Der aktuell erschienene ADFC-Fahrradklimatest bescheinigt Bamberg erneut keine guten Noten. Mit einem Durchschnitt von 3,8 liegt die Domstadt bei den Städten mit einer Einwohnerzahl bis 100 000 noch unter dem Bundesdurchschnitt von 3,7. Potenzial nach oben ist somit in Sachen Fahrradfreundlichkeit weiterhin vorhanden.

Bei der Frage nach dem Sicherheitsgefühl bekommt Bamberg Note 4 von den Teilnehmern der Befragung. Eine Verschlechterung gegenüber dem Vergleichsjahr 2012, als der letzte Klimatest erschienen ist (Note 3,8). Auch der tragische Unfall auf dem Berliner Ring, bei dem am Dreikönigstag eine 24 Jahre alte Radfahrerin ums Leben kam, lässt die Öffentlichkeit aufhorchen. Wie steht es also um Sicherheit und Akzeptanz des Radverkehrs in Bamberg?

Zu einer Gesprächsrunde hat inFranken.de, noch vor Erscheinen des Klimatests, Vertreter des Straßenverkehrsamtes, des Stadtplanungsamtes, des Baureferats, der Polizei, des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) und des Verkehrsclubs (VCD) eingeladen, um über den Status Quo in der Fahrradstadt zu diskutieren. Wie sicher ist der Berliner Ring? Welche Maßnahmen werden ergriffen, um den Radverkehr zu fördern? Welche Schwierigkeiten werden gesehen? Wo gibt es Konflikte mit dem motorisierten Verkehr? Vor welchen Herausforderungen steht man in der Stadt? Viele Fragen, keine leichten Antworten. Wir haben sieben heiß diskutierte Punkte herausgesucht.


1. Interessenkonflikte: Anwohnerparken vs. Radverkehr
Die Radverkehrsstrategie der Stadt sieht vor, den Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr bis 2020 auf 30 Prozent zu erhöhen. Momentan liegt Bamberg bei knapp über 20 Prozent. Um das zu steigern, müssen auch Lücken im Radwegenetz geschlossen werden. Doch geht es in der Stadt eng zu. Der Lückenschluss der "City Route 8", die den Radverkehr aus dem Osten der Stadt über die Starkenfeldstraße, den Pfisterberg und die Marienbrücke zur Innenstadt führen soll, steht beispielsweise noch an. Die Fahrstrecke am Pfisterberg ist erneuert, bald soll der Anschluss in der Peuntstraße erfolgen: Doch müssten dazu wohl Anwohnerparkplätze weichen.

An solchen Stellen sei es nicht einfach, sagt Kornelia Towstoles, Leiterin des Straßenverkehrsamtes. Man habe auch die Interessen der Anwohner zu berücksichtigen. Und Bernhard Leiter vom Planungsamt ergänzt: "Ohne Umbau geht es an der Stelle nicht, doch dazu fehlt das Geld. Also werden dort Parkplätze wegfallen. Wenn denn dieser Abschnitt gemacht wird. Es ist schon oft an solchen Dingen gescheitert."

Letztlich bleibe es eine politische Entscheidung, sagt Michael Schilling vom ADFC. Und: "An solchen Stellen zeigt sich die Fahrradfreundlichkeit einer Kommune." Claus Reinhardt, Sprecher des Baureferats, sieht ebenso die Politik gefordert: "Die muss es aushalten, diesen Interessenkonflikt zu moderieren."


2. GeschwindigkeitIst Tempo 30 die Lösung?
Fahrradstreifen, bauliche Radwege, separate Ampelschaltung... Für Dieter Volk vom VCD gibt es eine "Lösung vor den baulichen Lösungen". Er fordert eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 und Misch-Verkehr. Also eine gemeinsame Fahrbahn für Rad- und Autofahrer. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung lässt sich aber nicht mal eben verordnen: "In der StVO ist klipp und klar geregelt, an welche Regeln ich mich halten muss", sagt Polizeihauptkommissarin Ines Schellmann. Ausnahmen gibt es nur, wenn allgemeiner Konsens herrscht. Und selbst das reicht für die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht immer aus, wie das Beispiel Gaustadter Hauptstraße verdeutlicht. Hier wurde auf 30 begrenzt, "dann hat einer dagegen geklagt und es ist wieder aufgehoben worden", erinnert sich Bernhard Leiter vom Planungsamt.

