Netzwerke sind schon einige Menschen auf sein Hobby aufmerksam geworden. Ein paar geschnitzte Bälle konnte er nach England und in die USA verkaufen.

Zu Weihnachten hat Schneeberger seine "drunken Santas" (zu deutsch: betrunkene Weihnachtsmänner) für einen guten Zweck unters Volk gebracht. Den Verkaufserlös spendete er für die Flüchtlingsarbeit. Den Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Somalia begegnet er seit ein paar Wochen auch jeden Sonntag bei seinem Spaziergang. Die Notunterkunft im Innopark liegt nur ein paar Schritte von seinem Zuhause entfernt. Gleich neben dem Golfplatz.

Kontakt: www.facebook.com/DocMcDuff