Den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel beim Wort zu nehmen heißt, den Blick voll Zuversicht in die Zukunft zu richten. Ein Hegelianer lässt sich von der Gegenwart nicht entmutigen, und mag diese den menschlichen Geist noch so sehr beleidigen. Er ist beseelt von der Überzeugung, das Beste liege noch vor der Menschheit und nicht bereits hinter ihr.

Die Lektüre Hegels ist in diesem Sinne auch eine Schule in Optimismus. Hegelianer glauben an die Kraft des Geistes, der Ideen und Gedanken. " Geist bewegt Materie", sagte der Bamberger Philosophieprofessor Christian Illies zum Auftakt der 30. Bamberger Hegelwoche.

In diesem Sinn lässt sich selbst ein so rational denkender und stringent argumentierender ehemaliger Verfassungsrichter wie Paul Kirchhof als ein in den Fortschritt verliebter Hegelianer deuten. In der Aula der Bamberger Universität bestritt Kirchhof den ersten von drei Abenden der Bamberger Hegelwoche.

Vom Kanzler geschmäht

"Das wichtigste Indiz für Pessimismus ist die Hochrechnung", sagte Kirchhoff am Dienstag. Die lineare Verlängerung der Gegenwart in die Zukunft wäre nichts als das Eingeständnis, den Verhältnissen ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Einer breiteren Öffentlichkeit dürfte Kirchhof vor allem Gerhard Schröder bekannt gemacht haben. Im Wahlkampf 2005 schmähte der damalige Kanzler den zum Kompetenzteam Angela Merkels gehörenden Kirchhof als "Professor aus Heidelberg". Dass diese auf populistische Ressentiments schielende Herablassung dem aufgeklärten Geist Paul Kirchhofs nicht im Mindesten gerecht wurde, bewies nicht erst der Bamberger Abend. Dass auch Politiker gut daran täten, ihren Horizont von Wissenschaftlern wie Kirchhof regelmäßig erweitern zu lassen, drängte sich als Gedanke dann aber doch auf.

Denn die Dinge stehen nicht zum Besten. Wieder einmal, immer noch. Die Welt befindet sich am Scheidepunkt, wenn nicht schon am Abgrund. In unterschiedlichen Variationen gab diese unheilvolle Zeitdiagnose vermutlich sämtlichen 29 bisherigen Hegelwochen Rahmen und Form.

Gefährdeter Zusammenhalt

In diesem Jahr bat Organisator Christian Illies seine drei Gästen, öffentlich über den sozialen Zusammenhalt und dessen Gefährdungen nachzudenken: "Auf dass wir aus der Hegelwoche klüger herauskommen als wir reingekommen sind."

Um die aufgestellte These vom brüchigen Zusammenhalt zu verifizieren, bedarf es weder des sensationslüsternen Blicks in das von den Gelbwesten aufgewiegelte Frankreich noch in das über dem Brexit verrückt werdenden Großbritannien.

Auch hier in Bamberg fühlen sich Menschen entkoppelt, der Gesellschaft nicht mehr zugehörig. Darüber setzte in seiner Eröffnungsrede OB Andreas Starke das Publikum ins Bild.

Das Ende des Friedens

Hegel selbst identifizierte drei grundlegende soziale Institutionen, die Gesellschaften zusammenhalten: die Familie, den Staat, die Wirtschaft. Den Staat hält Kirchhof für eine unhintergehbare Voraussetzung menschlicher Freiheit. Auch hier bewegt er sich gedanklich in den Bahnen Hegels: "Das Ende des Staates ist das Ende von Frieden, Sozialstaat und Rechtsprechung", sagte Kirchhof.

Damit der Staat seine verbindenden und gleichzeitig auch freiheitlichen Potenziale entfalten kann, benötigt er Staatsbürger in gleich zweifacher Weise: quantitativ in Form einer sich durch Geburten ständig erneuernden Trägerschicht und qualitativ in Form von im Einklang mit den herrschenden Werten, Normen und Traditionen erzogenen Kindern. Denn Kirchhof begreift eine Gesellschaft als Kulturgemeinschaft, die sich kraft spezifischer Werte, Normen und Traditionen von anderen Kulturgemeinschaften unterscheidet: "Wenn wir unsere Kulturgemeinschaft sichern wollen, brauchen wir Nachwuchs."

Mann, Frau, Kind

Familie ist für Kirchhof der Ort, an dem Staatsbürger zu Gemeinsinn erzogen und zur Freiheit befähigt werden.

Aus dieser Leistung erwächst für Kirchhof die Pflicht, Familien besserzustellen: mit einem steuerlich vorteilhaften Familiensplitting beispielsweise, einem Wahlrecht für Kinder und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Familie, das ist für Kirchhof im Übrigen eine Frau, ein Mann und gemeinsam gezeugte Kinder. Alternativen Familienformen trug er in Bamberg keine Rechnung, weder im Guten noch im Schlechten.

Mit dem Selbstverständnis vieler Zuhörerinnen dürfte Kirchhof am Dienstag gerade dort über Kreuz gelegen haben, wo er den Müttern einen Altar errichtete.

Als "fundamentalen Fehler" kritisierte es der 76-Jährige, dass in der gesellschaftlichen Bewertung von Frauen berufliche Erfolge über der Mutterschaft stünden. Die Unterstellung, er reduziere Frauen auf ihre Rolle als Mutter, parierte Kirchhof am Dienstagabend ohne weltanschaulichen Furor. Es gebe unzählige Varianten eines gelingenden Lebens. Die Kinderlosigkeit sei eine davon. Nur solle diese Entscheidung bewusst getroffen und nicht dem Zufall der Biologie überantwortet werden.

Hegel wäre mit dieser Antwort wohl einverstanden gewesen.