Letztlich bleibt eine Geschwindigkeitsbegrenzung wohl eine "Einzelfallentscheidung der Straßenverkehrsbehörde". Es sei denn, Bamberg würde sich beispielsweise einer Initiative des Städtetages anschließen. Dann läge wiederum die Verantwortung bei der Bundesregierung, die Regelgeschwindigkeit in den Städten runterzusetzen. Michael Schilling vom ADFC ärgert sich in puncto Geschwindigkeit und Tempo-Einhaltung, dass die städtischen Messstellen veröffentlicht sind. "Es muss jeder die Gefahr im Nacken spüren, ich könnte geblitzt werden", fordert er. Ausgewählt werden die Messstellen so: Polizei und Planungsamt übergeben gemeinsam eine Liste mit circa 100 Vorschlägen an den Stadtrat. Das Gremium trifft dann die Endauswahl. "Das ist eine politische Entscheidung. Erstens zu sagen, ich habe ein bestimmtes Stundenkontingent, und zweitens: Ich will diese Messstellen transparent machen", erklärt Leiter.


3. Stadtplanung: Werkzeugkiste für Verkehrsplaner: Wie entsteht ein Radweg?
"Bamberg ist zum Fahrradfahren gemacht", sagt Michael Schilling. Das ADFC-Mitglied weiß aber auch: "Jeder Radweg ist nur so gut, wie sein Anfang und sein Ende, und am Ende kracht es halt oft." Den Berliner Ring sieht der Radvertreter nicht als besondere Gefahrenquelle. In seinen Augen sind alle Kreuzungen an baulichen Radwegen gefährlich. Bernhard Leiter vom Stadtplanungsamt erklärt, dass die baulichen Radwege in früheren Zeiten entstanden sind, jetzt aber nicht einfach wieder aus der Infrastruktur verschwinden können. "Wenn man eine Kronacher Straße neu baut, wird anders diskutiert, als wenn man eine Lange Straße umgestalten würde." Die neue Route entlang der Kronacher Straße ist auch ein Paradebeispiel für Schilling.

Aus Leiters Sicht gibt es grundsätzlich kein klares "Fahrradwege: ja oder nein". Die Rad-Verkehrsplanung fordert viel Geld, Zeit und hin und wieder auch Kompromisse. In einem Punkt appelliert Leiter die Verkehrsteilnehmer: "Sicherheit erreicht man nicht durch Regeln, es liegt auch am Verkehrsverhalten."


4. Regensburger Ring: Stark befahrene Strecke
Die zunehmenden Studentenzahlen tun ihr Übriges, dass die Herausforderungen im Bereich Radverkehr wachsen. Wie Bernhard Leiter vom Planungsamt der Stadt sagt, verschieben sich auch teilweise die Hauptstrecken des Radverkehrs: Bei der letzten Zählung im Mai 2014, "stellten wir eine signifikante Steigerung an der Memmelsdorfer Straße fest. Am Regensburger Ring sieht man deutlich an den Zahlen, wann Vorlesungswechsel ist." Viele Studenten sind hier unterwegs, sie pendeln zwischen der Universität in der Feldkirchenstraße und den neuen Universitätsgebäuden auf der Erba-Insel.

An anderen Stellen wie an der Kettenbrücke, wo schon immer viel Fahrradverkehr herrschte, habe es dagegen nur eine zehnprozentige Steigerung gegenüber der letzten Radverkehrszählung Ende der 90er Jahre gegeben. Die genauen Zahlen sollen demnächst im Stadtrat vorgestellt werden. "Insgesamt sieht man schon, dass sich bei den Wegen was tut", sagt Bernhard Leiter. An der Memmelsdorfer Straße und dem Regensburger Ring sei deutlich zu sehen, dass hier investiert werden muss, sagen die Vertreter von ADFC und VCD. Bisher müssen die Radfahrer im Begegnungsverkehr fahren. Auch beim Bauamt sieht man Handlungsbedarf. Doch die Haushaltsmittel sind beschränkt. Das Ergebnis der Radverkehrszählung untermauere die Forderung an die Politik, dass ein Ausbau des Radweges notwendig sei, sagt Leiter. Die Strecke am Regensburger Ring könnte - nach langem Ringen - bald für rund eine Million Euro umgebaut werden.


