Bamberg
Interview

Mit einem Schluck wehrlos: "Jeder kann Opfer von K.-o.-Tropfen werden"

Auf Partys, in Diskotheken oder auf Weihnachtsmärkten wird die Flüssigkeit heimlich in Getränke unachtsamer Opfer gegeben. Nicht selten werden diese anschließend ausgeraubt oder vergewaltigt. Die Folgen sind oft dramatisch. Zur Anzeige kommt es aber nur selten.
Gefährliche Mischung: Bereits wenige Tropfen der chemischen Flüssigkeit wirken berauschend und enthemmend.  Foto: dpa
Gefährliche Mischung: Bereits wenige Tropfen der chemischen Flüssigkeit wirken berauschend und enthemmend. Foto: dpa
Der Angeklagte im Bamberger Mordprozess (siehe Artikel unten) hat zu Prozessbeginn ausgesagt, die Droge GBL nur zum Eigengebrauch konsumiert zu haben. Ebenso verbreitet ist aber das bewusste Verabreichen von K.-o.-Tropfen. Auf Partys, in Diskotheken oder auf Weihnachtsmärkten machen Unbekannte ihre Opfer durch die Droge willenlos, um sie anschließend zu berauben oder sogar zu vergewaltigen. Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin beim Weißen Ring, warnt vor den Gefahren und erklärt, wie man sich schützen kann.


Immer wieder werden Frauen und Männer durch die Verabreichung von K.-o.-Tropfen bewusst willenlos gemacht. Wie verbreitet ist dieses Phänomen?
In der Hilfepraxis des Weißen Rings für Opfer von Straftaten finden sich leider gehäuft Fälle wieder, bei denen K.-o.-Tropfen zum Einsatz kamen und in das Getränk oder sogar unter das Essen gemischt wurden. Gemessen an allen Delikten, die wir betreuen, macht die Zahl der K.-o.-Tropfen-Fälle zwar einen vergleichsweise geringen Anteil aus. Aus unserer Opferhilfepraxis wissen wir aber auch, dass sich der Einsatz von K.-o.-Tropfen keinesfalls nur auf Großstädte beschränkt. Auch im ländlichen Raum werden Unschuldige immer wieder zu Opfern.

Nur selten kommt es nach einer Straftat auch zur Anzeige. Woran liegt das?
Dunkelfelder spielen im Bereich der K.-o.-Tropfen durchaus eine Rolle. Es gibt keine zweifelsfreie allgemeine Statistik zu der Anzahl von Straftaten, weil der Tatbestand nur schwer zu erfassen ist. Das liegt zum einen an der geringen Zeit der Nachweisbarkeit und zum anderen an der fehlenden Definition des Gegenstands. Die perfide Ausnutzung von lockerer Partyatmosphäre und alkoholbedingter Enthemmung macht eine Beweissicherung häufig schwer. Unabhängig von den Problemen bei der statistischen Erfassung ist jeder einzelne Fall natürlich einer zu viel.


"Machtlosigkeit wird gezielt ausgenutzt"


Was ist die Hauptzielgruppe der Täter?
Jeder kann Opfer von K.-o.-Tropfen werden. Vorwiegend sind es aber junge Frauen. Häufig verfolgen Täter das Ziel, ihre Opfer willenlos zu machen und sie anschließend zu berauben oder sogar zu vergewaltigen. Machtlosigkeit wird gezielt ausgenutzt.

Gibt es Orte, an denen man besonders achtsam sein sollte?
K.-o.-Tropfen werden unter anderem in Diskotheken, Bars, Clubs oder Restaurants verabreicht. Vorfälle gibt es aber natürlich auch auf Weihnachtsmärkten. Eine Rolle spielt in diesem Zusammenhang die lockere Atmosphäre und eine gewisse alkoholbedingte Enthemmung.

K.-o.-Tropfen sind farb- und geruchlos. Wie erkennt man, dass einem die Droge verabreicht wurde?
Meistens setzen zehn bis 20 Minuten nach der Einnahme Schwindelgefühle und Übelkeit ein. Typisch ist der Blackout, denn die Wirkstoffe verursachen eine totale Amnesie für den Zeitraum ab der Einnahme der Tropfen. Das heißt, dass das Opfer von Beginn der Wirkung der Tropfen bis zum Nachlassen keinerlei Erinnerung an das Geschehene hat.


"Das eigene Glas nie unbeaufsichtigt lassen"


Wie kann man sich schützen?
Das eigene Glas nie unbeobachtet lassen! Wer sich unsicher ist, ob jemand Zugriff auf das Glas oder die offene Flasche hatte, sollte das Getränk lieber nicht austrinken. Außerdem sollte kein offenes Getränk von Unbekannten angenommen werden, schon gar nicht nach einem Überredungsversuch. Es ist sinnvoll, auf das eigene Bauchgefühl zu hören und Personen zu meiden, in deren Gegenwart man sich unwohl fühlt.

Was sollte man tun, wenn man Opfer von K.-o.-Tropfen wurde?
Wer sich nach dem Verzehr eines Getränks unwohl fühlt, sollte sich an Freunde, Bekannte oder das Personal wenden. Es sollte nicht gezögert werden, die Disco oder den Weihnachtsmarkt zu verlassen - am besten gemeinsam mit Vertrauten. Wer den Verdacht hat, Opfer von K.-o.-Tropfen geworden zu sein, sollte sich unbedingt bei einem Arzt melden oder direkt in die Ambulanz eines Krankenhauses fahren.

Das Gespräch führte
Christian Pack
.




Kaum statistische Erhebungen

Wie viele Fälle von Vergewaltigungen oder Diebstahlsdelikte mithilfe von K.-o.-Tropfen es in Deutschland gibt, ist unbekannt, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich enorm hoch. Auch das Bundeskriminalamt hat nur wenige Zahlen. Seine Statistik erfasst nur Fälle, in denen potenzielle Täter beim Handel mit K.-o.-Tropfen oder mit solchen Mitteln in der Tasche erwischt wurden - und deren Zahl ist gering. 120 Fälle waren es bundesweit 2013.

Gammabutyrolacton (GBL) ist eine durchsichtige chemische Flüssigkeit, die unter der Bezeichnung "K.-o.-Tropfen" oder " Liquid Ecstasy" bekannt ist. GBL fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Im Internet wird es als Reinigungsmittel getarnt angeboten.