Auf dem Smartphone-Bildschirm taucht ein Videoanruf auf. "Na, wie geht es dir, mein junger Freund?" Florim Gashi spricht zu dem achtjährigen Adri auf Albanisch. "Mir geht es gut. Aber ich habe nicht verstanden, was der Arzt gesagt hat", erzählt der Junge. Im Hintergrund schaut seine Mutter zu. Dass dieses Videotelefonat stattfinden kann, ist vielen helfenden Händen zu verdanken. Denn Adri hat einen angeborenen Herzfehler, der lebensbedrohlich ist. Vor wenigen Tagen hatte er die rettende Operation. Doch alles von Anfang an.

Der kleine Junge hatte immer Schwierigkeiten, mit seinen Freunden auf dem Fußballplatz mitzukicken. Zwar hatte er schon in früheren Jahren eine Operation am Herzen, aber diese konnte sein Leiden bisher nicht vollständig lösen. Doch für den notwendigen Eingriff hatte die Familie damals in Albanien kein Geld: Der Vater hatte als Ziegenhirte alle Hände voll zu tun, seine Frau und die drei Kinder zu versorgen. "Über einen Jungen aus unserem Verein Dardania, welcher mit Adri befreundet ist, erfuhrt ich von seinem Problem", erzählt der Vereinsvorsitzende des albanischen Kulturvereins in Bamberg wie es Ende September zu dem Kontakt kam.

Adri braucht lebensnotwendige OP: Stiftungen helfen

Gashi fragte daraufhin seine gute Freundin Dr. Ulrike Tonsch, wie man mit der Situation umgehen kann. Mit den auf Englisch übersetzten medizinischen Befunden aus Albanien war schnell klar: Adri braucht zeitnah einen weiteren Eingriff. Der Blutdurchfluss ist zusehends gehemmt. Gashi und Tonsch recherchierten und nahmen den Kontakt mit einer Kinderklinik in Duisburg auf. "Dann stellte sich heraus, dass die entsprechende OP 24.000 Euro kosten würde", erklärt Gashi. Also klopfte er bei der Gerald Asamoah Stiftung des bekannten Fußballprofis an, welche sich für herzkranke Kinder stark macht. Diese war bereit, zu unterstützen, wenn noch eine weitere Stiftung ins Boot kommt. Gashi stieß dann bei "Bild hilft e.V. - Ein Herz für Kinder" auf offene Ohren.

Schließlich begann der ganze Papierkram: Gashi war ab Anfang Oktober am Informationen sammeln, Papiere in Albanien und Deutschland beantragen, Flüge und Einreise vorbereiten. Eine intensive Zeit für den 45-jährigen Kosovaren. "Das Leben ist ein Geben und ein Nehmen", findet er. Anfang der 1990er-Jahre kam er selbst in den Genuss der Hilfe in Deutschland. Für ihn steht fest: "Die Deutschen sind ein hilfsbereites Volk." Und deshalb möchte er wann immer möglich etwas zurückgeben. Dann kam das behördliche OK für die Einreise: Adri und seine Eltern durften für sechs Wochen in die Bundesrepublik kommen, um Zeit für den Eingriff und die Erholung danach zu haben. Um die Reisekosten und die Unterkunft in Duisburg zu decken, rief der Dardania e.V. zu Spenden auf. Rund 6000 Euro kamen dabei zusammen. Ein weiteres Glück: Die Coronatests der Familie fielen negativ aus und die Drei konnten mit kurzem Zwischenstopp in Bamberg nach Nordrhein-Westfalen weitereisen. "Ich habe Adri sofort in mein Herz geschlossen", erzählt Gashi. Aber die eigentliche Herausforderung sollte erst noch kommen.

Gashi hat sich dazu auf Papier drei Versionen mit Kugelschreiber skizziert. Darauf sieht man das Herz mit seinen Arterien und Co aufgemalt. Dunkelblaue Stellen zeigen, wo sich die Kanäle verengen. Variante 1: Eine künstliche Herzklappe wird integriert. "Allerdings müsste Adri dann wohl ein Leben lang blutverdünnende Mittel nehmen", erklärt Gashi. Variante 2: Ein kleinerer Eingriff, der falls er nicht funktionieren sollte, Variante 1 nach sich ziehen würde. Variante 3: Eine Transplantation. Gashi musste nun nicht nur Übersetzer, Manager sondern auch Vermittler spielen. "Ich wollte die Entscheidung den Eltern nicht abnehmen, denn ich kann nicht wissen, welche Variante die beste ist." Am Abend vor der OP schickte er nicht nur regelmäßig Nachrichten an den Verein, wie es Adri geht, sondern auch Gebete nach oben, um auf das Beste zu hoffen.

"Sie haben ihm das Leben gerettet"

Tags drauf: Die Eltern haben sich zur zweiten Variante durchgerungen. Und nach drei Stunden OP verkündete der Arzt Dr. Michael Scheid: Es hat geklappt! "Ich sagte zu ihm: ,Sie haben ihm das Leben gerettet.' Er antwortete: ,Nein, das waren Sie.' Ich habe nur meinen Teil dazu beigetragen." Gashi ist sichtlich gerührt und dankbar, als er davon erzählt. Adri hat nicht nur ein einzigartiges Weihnachtsgeschenk, sondern ein neues Leben erhalten. Nun kann der Achtjährige wieder sorgenfrei mit seinen Freunden über den Fußballplatz flitzen.

Außerdem: In Deutschland warten rund 60 Kinder auf ein Spenderherz. Die Aktion "Ich lauf um dein Leben" unterstützt sie durch einen digitalen Spendenlauf - und jeder kann mitmachen.