5. Finanzierung: zu wenig Förderung
Die finanzielle Ausstattung der Radverkehrsförderung in der Stadt wird vom VCD wie auch vom ADFC gleichermaßen kritisiert. Vorgesehen sind pro Einwohner 5 Euro. Das sei so beschlossen worden in der Radverkehrsstrategie der Stadt, sagt ADFC-Sprecher Michael Schilling. Doch liegt man weit darunter. 50 000 Euro sind derzeit in den Finanztöpfen pro Jahr für das Radverkehrsprogramm vorgesehen. Man steht also gerade einmal bei einem Siebtel der eigentlich angedachten Fördersumme. Dieter Volk vom VCD kritisiert, dass dadurch Bamberg nicht von der Stelle kommt. "Das muss man dem Stadtrat immer wieder sagen", betont Volk.

Bernhard Leiter vom Planungsamt sieht die Finanzierungsfrage etwas differenzierter: "Sagen wir mal so: 50 000 Euro ist nicht viel." Aber dürfe man nicht außer Acht lassen: "Wenn wir beispielsweise ein Projekt wie die Kronacher Straße bauen, ist das Geld für die Radwege schon dabei, weil es nicht extra ausgewiesen wird. Deshalb ist die Rechnung, was wird für was ausgegeben, ein bisschen schwierig zu machen." Doch gebe es sicherlich Ansätze, was man für eine vergleichbare Stadt ausgeben müsste. In dem Vergleich "müssten wir das Vierfache, Fünffache zur Verfügung haben - jährlich!"


6. Radwegparken: Überwachung von Verstößen schwierig
Im ADFC-Fahrradklimatest fordern die Befragungsteilnehmer mehr Falschparkerkontrollen auf Radwegen. Doch Kornelia Towstoles vom Straßenverkehrsamt betont ebenso wie Oliver Glodeck von der Polizei, dass es für die Ordnungshüter ein Anrennen gegen Windmühlen sei: In der Unteren Königstraße beispielsweise habe man zwar ein Auge auf Autofahrer, die ihr Fahrzeug auf dem Radweg parken. "Wir haben da schon viele Verwarnungen ausgestellt", sagt Towstoles. Doch könne dies nicht ständig überwacht werden. Die Vertreter der Fahrrad-Lobby sehen darin das typische Problem: Der Autofahrer stellt sein Fahrzeug auf dem Radweg ab, weil er nicht den motorisierten Verkehr behindern will - an den Radverkehr denke er dabei nicht, kritisiert Dieter Volk vom VCD.

Wobei das Parken auf dem Radweg gar nicht sein müsste: Die Straße sei breit genug, ein Anlieger könne am Straßenrand kurz halten, ohne dabei den Radweg zu blockieren, so zumindest ist es laut Verkehrsplaner Bernhard Leiter in der Straße vorgesehen.


7. Unfallstatistik: Jeder einzelne Radunfall ist einer zu viel
Die Radunfall-Statistik der Polizei sieht nicht so schlecht aus: Im Jahr 2012 sank die Zahl der Fahrrad-Unfälle in der Stadt Bamberg von 16 auf sechs, im folgenden Jahr nahm die Polizei wieder vier Radunfälle mehr - insgesamt zehn - auf, 2014 waren es elf Verkehrsunfälle.

Am Berliner Ring gab es im Jahr 2012 zwei Abbiegeunfälle, 2013 waren es vier, 2014 sechs Unfälle."Man muss definitiv sagen, im Gesamtgeschehen ist der Berliner Ring vom Verkehrsdurchlauf und den Unfallzahlen nicht auffällig", sagt Polizeihauptkommissarin Ines Schellmann. Unabhängig von den Zahlen sind sich alle in der Runde einig: Jeder Unfall ist einer zu viel.