Peter Lintl war schockiert, als er hörte, dass Tel Aviv angegriffen wird. Dort hat er einen Teil seines Politikwissenschaft-Studiums absolviert. Lintl arbeitet am Lehrstuhl für Politik und Zeitgeschichte des Nahen Ostens in Erlangen und schreibt derzeit seine Doktorarbeit über Israel. Außerdem ist er einer der Gründer des Internetblogs www.fokus-nahost.de.

Bei Tel Aviv schlagen Raketen ein, die Menschen flüchten in Bunker. Was bedeutet das für Israel?
Peter Lintl: Tel Aviv wurde seit dem Irakkrieg nicht beschossen - und aus dem Gazastreifen noch nie. Bisher findet kein massives Bombardement statt, aber es sind einige Raketen eingeschlagen - und das hat drastische Auswirkungen. Es ist ein "Game Change": Es verändert die Situation.
Israel kann jetzt nicht wie 2008 den Gazastreifen bombardieren, bis man glaubt, dass die Hamas ausreichend geschwächt ist. Das klappt nicht mehr. Weil jetzt jeder weiß, dass Tel Aviv nicht mehr sicher ist. Dass die Hamas ein so dicht besiedeltes Gebiet beschießt, wird Israel mit allen Mitteln verhindern. Und wenn die Raketen bis Tel Aviv reichen, dann auch bis zum Atomreaktor bei Dimona.

Mit allen Mitteln: 16.000 Reservisten wurden eingezogen - ist mit einer Bodenoffensive zu rechnen?
Israel bereitet sich zumindest darauf vor. Im Grunde hat es aber kein Interesse, den Gazastreifen erneut zu besetzen - die maßgebliche Frage wird sein, ob der Beschuss Tel Avivs weitergeht. Wenn ja, wird man das mit einer reinen Luftoffensive nicht stoppen können. Dann bleibt Israel aus seiner Sicht nichts anderes übrig, als in den Gazastreifen einzumarschieren. Die Frage ist, was Israel mit einer Militäraktion überhaupt erreichen kann. Ahmed Dschabari wurde diese Woche schon getötet. Er war der Anführer der al-Kassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas. Sein Tod hat den Eskalationsprozess beschleunigt.

Trotzdem muss die Entscheidung, Dschabari zu töten, ja sehr bewusst getroffen worden sein.
Natürlich. Sein Tod ist eine zweischneidige Angelegenheit. Die Hamas ist dadurch geschwächt, denn viele Fäden sind bei Dschabari zusammengelaufen. Andererseits war absehbar, dass die Hamas nach Rache schreit. Außerdem war Dschabari nicht nur der militärische Stratege der Hamas, sondern auch Unterhändler und Ansprechpartner, wenn es zum Beispiel darum ging, einen Waffenstillstand auszuhandeln. Wahrscheinlich war diese Entscheidung einfach Routine: Israel will sich mit einem massiven Militärschlage für ein paar Monate Ruhe erkaufen. Ich bezweifle sehr, dass das diesmal klappt.

Welche Rolle spielt dabei der Wahlkampf in Israel?
Der große Vorteil für die regierende Likud-Partei ist, dass jetzt fast keine andere Partei in den Medien vorkommt - und in neun Wochen wird gewählt. Das birgt aber auch ein Risiko für Likud: wenn der Krieg schlecht läuft, es zu viele Opfer gibt und der Beschuss von Tel Aviv nicht verhindert wird, wenn man nicht gut verkaufen kann, dass man in Gaza einmarschiert - und ich glaube nicht, dass man das kann. Es ist in Israel nicht selten, dass vor Wahlen Kriege ausbrechen - meist hat es der Regierungspartei geholfen. Aber nicht die Wahlen sind der Auslöser des Krieges. Sondern der Nahostkonflikt. Der ist eben da.

Die Vereinten Nationen geben sich ratlos, Amerika hofft auf Ägyptens Vermittlung - welche Rolle spielt Kairo?
Schwer zu sagen. Seit dort die Muslimbrüder an der Macht sind, wird die Hamas offen unterstützt. Das macht es für Israel schwieriger, Ägypten als Vermittler anzuerkennen. Und in der Muslimbruderschaft werden erste Forderungen laut, den Friedensvertrag mit Israel zu kündigen. Das wäre das Worst Case-Szenario.

Könnte der Konflikt so eskalieren, dass andere Länder eingreifen?
Das will ich mir gar nicht vorstellen. Das glaube ich auch nicht. Ich denke nicht, dass es in den nächsten Wochen und Monaten einen Flächenbrand geben wird. Wenn die Israelis den Gazastreifen besetzen und längere Zeit drin bleiben, könnte das langfristig den Frieden erschüttern. Aber auch das scheint mir unwahrscheinlich.

Was bedeutet der Krieg für die ohnehin schlimme Lage der Menschen im Gazastreifen?
Der Unterschied zur Offensive von 2008 ist, das bis jetzt versucht wird, die Zivilbevölkerung nicht zu treffen. Die Angriffe sind sehr massiv, aber auch sehr gezielt. Die langfristigen Auswirkungen werden davon abhängen, wie Israel sich danach verhalten wird, welche Lieferungen in den Gazastreifen hinein gelassen werden. Aber: Seit die Muslimbrüder in Ägypten an der Macht sind, werden dort die Tunnel zum Gazastreifen kaum kontrolliert. Da werden sicher Waffen, aber auch Nahrungsmittel transportiert. Aber die humanitäre Lage wird sich auf jeden Fall verschlimmern.

Das Bild neben dem Interview zeigt eine Palästinenserin in ihrem zerstören Haus. Ein anderes zeigt einen Jungen, der bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde.
Krieg ohne zivile Opfer gibt es nicht. Dazu ist der Gazastreifen auch zu dicht besiedelt. Aber viele Bilder, vieles, was wir sehen, ist Propaganda. Weil wir es von den Akteuren bekommen. Und dafür werden ganz bewusst Kinder benutzt. Von beiden Seiten. Die israelische Propaganda zeigt jetzt auch Kinder, die beschossen wurden. Israel hat ein Imageproblem, und es hat aus den letzten Kriegen gelernt und eine nie dagewesene Medienkampagne gestartet. Der Krieg wurde ja per Twitter erklärt. Der PR-Chef der israelischen Streitkräfte kündigte über Twitter an, dass Hamas-Funktionäre ihre Köpfe besser nicht auf den Straßen von Gaza zeigen sollten - eine Kriegserklärung. Die al-Kassam-Brigaden twitterten zurück: Wir werden euch Israelis überall erwischen. Ihr habt das Tor zur Hölle aufgestoßen.