In vielen Kleingartenanlagen steigt der Migrantenanteil - so auch im Kleingartenverein Sendelbach in Bamberg.
Es ist ein komischer Anblick, als sich der junge kasachische Mann und der alte Deutsche zum ersten Mal die Hand geben. Etwas ungelenk sieht es aus, die Verlegenheit ist auf beiden Seiten zu spüren. Noch haben sich Vitalij Geberling und Elmar Hübner wenig zu sagen.
Vor allem Russen und Türken Vitalij ist mit seiner Frau Julia zum Schrebergarten Sendelbach gekommen, um eine Parzelle zu mieten. Hübner ist der Vorsitzende des Kleingartenvereins, er möchte die Geberlings heute herumführen. Immer häufiger interessieren sich junge Familien aus dem Ostblock für einen Schrebergarten. 30 von 247 Parzellen am Sendelbach, so zählt Hübner auf die Schnelle, werden von Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion bewirtschaftet. Insgesamt sind laut Hübner ein Drittel der Gärtner Einwanderer, Türken sind neben Russen die zweite starke Gruppe.
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Hübner macht es Spaß. "Es ist doch wunderbar, so viele unterschiedliche Kulturen auf einem kleinen Fleck zusammen zu haben", sagt der Vorsitzende.
Vitalij ist ein kleiner Mann, vielleicht 1,75 Meter. Er trägt eine schmucklose Brille mit bronzefarbenem Rand, seine Haare sind kurz geschoren. Das einzig auffällige an ihm ist eine Silberkette mit Amulett, die er um den Hals trägt. Seine Frau Julia ist anders. Man sieht ihr an, dass sie auf ihr Aussehen achtet. Ihre Augenbrauen sind akkurat gezupft, sie ist sorgfältig, aber nicht übertrieben geschminkt. Auf ihre Fingernägel hat sie einen silbernen Streifen aufgetragen. Man kann sich nicht vorstellen, dass diese Hände in der Erde herumwühlen. Dennoch haben die beiden lange für einen Besichtigungstermin gekämpft. Schon im Herbst vergangenen Jahres richtete das Ehepaar eine Bewerbung an den Kleingartenverein, doch die Plätze sind äußerst begehrt.
Nun hat es nach einem halben Jahr endlich geklappt.
Hübner geht vor. Er kennt sich aus in diesem Labyrinth aus Hütten, Zäunen und Hecken. Im vergangenen Jahr feierte er Jubiläum, seit 40 Jahren besitzt er eine Parzelle am Sendelbach. Seit 2003, gleichzeitig mit seinem Renteneintritt, ist er Vorsitzender des Kleingartenvereins. Seine Haare sind ergraut, manchmal hat Hübner Schmerzen im Arm. Dennoch spürt man, dass er für seine Aufgabe brennt. Bei jedem Interessenten achtet er darauf, dass die Bewerber in das Soziotop Kleingarten passen.
Auf dem Weg durch den Kleingarten fallen die Fahnen auf. Vor vielen Lauben sind Flaggen gehisst, die schwarz-rot-goldenen und weiß-blau-roten überwiegen. Der Garten von Andrej Gerok ist noch flaggenfrei. Erst vor wenigen Tagen hat der Kasache mit seiner Frau eine Parzelle bezogen, nun machen sie den Garten sommerfertig.
Der Zaun ist gerade frisch mit grüner Farbe gestrichen, der Geruch beißt in der Nase. Andrej läuft der Schweiß über das Gesicht, die Zigarette hat er im Mundwinkel eingeklemmt. Sein Deutsch ist gebrochen, erst seit fünf Jahren ist er in Deutschland. Andrej arbeitet als Gabelfahrer für eine Spedition, sie ist Hausfrau. Für die Geroks erfüllt sich mit dem Schrebergarten ein kleiner Traum. Vor allem Gemüse möchten sie anbauen: Tomaten, Gurken, Dill und Zwiebeln.
Eine Laube mit Glücksnummer Vitalij und Julia stehen vor ihrer Parzelle. Der erste Eindruck ist positiv: Die Laube hat die Nummer 162. Die 16 ist eine Glückszahl für das junge Paar. "An einem 16. haben wir uns kennen- gelernt. Und am 16. haben ich und einer meiner Söhne Geburtstag", erklärt Julia. Da stört es wenig, dass die Parzelle ihre besten Tage hinter sich hat.
Der Rasen ist fleckig, auf dem kleinen Acker ist schon länger nichts mehr angepflanzt worden und der Apfelbaum ist verdorrt. Auf dem Dach der Laube sammelt sich Rost, innen ist es dunkel, ein Bierkasten mit leeren Flaschen steht in der Ecke.
Dem ehemaligen Besitzer tut der Abschied dennoch weh. Heinz Biggel ist inzwischen über 80, das Alter merkt man ihm an. Er trägt Wollsocken in seinen alten Sandalen, seine Brille war schon vor 20 Jahren nicht mehr modern. Seine Frau ist krank geworden, daher kann er die Parzelle nicht mehr pflegen. Man spürt, wie wichtig ihm sein Garten ist. Immer wieder preist er ihn an, stellenweise muss Hübner ihn bremsen. Denn die Höhe des Kaufpreises steht noch aus. Drei Gutachter des Vereins untersuchen die Parzelle, bevor sie einen Preis festlegen.
Für Vitalij und Julia spielt dieser nur eine untergeordnete Rolle. Für sie steht fest, dass sie die Parzelle kaufen möchten.
Wenn alles klappt, möchten sie im Sommer ihren dreiwöchigen Urlaub in der Kleingartenanlage verbringen. Zum Abschied geben sich der junge kasachische Mann und der alte Deutsche, die jetzt einfach nur noch Mitglieder im gleichen Kleingartenverein sind, die Hand. Von Verlegenheit ist nichts mehr zu spüren.